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Champions League : Bayern und Arsenal suchen den verlorenen Zauber

Wie kann man die Mauer in den Köpfen überwinden: Carlo Ancelotti hofft auf Thiago (r.) Bild: AFP

Bayern gegen Arsenal: Ein Déjà-vu und wohl doch etwas Neuartiges. Carlo Ancelotti und Arsène Wenger definieren ihre Teams vor dem bislang gefährlichsten Spiel der Saison über den guten Charakter.

          Bayern gegen Arsenal im Achtelfinale der Champions League (20.45 Uhr/ live in ZDF, Sky und F.A.Z.-Liveticker), das ist ein Déjà-vu und wohl doch etwas Neuartiges. Im Vergleich zu 2013 und 2014, als die Bayern jeweils das Hinspiel in London gewannen und mit überlegener Spielkunst die Basis fürs Weiterkommen schufen, ehe die Engländer erst im Rückspiel in München und damit zu spät ihre Stärken zeigten, haben sich die Schwerpunkte etwas verschoben.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Arsène Wenger, Trainer von Arsenal, nannte nach zuletzt schwachen Leistungen den mühevollen 2:0-Sieg gegen Hull City am Samstag einen „Charaktertest“. Nach dem 2:0-Sieg der gleichfalls glanzlosen Bayern am selben Tag in Ingolstadt lobte auch Kollege Carlo Ancelotti den „Charakter“ seines Teams. Und sagte im Hinblick auf das Spiel an diesem Mittwoch: „Charakter wird der Schlüssel sein.“

          Trainer und Star: Arsene Wenger und Mesut Özil

          Es ist die Rhetorik zweier Trainer, die das gute Spiel suchen und die nun, um vor dem bisher gefährlichsten Spiel der Saison das Positive zu finden, ihr Team lieber über etwas anderes definieren. Etwas, für das nur Wille, nicht Können nötig ist: den guten Charakter. Wenn es dann spielerisch läuft, muss er nicht weiter betont werden, weil er dann selbstverständlich ist.

          Trainer stehen immer unter Druck, Erfolgstrainer immer unter dem der Vergangenheit. Ancelotti durch den Vergleich mit Pep Guardiola, Wenger durch den Vergleich mit dem, der er selbst war. Beide, Guardiola und der jüngere Wenger, wirkten spielerisch inspirierender. Doch der Druck im internationalen Vergleich ist unterschiedlich durch die nationale Liga. Ancelottis Team steht weit vorn, weil die deutsche Konkurrenz so schwach ist; Wengers Team steht abgeschlagen da, weil mindestens ein Konkurrent zu stark ist.

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          Beim 1:3 bei Tabellenführer Chelsea, durch das Arsenal die Meisterschaft wohl schon jetzt zum vierzehnten Mal nacheinander verspielt hat, gab es Transparente von Arsenal-Fans, die ihn aufforderten zu gehen, und Chöre von Chelsea-Fans, die ihn aufforderten zu bleiben. Dem 67-jährigen Elsässer, seit 1996 bei Arsenal, liegt das Angebot einer Vertragsverlängerung um weitere zwei Jahre vor. Er hat sich noch nicht erklärt.

          Jeder der beiden Trainer hat einen potentiellen Problemlöser im Team, einen Zauberkünstler am Ball, dem die Verwandlung des Teams, ja des eigenen Spiels, zuletzt aber nicht gelingen will. Thiago Alcántara, von Guardiola aus Barcelona mitgebracht, brillierte nach dessen Weggang zu Beginn dieser Saison und spielte im September in Hamburg mit einem Volley-Slice über fünfzig Meter zum Siegtor vielleicht den Pass des Jahres. Doch seitdem schwankt die Form. Und immer noch muss der 25-jährige Spanier, nur lethargischer Beobachter bei der entscheidenden Szene der letzten Saison, dem Solo von Saúl Niguez zum 0:1 bei Atlético Madrid im Halbfinale, den Beweis antreten, ein Mann für die ganz großen Aufgaben zu sein; nicht nur für funkelnde Kleinkunst.

          Wengers Star arbeitet sich bereits einige Jahre länger an dieser Erwartung ab. Ist Mesut Özil der Mann der Zukunft für Arsenal? Nicht nur eine Frage in den aktuellen Vertragsverhandlungen. Seit er 2013 für fünfzig Millionen Euro von Real Madrid kam, hat Özil gegen kleine Gegner oft geglänzt, gegen große seltener, und gewonnen hat Arsenal nichts. Vergangene Saison ragte der deutsche Weltmeister als Vorbereiter von neunzehn Treffern heraus, in dieser ist er mit erst fünf „Assists“ abgetaucht. Seit über zwei Monaten wartet er auf einen Torerfolg, und so langsam macht sich Wenger Sorgen. „Ich hatte das Gefühl, dass er heute technisch nicht sicher war“, sagte Wenger nach dem Spiel gegen Hull über seinen technisch begabtesten Spieler. „Er muss das Selbstvertrauen wiederfinden. Er lässt Chancen aus, die nicht unmöglich für ihn aussehen.“

          So könnte es sein, dass zwei Teams, die sich früher vor allem über spielerische Klasse definierten, die Bayern in drei Guardiola-Jahren, die Londoner in zwanzig Wenger-Jahren, die aber beide irgendwann an spielerischer Struktur verloren und aktuell nicht so richtig in Schuss scheinen - dass also Bayern und Arsenal in ihr Duell tatsächlich mit derselben Mentalität wie in Spiele gegen Ingolstadt und Hull gehen werden. Vor allem Wenger will nach sechsmaligem Achtelfinal-Aus nacheinander, wobei meist schon das Hinspiel alles entschied, nun „das Rückspiel schützen“, also ein Ergebnis holen, egal wie. Dem Gegenspieler Ancelotti, Italiener und dreifacher ChampionsLeague-Sieger, wird diese Denkweise nicht wesensfremd sein.

          Sie ist es nicht mal seinem kleinen Zauberlehrling Thiago. „Fußball ist der einzige Sport auf der Welt, wo du beschissen spielen und trotzdem gewinnen kannst“, sagte er im Interview mit der britischen „Daily Mail“. „Am Ende geht es nicht um statistische Werte. Du kannst zehnmal im Strafraum sein und schießen - und schießt kein Tor. Und dann kommt die andere Mannschaft, mit einem Prozent Ballbesitz, einmal nach vorn, holt eine Ecke raus - und peng. Das ist Fußball. Wenn du Basketball spielst oder Golf, dann wirst du so nicht gewinnen. Im Fußball aber kann das passieren.“ Am Mittwoch will keiner derjenige sein, dem es passiert.

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