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Tottenhams Fußball-Wunder : „Meine Spieler sind Superhelden“

Tottenham-Trainer Mauricio Pochettino kann sein Glück kaum fassen und sinkt im Anzug auf den Rasen. Bild: AP

Auf das Wunder von Liverpool folgt der Wahnsinn von Amsterdam. In einem unglaublichen Finale des Halbfinales erreicht Tottenham doch noch das Endspiel. Für das unfassbare Drama sorgt vor allem ein Spieler.

          Der Strafraum von Ajax Amsterdam erinnerte an eine Wiese im Freibad. Überall lagen Menschen. Die einen auf dem Bauch, die anderen auf dem Rücken. Doch weder Wetter, Uhrzeit noch Ort passten zu einem sommerlichen Vergnügen. Es war kühl und dunkel an diesem Mai-Abend in der Arena. Und Spaß hatten die, die da auf dem Rasen lagen, auch ganz sicher nicht.

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          Tobias Rabe

          Verantwortlicher Redakteur für Sport Online.

          Nach dem Tor zum 2:3 im Rückspiel des Halbfinales in der Champions League für die Tottenham Hotspur sanken die meisten Spieler der Ajax-Elf, die die erste Partie 1:0 gewonnen hatte und wegen der Auswärtstor-Regel ausschied, zu Boden. Sie waren getroffen von einem Schuss, der schmerzlicher nicht hätte sein können. Sie hatten den Einzug ins Finale vor Augen und wurden auf dramatischste Weise aus allen Träumen gerissen. Stattdessen gibt es am 1. Juni in Madrid ein englisches Endspiel zwischen Liverpool und Tottenham, den beiden Mannschaften, an denen zuvor der FC Bayern und Borussia Dortmund im Achtelfinale gescheitert waren.

          Dabei sah zunächst alles nach einem finalen Duell aus, an dem der inzwischen verstorbene, große Johan Cruyff, dessen Namen das Stadion in Amsterdam trägt und der beide Vereine als Spieler, Trainer und Inspirator über Jahre geprägt hatte, seine helle Freude gehabt hätte: FC Barcelona gegen Ajax Amsterdam. Doch erst scheiterten die Katalanen am furiosen Fußball-Wunder von Anfield am FC Liverpool, dann erlebten die Niederländer einen Abend, der unvergesslich bleiben wird. „Wir finden heute keine Worte dafür“, sagte ein emotional arg angefasster Trainer Erik ten Hag. „Und wir werden auch morgen keine finden.“

          Fünf Minuten Nachspielzeit hatte der gute deutsche Schiedsrichter Felix Brych Tottenham gewährt. Als die Uhr 95:01 Minuten anzeigte, rollte der Ball über die Linie des Ajax-Tores. Es war kein Treffer in letzter Sekunde, sondern buchstäblich nach der letzten Sekunde. Tottenham war im sportlichen Sinn schon so gut wie tot und kam doch nochmal zurück. Lucas Moura, der schon die anderen beiden Tore für die Spurs erzielt hatte, war auch der Torschütze dieses Treffers, der alle Dämme brechen ließ. Er rannte Richtung Block der englischen Fans, die Amsterdam-Spieler sanken zu Boden, als wollten sie darin versinken. Der Fußball war in diesem Moment so wunderschön. Für die einen. Und doch so grausam. Für die anderen.

          Mauricio Pochettino, der Trainer von Tottenham, konnte sein Glück kaum fassen. Sein Sakko hatte er in der dramatischen Schlussphase längst weggelegt. Nun kniete auch er im feinen Anzug mitten auf dem Rasen und vergrub sein Gesicht auf dem Grün in seinen Händen, unfähig zu begreifen, was er gerade gesehen hatte. „Es ist schwer zu beschreiben, was ich fühle“, sagte er später. „Aber das ist der außergewöhnlichste Tag in meinem Leben. Ich habe vorher gesagt: Meine Spieler sind Helden. Jetzt sind sie Superhelden. Und Lucas Moura ist der Supersuperheld.“

          Dazu passte, dass die Dramaturgie dieses Duells der Außenseiter, die kaum jemand vor der Saison im Halbfinale erwartet hätte, wohl von jedem Produzenten eines Films abgelehnt worden wäre – weil es einfach zu unrealistisch schien. Im Hinspiel hatte die junge Ajax-Mannschaft dominiert gegen die Spurs, die durch die Ausfälle ihre besten Stürmer Harry Kane (verletzt) und Heung-min Son (gesperrt) arg geschwächt waren. Im Rückspiel ging Amsterdam mit 2:0 in Führung. Matthijs de Ligt (5. Minute) mit einem Kopfball nach einer Ecke und Hakim Ziyech (35.) mit einem feinen Drehschuss ins lange Eck trafen. 3:0 in der Addition – der Weg nach Madrid zum großen Finale schien geebnet.

          Doch Tottenham kam zurück wie Liverpool nach ihrem 0:3 im Hinspiel. Moura schob zum 1:2 nach einem Konter ein (55.) und glich vier Minuten später nach einer turbulenten Szene, als Torwart André Onana den Ball eigentlich schon sicher hatte, ihn aber im ungewollten Zweikampf mit dem eigenen Verteidiger wieder verlor, aus (59.). Es folgte eine rasante Auseinandersetzung mit Chancen und Treffern an Latte und Pfosten auf beiden Seiten. Und dann landete ein letzter langer Pass bei Moura, der den Bruchteil einer Sekunde eher am frei daherrollenden Ball war als zwei Verteidiger und ihn ins Tor verlängerte.

          Danach stand die Fußball-Welt für einen Moment still, zumindest die niederländische. Die Fans, die zuvor noch in ohrenbetäubender Lautstärke gesungen hatten und auf den ersten Finaleinzug seit 1996 hofften, verstummten schlagartig. Stattdessen drangen die Jubelschreie der Engländer durch die große Arena. „Das war ein großes Geschenk von Gott“, sagte der Torschütze. Und Kollege Christian Eriksen sprach einen Wunsch im Überschwang der Gefühle aus. „Ich hoffe, sie bauen ihm in England eine Statue.“ Letztlich sei es keine Sache von Taktik mehr gewesen am Ende der Partie, sagte Pochettino, sondern „einfach nur des Willens und des Glaubens“.

          Dass eine Fußballmannschaft diesen nicht verlieren sollte, weiß Tottenham aus dem Viertelfinale. Im Duell mit Manchester City erlebten die Spurs schon eine völlig verrückte Schlussphase. Der Gegner erzielte seinerzeit spät das vermeintlich entscheidende Tor, das sie genauso getroffen hätte, wie sie nun Ajax trafen. Doch die Rettung kam in Form des Video-Assistenten, der Manchesters minimale Abseitsstellung vor dem Treffer erkannte. Nun half kein Unparteiischer oder die Technik, nun half ein 26 Jahre alter Brasilianer, der in London lange nur eine Nebenrolle gespielt hatte.

          Der Brasilianer kam vor eineinhalb Jahren von Paris St. Germain mit der Empfehlung von immerhin 34 Toren in 153 Spielen in fünf Jahren. Doch hinter Klubikone Kane und Wirbelwind Son stand er zumeist in der zweiten Reihe, auch wenn er dort einige Einsatzzeit bekam. In der Champions League traf er in dieser Saison in Eindhoven und Barcelona. Doch der Auftritt in Amsterdam überstrahlte alles und wird nicht nur ihm ewig in Erinnerung bleiben. „Finale der Champions League?“, fragte Trainer Pochettino am Ende eines unglaublichen Abends in die Runde. „Für mich grenzt das an ein Wunder.“

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