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Champions League : Von Bayern lernen

  • -Aktualisiert am

Im Fokus: Giovane Elber Bild: dpa/dpaweb

Ein Wiedersehen ohne Revanchegelüste: Giovane Elber will die Münchner Mentalität bei seinem neuen Verein Olympique Lyon verankern. Nicht nur im bevorstehenden Duell gegen die Bayern.

          3 Min.

          Eigentlich wollte Giovane Elber seine Karriere als Fußballprofi im Süden Europas beenden. Am liebsten in Spanien. Italien wäre auch in Ordnung gewesen, obwohl das Leben eines Stürmers in der Serie A, wo die Abwehrbollwerke besonders dicht sind, beschwerlich ist. Hauptsache warm. Nach vielen kalten Wintern in Zürich, Stuttgart und München sehnte sich der 31 Jahre alte Brasilianer nach Sonne auf seine alten Fußballtage.

          Lyon ist nun nicht gerade für sein mildes Klima bekannt, aber als sich der Mittelstürmer plötzlich entscheiden mußte, wo er den Rest seines Fußballerlebens verbringen wollte, blieb ihm keine große Wahl. "Du mußt weg", hatten ihm die Münchner Bayern so unmißverständlich wie uncharmant im vergangenen August beigebracht, "und zwar sofort." Sein Vertrag mit dem deutschen Rekordmeister wäre ohnehin zum Saisonende im Juni 2004 ausgelaufen, und Elber wollte ja noch mal etwas anderes als München sehen. "Aber es war im ersten Moment ein Schock zu erfahren, nicht mehr gebraucht zu werden."

          Der Wechselschock ist längst verwunden

          Zwei Monate später kann Giovane Elber mit einem Lächeln im Gesicht von seinem Vereinswechsel nach über fünf Jahren in München erzählen. Der Schock ist längst verwunden. Mit Olympique Lyon, dem französischen Meister der vergangenen zwei Jahre, hat es der Stürmer gut getroffen. Und wenn er an diesem Dienstag in Lyon die Bayern zum Champions-League-Duell wiedersieht, dann wird er nicht nur die alten Mannschaftskameraden freundlich begrüßen, sondern auch das Management des deutschen Meisters.

          "Sie wären ja wirklich geisteskrank gewesen, wenn sie mich behalten hätten", sagt Elber und spielt damit auf die sehr plastisch formulierte Rechtfertigung von Manager Uli Hoeneß an, den Bayern-Fans ihren Lieblingsspieler zu nehmen. "Nicht, daß ich für Stunk gesorgt hätte in der Mannschaft. Aber wenn ich an die Zukunft denke und auf die jüngeren Makaay, Santa Cruz und Pizarro setze, dann hätte ich als vierter Stürmer hintendran doch nur für unnötigen Druck gesorgt. Außerdem haben die Bayern so für mich noch Geld gekriegt." Wie bitte? Das Opfer in diesem mitleidlos aufgelösten Fall des Fußballgeschäftes argumentiert wie die Täter? "Tja, da bin ich eiskalter Profi."

          Vielleicht wäre Elber weniger leicht über den halben Rauswurf hinweggekommen, wenn er mit seinem neuen Klub nicht so zufrieden wäre. "Ich möchte in Lyon meine Fußballkarriere beenden", sagt der Brasilianer schon nach zwei Monaten Aufenthalt mit Bestimmtheit. Sein Vertrag läuft über zwei Jahre, dann könnte er sich vorstellen noch ein Jahr dranzuhängen, ehe Schluß wäre: "So lange wie Lothar Matthäus mache ich bestimmt nicht", sagt er, "ich freue mich schon auf mein Leben nach dem Fußball." Dann möchte er am liebsten gleich drei Berufe ausüben: "Pilot, Viehzüchter und Berater von brasilianischen Spielern, die nach Europa wechseln wollen."

          Lyon fehle die „Bayern-Mentalität“

          Bis dahin hat Elber die Aufgabe übernommen, Olympique Lyon an die Spitze des europäischen Fußballs zu schießen. In Frankreich erklomm der Klub, der überall im Land nur OL genannt wird, schon die erste Position. Zum fünften Mal in Folge qualifizierte sich Lyon für die Champions League. Aber dort war jeweils schon in den Gruppenspielen Schluß. Was Olympique zum weiteren Aufstieg in der Königsklasse fehlt, ist nach Elbers Meinung vor allem eins: "Die Bayern-Mentalität." Zu lieb, zu brav, zu bescheiden, zu ruhig seien die meisten seiner neuen Kollegen, zu wenig aggressiv, zu wenig konsequent, zu wenig effektiv. "Als ich noch für den VfB spielte, nörgelte ich auch über die ach so arroganten Bayern. Aber in München merkte ich, wie nötig diese Einstellung ist: Wenn man nur fest genug daran glaubt, mir kann keiner, ich gewinne schon noch die Spiele, auch wenn es schlecht läuft, dann wird es irgendwann auch so sein."

          Die spielerische Klasse für den großen Sprung bescheinigt Elber seiner neuen Mannschaft. "Es ist unglaublich, wie gut wir kombinieren können." Aber das reicht nur, um sich in der französischen Liga durchzusetzen. In der "Königsklasse" bedarf es des Extrakicks Chuzpe und Selbstvertrauen der Marke unverschämt. "Ich habe der Mannschaft schon erzählt, daß wir gegen die Bayern wenig Spaß haben werden. Wenn wir sie spielen lassen, werden wir verlieren."

          Nachfolger Makaay gönnt er jedes Tor

          Für ihn sei dieses Spiel etwas Besonderes, aber keine Frage der Ehre. Er wolle den Bayern nicht beweisen, daß es ein Fehler war, ihn abzuschieben. "So denke ich nicht." Und auch seinem Nachfolger Makaay gönne er jedes Tor für die Bayern. "Auch gegen uns, solange wir gewinnen - auch wenn ich dabei kein Tor schieße."

          Tore in Lyon, das ist kein sonderlich erbauliches Thema für Giovane Elber. In der Meisterschaft hat er erst drei erzielt, die letzten vier Spieltage ging er leer aus. "Das habe ich extra gemacht, damit ich garantiert gegen die Bayern treffe." Ein bißchen Ballyhoo muß sein, solange es nicht zu ernst rüberkommt. Mit Franz Beckenbauer hat er eine Wette laufen. Für jedes Tor, das Elber gegen die Münchner schießt, muß der Bayern-Präsident 10.000 Euro an brasilianische Straßenkinder spenden. Seine bisher mäßige Torquote sieht der erfolgreichste ausländische Torjäger der Bundesliga-Geschichte noch nicht als besorgniserregend an. Er müsse sich noch an das neue Spielsystem gewöhnen, die Mitspieler an ihn.

          Druck von den Medien spüre er jedenfalls in Lyon nicht. "Ich kann noch keine Zeitungen lesen, und ich schaue mir auch die Spiele im Fernsehen nicht an. Ich weiß gar nicht, in welchem Programm die laufen." Dafür hat sich Elber eine Satellitenschüssel in seinem Hotelzimmer installiert: "Damit kann ich brasilianisches und deutsches Fernsehen empfangen." Im Moment sucht er noch ein Haus für sich und seine Familie. "Wenn wir es gefunden haben, dann werden wir richtig in Lyon angekommen sein."

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