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Leverkusen-Profi Aranguiz : Bayers Herrscher über die Balance

  • -Aktualisiert am

Daumen hoch: Charles Aranguiz ist ein Faktor für derzeit aufstreben Form Bayer Leverkusens. Bild: Reuters

Charles Aranguiz gilt als unverzichtbarer Chefstratege bei Bayer Leverkusen. Doch das Spiel gegen Juventus Turin könnte für den Chilenen der letzte Champions-League-Auftritt im Bayer-Trikot werden.

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          Es ist nicht unwahrscheinlich, dass ein Spieler am Mittwochabend ganz still und für sich allein Abschied nehmen wird vom größten Vereinswettbewerb für Fußballprofis auf diesem Planeten. Sollte Bayer Leverkusen nach der Begegnung mit Juventus Turin aus der Champions League (21 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Champions League und bei DAZN) ausgeschieden sein, weiß Charles Aranguiz’ womöglich schon, dass dies sein allerletzter Auftritt in der Königsklasse war. Der Werksklub kann das Achtelfinale nur mit einem Sieg gegen Juventus und einem gleichzeitigen Punktgewinn von Lokomotive Moskau bei Altético Madrid erreichen, und Aranguiz Vertrag läuft im kommenden Sommer aus.

          Champions League

          Der Chilene ist mittlerweile 30 Jahre alt, und seine Frau Fernanda hat große Sehnsucht nach der südamerikanischen Heimat. Seit Monaten versuchen die Leverkusener Verantwortlichen den Kontrakt mit ihrem Chefstrategen zu verlängern, bislang ohne Erfolg. „Wir haben verabredet, dass wir uns in den nächsten Wochen noch mal zusammensetzen“, sagt Sport-Vorstand Rudi Völler. „Ich weiß, dass er sich bei uns wohl fühlt. In der Mannschaft ist er total anerkannt.“ Aber in Südamerika gibt es verschiedene Klubs, die sich große Hoffnungen auf eine Verpflichtung des Chilenen machen, dessen Fähigkeiten oftmals gar nicht mit der angemessenen Wertschätzung gewürdigt werden.

          Aranguiz ist ein Spieler, den Fachleute aufgrund seiner vielen kleinen und sehr klugen Aktionen und wegen seiner Präsenz in Momenten nach Ballverlusten feiern. Zuschauern, die nicht so genau auf die Details schauen, fällt Aranguiz hingegen vor allem dann auf, wenn er nicht auf dem Rasen steht. „Mit Charly ist es ein anderes Spiel, das muss man ganz ehrlich sagen“, findet Trainer Peter Bosz. Als Aranguiz im Oktober wegen eines Haarrisses im Fuß verletzt ausfiel, ließ Bayer Leverkusen gegen Eintracht Frankfurt (0:3), Werder Bremen (2:2) und Borussia Mönchengladbach (1:2) insgesamt sieben Gegentore zu und erlebte die schwierigste Phase der laufenden Saison. In den elf Spielen mit Aranguiz in der Startelf schossen die Gegner der Rheinländer hingegen nur elf Treffer, wobei allein vier davon im Duell gegen Borussia Dortmund (0:4) fielen. Der Chilene ist der Herrscher über die Balance zwischen Offensive und Defensive, die den Mannschaften des risikofreudigen Trainers Bosz schon immer ein wenig schwerer fällt als anderen Teams.

          Die richtige Mischung aus Klugheit und Robustheit

          Aranguiz’ Genesung und seine brillante Form sind also wichtige Faktoren für den jüngsten Aufschwung der Werkself, über die Schalkes Benito sagt: „Im Moment spielen sie besseren Fußball als Bayern oder Dortmund.“ Weil Kai Havertz nach seiner Verletzungspause zurück ist, weil Leon Bailey wieder zu seiner Form findet, weil die Bender-Brüder fit genug sind, um das Konstrukt zu stabilisieren und weil Aranguiz im Maschinenraum des Spiels die richtigen Hebel bewegt.

          Stünde dieser Spieler beim FC Liverpool unter Vertrag, würde der dortige Trainer Jürgen Klopp ihn vermutlich als „Mentalitätsmonster“ feiern. Wäre er hingegen Profi in Dortmund, würde Lucien Favre sicher irgendwann eine seiner Lieblingsfloskeln für besonders intelligente Fußballer hervorkramen: „Charles versteht Fußball.“ Aranguiz verbindet Klugheit und Robustheit, zwei wichtige Grundfähigkeiten großer Mittelfeldspieler. Aber er will weder nach Liverpool noch nach Dortmund wechseln. Wenn er in Europa bleibt, dann wohl in Leverkusen, mit seinen Gedanken ist er aber oft in der Heimat.

          Als die Chilenen 2015 und 2016 jeweils durch Finalsiege gegen Lionel Messis Argentinier die Copa America gewannen, gehörte Aranguiz zu den tragenden Säulen des Erfolges. Und in diesem Herbst, wo das Land in Aufruhr ist, wo die Bevölkerung gegen die neoliberale Politik von Staatspräsident Sebastián Piñera aufbegehrt, engagiert er sich politisch.

          „Wenn ich zu Hause wäre, würde ich an der Seite meiner Leute kämpfen“

          Eigentlich wird Aranguiz überall als stiller, zurückhaltender Mensch beschrieben, doch aus Anlass der Proteste erklärt er nun ziemlich laut in einem Radiointerview: „Wenn ich zu Hause wäre, würde ich an der Seite meiner Leute mitmarschieren und kämpfen.“ Das Nationalteam, wo Aranguiz einer der Meinungsführer ist, positioniert sich ebenfalls an der Seite der Protestierenden; als Akt der Solidarität sagten die Stars im November sogar ein geplantes Freundschaftsspiel in Peru ab. Der berühmte Torhüter Claudio Bravo von Manchester City sagt: „Sie haben unser Wasser, den Strom, das Gas, die Bildung, die Renten, die Medikamente, die Straßen, die Wälder, die Salzfelder der Atacama-Wüste, die Gletscher und den Transport privatisiert. Wir wollen nicht ein Chile für einige wenige. Wir wollen ein Chile, das allen gehört.“

          Aranguiz fühlt ähnlich. Die „Süddeutsche Zeitung“ berichtet, dass der Fußballer immer noch regelmäßig nach Puente Alto, den Ort seiner Kindheit, zurückkehrt. In eines dieser Armenviertel der Hauptstadt Santiago, wo es viel Elend und nur wenig Hoffnung gibt. Weil hier kaum jemand Zugang zu Bildung und zu einer ordentlichen ärztlichen Grundversorgung hat. Der Star, der es geschafft hat, dieser Welt zu entkommen, sieht die Welt immer noch mit den Augen der Verlierer aus Puente Alto. „Immer, wenn Plünderungen oder Brände gezeigt werden, zweifele ich daran. Ich glaube weder den Polizisten noch den Militärs“, sagt er zur den offiziellen Berichten über die Proteste.

          Womöglich kann Aranguiz in Chile tatsächlich mehr bewirken als im Mittelfeld von Bayer Leverkusen. Auch wenn die Rheinländer dem Mann im Schaltzentrum ihres Spiels im Falle eines Abschiedes noch lange nachtrauern würden.

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