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4:2 nach Verlängerung : Die Bayern schlüpfen gegen Juventus ins Viertelfinale

Entscheidender Treffer: Thiago bringt seine Bayern in Führung Bild: AFP

Bayern München war schon so gut wie draußen: Dann müllert es und der deutsche Meister qualifiziert sich doch noch fürs Viertelfinale der Champions League. In der Verlängerung ist der deutsche Meister gegen Juventus Turin nicht mehr aufzuhalten.

          Am Mittwochabend um 22.33 Uhr war die Ära Guardiola beim FC Bayern praktisch vorbei – seine dreijährige Zeit in München, die am Ende in diesem Mai vor allem an seinem Erfolg in der Champions League gemessen wird. Die Nachspielzeit gegen Juventus Turin hatte begonnen, und der große Favorit stand dicht vor dem Aus. Doch dann schlich sich Thomas Müller am hinteren Pfosten frei, bekam die Flanke und köpfte in letzter Minute den Ausgleich zum 2:2.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          In der Verlängerung, die dadurch nötig geworden war, versetzten die Bayern den Italienern dann den K.o. durch einen Doppelschlag der eingewechselten Thiago Alcántara und Kingsley Coman. Das 4:2 war die Krönung einer unglaublichen Wende durch den deutschen Meister, der siebzig Minuten lang wie der sichere Verlierer ausgesehen hatte – am Ende ein Triumph des schieren Willens.

          Paul Pogba hatte den italienischen Meister früh in Führung gebracht (6. Minute), Juan Cuadrado traf zum 0:2 (29.). Robert Lewandowski löste mit dem Anschlusstreffer (72.) noch einmal den Glauben an eine Wende aus, die durch Müllers späten Ausgleich dann Gestalt annahm (90.). Dann trafen Thiago (108.) und Coman (110.) – und eines der größten Comebacks der Bayern in der Champions League war geschafft.

          Das frühe 1:0 - Paul Pogba (l.) hat getroffen Bilderstrecke

          „Ein unglaublicher Abend heute“, sagte Kapitän Philipp Lahm im ZDF. „Vielleicht schweißt so ein Spiel noch mehr zusammen. Das Publikum hat uns unglaublich nach vorne gepusht.“ Torwart Manuel Neuer lobte die Leistungssteigerung seiner Vorderleute: „In der Verlängerung haben wir gesehen, wie wir in der Lage sind, Fußball zu spielen.“

          „Verteidigen, lauern, Fehler ausnutzen“, so hatte Lahm den Plan der Italiener vorhergesagt, die man nach dem kurzfristigen Ausfall der beiden Stürmer Paolo Dybala und Mario Mandzukic eher vorsichtig erwartet hatte. „Die haben diese Ruhe, es macht ihnen nichts, wenn es lange 0:0 steht.“ Er täuschte sich – die Italiener lauerten nicht, sie überraschten mit frühem Pressing. Die Bayern wirkten überrumpelt.

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          Allen voran David Alaba, der einen gefühlvollen Steilpass des stark agierenden Sami Khedira, der über ihn hinweg flog, falsch berechnete. Der Österreicher bekam den Ball nicht unter Kontrolle, so dass ihn Juve-Rechtsverteidiger Stéphane Lichtsteiner zwischen Alaba und dem herausgeeilten Torwart Manuel Neuer erwischen und quer zu Pogba spielen konnte. Der Franzose schob die Kugel durch Lahms Beine ins leere Tor.

          So war das nicht vorgesehen im Plan des Taktik-Tüftlers Guardiola. Dessen Gegenüber Massimiliano Allegri hatte sich selbst als anderen Trainer-Typen charakterisiert: „Ich bin ein intuitiver Typ. Ich verlasse mich lieber auf meine Eingebung als auf mein Taktikschema vom Vorabend der Partie.“

          Die Intuition des Italieners war über weite Strecken der Partie die richtige – die Bayern wirkten ungewohnt ratlos. Über die Flügel erzielten Douglas Costa und Franck Ribéry kaum einmal die erhoffte Gefahr. Und die beiden Torjäger Lewandowski und Müller kamen gegen die starke Turiner Abwehr einfach nicht zum Abschluss – bis Müller kurz vor der Pause, von Costa eingesetzt, an Torwart Gianluigi Buffon scheiterte und der Abpraller von Lewandowskis Körper ins Aus sprang. Es war, in der 42. Minute, die erste Münchner Torchance.

          Zu diesem Zeitpunkt stand es schon 0:2, und die Bayern hatten mehrfach ihre Verunsicherung offenbart. Neuer hatte nach 22 Minuten nach einer missglückten Abwehr Glück, dass Alvaro Morata, der den Ball ins Tor hob, zu Unrecht wegen Abseits zurückgepfiffen wurde.

          Doch sechs Minuten später hielt niemand den spanischen Stürmer auf, der mit einem Fünfzig-Meter-Solo an drei Bayern vorbei durchs Mittelfeld stieß, dann nach rechts zum freien Cuadrado passte, der erst mit einer Schussfinte Lahm aussteigen ließ und dann ins rechte obere Toreck traf. Nach 43 Minuten hatte der Kolumbianer sogar die große Chance zum 0:3, er scheiterte nach Pogba-Vorlage aus kurzer Distanz an Neuer, ehe Lichtsteiner im Nachschuss knapp verfehlte.

          Nach der Pause verschoben sich die Gewichte zunächst kaum. Der überragende Morata spielte die halbe Bayern-Abwehr schwindlig und schoss, von einem Abwehrbein abgefälscht, knapp drüber. Die Bayern dagegen brauchten dagegen sehr lange, um den Weg zum Tor zu finden. Es fehlten bis in die Schlussphase die Präzision und Phantasie, um den Turiner Abwehrblock aufzuhebeln - bis sich Lewandowski frei schlich und von Costa mit einer guten Flanke zum 1:2 bedient wurde. Die dadurch ausgelöste Schlussoffensive schien zu verpuffen, dann aber gewann Arturo Vidal den Ball vor dem Juve-Strafraum, spielte nach rechts zum eingewechselten Kingsley Coman, und dessen Flanke brachte den Ausgleich durch Müller.

          „Es war faktisch ein Déjà-vu, nur mit umgekehrtem Ausgang“, sagte Bayerns Vorstandsvorsitzender Karl-Heinz Rummenigge. „Die Mannschaft hat Charakter bewiesen. Das sind Spiele, die dazu führen können, dass du weit kommen kannst, aber es sind auch Herzfrequenzspiele.“ Müller sprach von einem „bisschen verrückten Spiel“.

          Die beste Gelegenheit zur Entscheidung hatte zunächst Juve durch Lichtsteiner, der nach Vorlage des eingewechselten Mandzukic mit seinem Schuss an Neuer scheiterte (92.). Dann nahm Thiago einen Lewandowski-Pass auf - und Coman vollendete einen Konter. Es war eine Verlängerung zum Feiern für Bayern-Fans – sie hat die Ära Guardiola vor einem verfrühten Ende bewahrt.

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