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Bartomeu verlässt Barça : Den Machtkampf verloren

Fingerzeig zum Abschied: Der scheidende Präsident Josep Maria Bartomeu Bild: EPA

Lange versuchte Barças nun ehemaliger Klubchef Josep Maria Bartomeu seinen Abgang zu verhindern; drängte mit allen Mitteln darauf, die Mitgliederversammlung zu verschieben. Schließlich schoss er sich mit einer unbeliebten Idee selbst ins Abseits.

  • -Aktualisiert am
          3 Min.

          Eigentlich kann ein Fußballprofi keinen Vereinspräsidenten entlassen. Es sei denn, der Profi heißt Leo Messi. „Hier gibt es seit langem kein Projekt mehr, nichts. Hier wird nur ein Loch nach dem anderen gestopft“, sagte der Argentinier vor einem Monat, als er den FC Barcelona verlassen wollte, Klubchef Josep Maria Bartomeu aber auf der Einhaltung des noch ein Jahr gültigen Arbeitsvertrags bestand. Messi ist geblieben. Doch Bartomeu hielt dem Druck nicht mehr stand, er ist zusammen mit seinem gesamten Präsidium nur einen Tag vor dem Champions-League-Spiel bei Juventus Turin an diesem Mittwoch (21.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Champions League und bei DAZN) zurückgetreten.

          Barças Statuten zufolge können 15 Prozent der stimmberechtigten Mitglieder ein Misstrauensvotum einfordern, um eine Abstimmung über den Rücktritt des Vorsitzenden abzuhalten. Die Opposition gegen Bartomeu hat inzwischen knapp 20.000 Unterschriften zusammen, mehr als genug. Dennoch wollte Bartomeu die nächsten Monate bis März irgendwie überstehen. Dann wäre sein Mandat sowieso zu Ende gewesen. Noch am Montag hatte Bartomeu erklärt, er werde auf keinen Fall zurücktreten.

          Champions League

          Der Klubchef hatte mit allen Mitteln versucht, die Mitgliederversammlung hinauszuzögern. So hat er angebliche Unterschriftsfälschungen bei der spanischen Guardia Civil angezeigt. Er argumentierte zudem, eine Versammlung lasse sich unter dem wegen der Pandemie geltenden Versammlungsverbot gar nicht abhalten. Denn eine Abstimmung per Internet würden die Statuten nicht zulassen. Die Argumentation ist schlüssig, immerhin diskutieren die Behörden gerade über eine Ausweitung der Kontaktbeschränkungen bis hin zu einer allgemeinen Ausgangssperre.

          Wollte katalanische Unabhängigkeitsregierung Bartomeu schassen?

          Dennoch widersprach die katalanische Regionalregierung. Sie sieht ausreichend Spielraum in den Ausnahmeregelungen für eine Mitgliederversammlung, es müssten lediglich die Gesundheitsvorschriften beachtet werden. Bartomeu wollte daraufhin mehr als 20 dezentrale Versammlungen abhalten, erklärte aber, dafür Zeit zur Vorbereitung zu benötigen. Doch auch das hielt die Regionalregierung nicht für notwendig, weshalb spanische Medien nun spekulieren, die von den Unabhängigkeitsanhängern gestellte Regionalregierung habe Bartomeu loswerden wollen.

          Bartomeu ist nicht nur über Messis Wechselabsichten gestürzt. Seine Personalpolitik war seit seinem Amtsantritt umstritten und wurde auch schon lange von Spielern in den sozialen Netzwerken kritisiert. 2014 hatte er die Amtsgeschäfte vom damaligen Vorsitzenden Sandro Rosell übernommen, der über Unregelmäßigkeiten bei der Verpflichtung von Neymar gestürzt war. Im Sommer 2015 nutzte Bartomeu den Jubel über das Triple, den Gewinn von Champions League, Meisterschaft und Königspokal, um sich im Amt bestätigen zu lassen. Doch er trennte sich auch von Sportdirektor Andoni Zubizarreta und damit vom sportlichen Erfolg. Vier weitere Sportmanager folgten, Bartomeu verpflichtete in fast sieben Jahren zudem fünf Trainer. Das ist viel Personal, aber ein Konzept war nicht erkennbar. Die 13 Titel, die der Verein in dieser Zeit holte, darunter vier Meisterschaften, vier spanische Königspokale und ein Sieg in der Champions League, konnten darüber jedoch lange hinwegtäuschen.

          Dabei begann die Erosion in Barcelona schon kurz nach Bartomeus Amtsantritt. Mittelfelddirigent Xavi verließ die Traummannschaft als Erster, er ging 2015 nach Qatar. Andrés Iniesta lässt seine Karriere seit 2018 in Japan ausklingen, und auch Messi sind seine inzwischen 33 Jahre anzumerken. Neymar verließ Barcelona 2017 für sagenhafte 222 Millionen Euro in Richtung Paris. Das viele Geld blieb nicht lange in Barcelona: Coutinho, Dembélé oder Griezman kosteten und verdienen viel, ohne dass mit ihnen die Glanzzeiten zurückgekehrt wären. Ob ein weitsichtigerer Vereinspräsident auf dem überhitzten Transfermarkt mehr Glück gehabt hätte, mag dahingestellt sein. Aber Barça hat an der Spirale aus überhöhten Gehältern und astronomischen Ablösesummen selbst mitgedreht, nun kämpft der Klub mit den Folgen. In der vergangenen Saison musste Bartomeu erstmals Verluste von 97 Millionen Euro ausweisen, kurz vor seinem Rücktritt hatte er mit den Spielern noch über einen abermaligen Gehaltsverzicht verhandeln wollen. Dennoch hatte er zuletzt zahlreiche Spielerverträge bis zu sechs Jahre verlängert.

          Der Angst, angesichts der sportlichen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten von der Fußballelite Europas abgehängt zu werden, mag auch die letzte Amtshandlung des alten Präsidiums geschuldet sein. Barça solle Teil einer künftigen europäischen Superliga werden, sagte Bartomeu, nachdem er seinen Rücktritt bekanntgegeben hatte. Dies garantiere die finanzielle Stabilität des Vereins. Er schränkte aber ein: „Die Entscheidung, an dem Wettbewerb teilzunehmen, muss von der künftigen Mitgliederversammlung bestätigt werden.“ Javier Tebas, Chef der spanischen Profiliga, urteilte, die Entscheidung zeige, wie wenig Bartomeu vom Fußballgeschäft verstehe. Es sei ein trauriges Ende einer Amtszeit mit Licht und zuletzt auch Schatten.

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