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Borussia Dortmund : Wie aus Witsel ein Teil des Problems wurde

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Schwarz-gelbe Schieflage: Axel Witsel und Borussia Dortmund sind aus der Balance geraten. Bild: AP

In der Dortmunder Hochphase wurde der Neuzugang hoch gelobt. Nun aber hat Axel Witsels Dominanz als Herrscher der Räume gelitten. Es treten grundlegende Mängel hervor. Wie konnte das nur passieren?

          Ziemlich genau drei Monate ist es nun her, dass Matthias Sammer Axel Witsel als „Herzstück“ einer hinreißend schön spielenden Fußballmannschaft feierte. In den süßen Herbstwochen eilte Borussia Dortmund von Sieg zu Sieg, der belgische Mittelfeldspieler lenkte nicht nur Rhythmus und Tempo, er verlieh dem Konstrukt voller junger und filigraner Profis auch eine beeindruckende Stabilität. Nun ist der BVB längst nicht mehr so beständig, braucht ein kleines Wunder, um an diesem Dienstagabend (21.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Champions League und bei Sky) im Achtelfinale der Champions League gegen Tottenham Hotspur das 0:3 aus dem Hinspiel aufzuholen, aber Witsel steht immer noch im Zentrum: weniger als Herzstück denn als Teilstück des Problems. Denn jenseits all der individuellen Fehler in der Defensive und dem Mangel an Effizienz bei den eigenen Chancen schwimmt Witsel inzwischen mit, statt wie in der Hinrunde für Stabilität und für Sicherheit auf dem Platz zu sorgen.

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          Dort, wo Witsel in den guten Tagen die engen Duelle gewann, wo er Bälle behauptete, die die meisten Kollegen verlieren, passieren plötzlich Fehler. Witsels Dominanz als Herrscher über die Räume hat gelitten, und nun treten auch grundlegende Mängel hervor, die in seinen ersten Monaten beim BVB kaum jemandem aufgefallen sind: Das Stilmittel des langen Flügelwechsels, das andere vor der Abwehr agierende Mittelfeldspieler wie Toni Kroos oder Thiago so brillant beherrschen, fehlt im Repertoire Witsels. Gerade gegen die tief stehenden Außenseiter, gegen die die Dortmunder zuletzt so viele Punkte liegen ließen, sind solche Spielverlagerungen probates Mittel. Witsel aber spielt fast immer flach, und die Präzision seiner Zuspiele in die Räume rund um den Strafraum hat nachgelassen.

          Überspielt sei Witsel, glauben die einen, in allen 24 bisherigen Bundesligapartien wurde er eingesetzt, dabei nur einmal aus- und einmal eingewechselt. In der Champions League spielte er in sechs der sieben bislang absolvierten Begegnungen, aber die Winterpause ist noch gar nicht so lange her, und zuletzt konnte der BVB sich jeweils in zwei langen Wochen ohne Pokalpartien auf den jeweils nächsten Gegner vorbereiten. „Müdigkeit kommt nicht in Frage“, sagt Trainer Lucien Favre. Eine andere mögliche Ursache für Witsels Formknick ist daher, dass er einfach nicht vertraut ist mit den Dynamiken so einer langen Saison mit den vielen englischen Wochen in unterschiedlichen Wettbewerben auf diesem Niveau. In so einer starken Liga wie der Bundesliga hat der 29 Jahre alte Profi bisher nicht gespielt, es liegt auf der Hand, dass dieser Mangel an Erfahrung zumindest ein kleiner Stein im Mosaik des Abschwungs ist.

          Als Angehöriger eines Spitzenteams in Belgien, Portugal, Russland oder China, wo er zuvor angestellt war, ist es eher möglich, auch mal einen Gang runterzuschalten, gegen schwächere Gegner Kraftressourcen zu schonen, was ja nicht nur die Physis betrifft. Auch die mentalen Belastungen sind enorm, die Versuchung ist groß, irgendwann im langen Saisonmarathon auch mal die Dauerspannung rauszunehmen. Dass einige Dortmunder dazu neigen, nicht immer mit vollem Einsatz anzutreten, kritisiert nun auch Michael Zorc. „Ich hatte zuletzt das Gefühl, dass immer drei, vier Prozent gefehlt haben. Sei es, was die Konzentration angeht, sei es, was die Fokussierung angeht“, sagt der Sportdirektor. Aber „wer Meister werden will, der muss in jedem Spiel bei 100 Prozent sein. Nicht bei 99, 98 oder 97.“

          Gemeint ist hier sicher auch Witsel, der mit seiner Reife, seiner strukturierenden Spielweise und seiner Position auf dem Feld prädestiniert wäre für die Rolle als Anführer, der die anderen antreibt, der dem von Zorc angesprochenen Spannungsabfall entgegenwirkt. Aber das liegt nicht in seinem Naturell. „Gemeinsam durch alle Hochs und Tiefs“, twitterte Witsel vor dem Duell mit Tottenham, das klingt nach einem großen Bedürfnis nach Harmonie und nicht nach dem Wunsch, die Mannschaft mitzureißen. Es ist bezeichnend, dass sich in diesen schwierigen Wochen eher Torhüter Roman Bürki in der Öffentlichkeit als größter Aufrüttler profiliert, wenn man einmal von Matthias Sammer absieht, der als externer Berater aber nicht ins Tagesgeschäft eingebunden ist.

          Bis vor acht Monaten war Bürki noch hoch umstritten, weil er auf dem Platz Fehler produzierte und neben dem Platz dazu neigte, kritikwürdige Entwicklungen zu beschönigen. Nun hat der Schweizer einen erstaunlichen Reifeprozess durchlaufen, Witsel hingegen ist ein Mann, der eher still ist. Als es lief, funktionierte die Mannschaft mit ihrem ebenfalls nicht als besonders krisenresistent bekannten Trainer und ihren Führungsfiguren ganz hervorragend, die Dortmunder waren äußerst geschickt darin, den langen Erfolgslauf mit immer neuen Kapiteln anzureichern. Weniger gut beherrschen sie die Kunst, Energien aus einer schlechten Phase zu ziehen, an Widerständen zu wachsen. Und das hängt sicher nicht zuletzt mit den Persönlichkeiten zusammen, die das Wesen dieses Teams prägen.

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