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Ten Hag im Halbfinale : So lernte der Ajax-Trainer von Guardiola

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Ein Spieler-Optimierer: Ajax-Trainer Erik ten Hag hat ein funktionierendes Gefüge geschaffen, dass alle Profis in ein besseres Licht stellt. Bild: EPA

Mit seiner jungen Mannschaft beeindruckt Erik ten Hag und steht im Halbfinale der Champions League. Doch der Erfolg des akribisch arbeitenden und sehr beliebten Trainers hat auch unangenehme Folgen für Ajax Amsterdam.

          Was für einen Unterschied manchmal zwei Spiele ausmachen, wenn halb Europa zusieht. Anfang des Monats war Erik ten Hag noch der unbesungenste unter den acht Fußballlehrern, die mit ihren Teams ins Viertelfinale der Champions League eingezogen waren. Es galt als ausgemacht, dass der 4:1-Kantersieg bei Real Madrid in der Runde zuvor das letzte Statement von Ajax Amsterdam im Wettbewerb bleiben würde: ein kurzes Aufflackern vor dem Untergang. Nun sind sie immer noch dabei, die stürmischen „Ajacieden“ und der ruhige Mann mit dem rasierten Schädel – und werden überall als romantische Helden gehandelt. Weil sie den mutigen, rasanten Fußball bislang mit den gewünschten Resultaten verknüpfen können und sich nicht darum scheren, dass die finanziellen Möglichkeiten ihres Klubs so viel Erfolg im globalisierten Geschäft eigentlich kaum zulassen.

          Nur der Maestro dieses Kunststücks ist wenig überrascht. Die Latte werde nun eben noch einmal angehoben, konstatierte ten Hag zwischen den Viertelfinals gegen Juventus Turin in seiner betont nüchternen Manier. Und versicherte, bestens darauf eingestellt zu sein: „Wir gehen den Herausforderungen nicht aus dem Weg.“ Die nächste heißt Tottenham Hotspur. Dort tritt Ajax an diesem Dienstag (21.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Champions League und bei Sky und DAZN) zum Hinspiel im Halbfinale an.

          Champions League
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          So spricht ein Cheftrainer, der gern unaufgeregt bleibt im Angesicht einer historischen Chance, schon um seiner jungen Mannschaft ein Beispiel zu geben. Außerdem vermittelt er ihr auf diese subtile Art vielleicht noch eindringlicher, was er von ihr hält. Nämlich, dass sie an einem guten Tag imstande ist, jeden Gegner zu schlagen – in der heimischen Eredivisie wie im bedeutendsten Wettbewerb des Kontinents. „Unser Mittelfeld weiß, wie man Fußball spielt“, erklärte der ehrgeizige Chefcoach kürzlich, „wir wissen, wie man den Ball behält. Und wir wissen, wie wir ihn so schnell wie möglich zurückbekommen können. Alle zehn Spieler tun es.“ Das ergäbe in der Summe „Alchemie“. Man könnte auch sagen: Synergien, ohne die keine Ajax-Mannschaft je groß werden konnte, weder in den siebziger noch in den neunziger Jahren. Oder jetzt, wo die wenigsten ernsthaft damit gerechnet haben. Es ist ja erst 21 Monate her, dass der Rekordmeister unter der Regie von ten Hags Vorgänger Marcel Keizer in den Play-offs zur Europa League zwei Mal Rosenborg Trondheim unterlag. Für viele ein weiteres Indiz, dass niederländische Klubs in Europas Elite nicht länger Schritt halten können.

          Bienenfleißiger Profi, Guardiolas Adjutant

          Wie schnell sich oben und unten allerdings ändern können, weiß der in Haaksbergen in der Provinz Overijssel geborene Stratege nur zu gut. Als bienenfleißiger Profi für Abwehr- und Mittelfeldaufgaben kam er zunächst kaum über Provinzklubs der ersten Liga hinaus. Erst beim FC Twente Enschede spielte er zeitweise auf internationalem Niveau. Nach der Trainerausbildung blieb er dann über etliche Lehr- und Wanderjahre wieder in der zweiten Reihe. Assistierte dem späteren Schalke-Trainer Fred Rutten in Enschede wie in Eindhoven, schloss sich beim FC Bayern München dem Stab von Pep Guardiola an – und verpasste den Aufstieg mit der zweiten Auswahl der Bayern in die dritte Liga denkbar knapp.

          Doch verging kaum ein Tag, an dem er an der Grünwalder Straße nicht Guardiolas Training beobachtete, wie er später erzählt hat. So sammelte er in aller Demut ein, was er von 2015 an, mit inzwischen 45 Jahren, als Chefcoach und Sportdirektor des FC Utrecht weitergeben konnte: eine Idee vom konsequenten Spiel gegen den Ball und beschleunigter Offensive. Jeder Spieler soll nach ten Hags Ansicht täglich ein bisschen besser werden und in jedem Spiel das Maximum von sich und seinen Mitspielern verlangen. In dem Sinne müsse ein Verein das entsprechende Klima schaffen: „Eine Top-Umgebung stößt Menschen an, selbst top zu sein.“

          In Utrecht hat das zu einem fünften und vierten Platz in der Liga gereicht, und deutlich besser geworden ist dabei vor allem Sébastien Haller, der inzwischen als spielender Stürmer bei Eintracht Frankfurt überzeugt. In Amsterdam hat ten Hag nun eine ganze Gruppe so optimiert, dass sie im Sommer unweigerlich auseinanderfallen wird. Neben Frenkie de Jong, der nach Barcelona wechselt, werden fünf, sechs weitere Stammspieler mit europäischen Topklubs in Verbindung gebracht, von Matthijs de Ligt über David Neres bis zu Hakim Ziyech (FC Bayern). Die Reflexe der erhitzten Branche hält eben auch kein noch so akribisch arbeitender und überdies sehr beliebter Fußballlehrer auf.

          Umso mehr werden ten Hag und seine kühnen Jungs ihre Energie in die kommenden Wochen pumpen, wenn sich das Rennen um Meisterschaft, Pokal und Champions League entscheidet. Seit 22 Jahren ist Ajax nicht mehr ins Halbfinale vorgedrungen. Und wann die Latte je wieder so hoch liegt für die erste Herrenmannschaft, weiß in Amsterdam vorläufig keiner.

          Das Dreigestirn von Ajax: Hakim Ziyech, Dusan Tadic und David Neres (v.l.n.r.).

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