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Champions-League : Van Gaal schaut nur nach vorn

Abteilung Attacke: Louis van Gaal legt viel Wert auf das Angrifsspiel - hinten aber wirken seine Bayern verwundbar Bild:

In der Offensive fühlt sich der FC Bayern vor dem Wiedersehen mit Inter Mailand am Mittwochabend (20:45 Uhr) stark genug. Doch defensiv fehlt es der Mannschaft wie gehabt an Linie und Kontur. Van Gaal muss hoffen, dass seine Abwehr dicht hält.

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          Der FC Bayern macht sich selbst wieder Spaß. Das ist neu in dieser Saison – ein Gefühl aus der letzten Spielzeit, das mit Arjen Robben und Franck Ribéry ins Team zurückgekehrt ist. Sieben Tore in zwei Spielen haben die Bayern seit der Rückkehr ihrer beiden Weltklasse-Flügelspieler erzielt. Vor allem beim 3:1 in Mainz am Samstag schwärmten viele von Tempo und Spielkunst des Münchner Trumpf-Quartetts: Mario Gomez (26 Tore in den letzten 22 Spielen), Thomas Müller (14 Tore und 15 Torvorlagen in dieser Saison), Robben (20 Tore und 11 Torvorlagen in 29 Bundesligaspielen seit seinem Bayern-Debüt im September 2009) und dazu Ribéry (der statistisch mit den drei Kollegen derzeit nicht ganz mitkommt). So wie Preußen Münster in den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts den berühmten 100.000-Mark-Sturm hatte, so hat Bayern München heute mindestens einen 100-Millionen-Euro-Sturm.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Aber was ist die Abwehr wert? Vor dem Champions-League-Achtelfinale an diesem Mittwoch bei Titelverteidiger Inter Mailand (20:45 Uhr/live in Sat 1 und im FAZ.NET-Champions-League-Liveticker), stellt sich die Frage, ob die Bayern-Defensive der Aufgabe gewachsen ist. „Natürlich müssen wir das besser machen“, sagte Trainer Louis van Gaal über die Leistung seiner Abwehrkette in Mainz, die dem Gegner mehr Raum und Chancen eröffnete, als sie sich gegen den italienischen Meister leisten kann. „Wir hatten viel zu viele unnötige Ballverluste.“

          Schon nach der Auslosung im Dezember sagte van Gaal gegenüber dieser Zeitung, dass man nicht noch einmal mit solch vielen Gegentoren durch die K.o.-Runden der Champions League kommen werde, wie es den Bayern im Vorjahr gelungen war. Damals hatte man bei acht Gegentoren, je vier im Achtelfinale gegen Florenz und im Viertelfinale gegen Manchester United, das doppelte Glück, jeweils dank der Auswärtstorregel weiterzukommen – und dank später Sonntagsschüsse von Robben.

          Ex-Bayer Lucio (r): „Als ich vom Verein hörte, dass sie mich nicht mehr wollten, war das ein großer Schock”

          „Van Gaal hat mich mehr als jeder andere im Fußball verletzt“

          Deshalb klingt es ein wenig bizarr, wenn der frühere Bayern-Trainer Ottmar Hitzfeld in seiner Kolumne im „Kicker“ die Abwehr als „Garant für den Finaleinzug“ in der vergangenen Saison bezeichnet. Die Schwächen der Innenverteidiger Daniel van Buyten und Martin Demichelis, dazu die von Holger Badstuber in der ihm fremden Rolle als Linksverteidiger waren deutlich und wurden nur von Robbens Glanznummern überdeckt. Dann aber wartete Inter, das defensiv dominanteste Team Europas, das zuvor alle Angriffe von Chelsea und Barcelona abgewehrt hatte – und auf dieselbe Art auch das Finale gewann: indem Inter, angeführt durch den in München ausgemusterten Abwehrchef Lucio, keine Abwehrfehler machte und auf die der Bayern wartete.

          Während bei den Bayern Demichelis verkauft und van Buyten auf die Reservebank abgeschoben wurde und bei Inter Walter Samuel mit Kreuzbandriss für den Rest der Saison ausfällt, ist Lucio der einzige zentrale Abwehrmann, der vom Finale noch übriggeblieben ist. Nach auskurierter Verletzung ist er wieder fit und persönlich hoch motiviert.

          „Als ich vom Verein hörte, dass sie mich nicht mehr wollten, war das ein großer Schock“, schilderte Lucio dem Magazin „Sportbild“ die Vorgänge im Sommer 2009, als Inter-Trainer José Mourinho sich bei den Bayern um eine Abwehrverstärkung erkundigte – und freudig überrascht war, dass man ihm den Abwehrchef Lucio anbot. Der war es auch, nur nicht freudig. „Van Gaal hat mich mehr als jeder andere im Fußball verletzt“, sagt Lucio. „Er hat die positiven Erinnerungen an die Titel in einem Moment ausgelöscht. Das hat mich sehr verletzt.“

          Der finale Schrecken der Bayern-Abwehr fehlt verletzt

          Nach Lucios Verkauf wollte der Bayern-Trainer die junge Kombination Badstuber und Breno als Verteidigung der Zukunft aufbauen. Sie war als Stammbesetzung in der aktuellen Saison vorgesehen. Doch Breno war dem auf Ballkontrolle und fehlerlosen Spielaufbau gepolten Niederländer zu ungenau im Passspiel. Für ihn agieren neben Badstuber nun improvisierende Innenverteidiger wie die Mittelfeldspieler Anatoli Timoschtschuk oder Luiz Gustavo.

          Selbst während einzelner Partien stellt van Gaal die Defensivpositionen um, in Mainz allein viermal. Der stürmende Spaßvogel Thomas Müller brauchte seinen ganzen Wortwitz, um dafür eine positive Formulierung zu finden: „Die Abwehr sieht variabel aus. Der Trainer wird sich für Inter was einfallen lassen, da kann man spekulieren.“

          Beruhigend: Milito fehlt

          Die Bayern haben unter van Gaal kaum etwas in die Defensive investiert, stattdessen wurden Spieler wie Lucio, Demichelis oder auch Kapitän Mark van Bommel verkauft. Rächt sich das nun? Die Bayern-Bosse klangen zuletzt unschlüssig, zwischen offensivem Optimismus und defensiver Vorsicht. „Unsere Probleme liegen nicht vorne“, sagte der Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge. „Aber wir müssen hinten die Gegentreffer verhindern, dafür sorgen, dass unsere erzielten Tore reichen.“ Präsident Uli Hoeneß fand nach dem 3:1-Sieg in Mainz: „So lange wir den Ball von unserem Tor weghalten, sind wir stark. Sonst wird’s kritisch.“

          Beruhigend wenigstens, dass Diego Milito, der finale Schrecken der Bayern-Abwehr, verletzt fehlt. Dafür ist Samuel Eto'o mit 15 Saisontoren gut in Schuss. Und der neue Trainer Leonardo, der Inter als Nachfolger des unbeliebten Rafael Benitez mit 11 Siegen in 13 Spielen wieder auf Kurs brachte, weiß, wie er seinen Torjäger bei Kräften hält. Im letzten Ligaspiel (1:0 gegen Cagliari) hat er ihn wie einige andere Spitzenspieler nur als Teilzeitkraft eingesetzt. Eto'os Auswechslung nach sechzig Minuten begründete Leonardo allerdings sehr menschlich: „Samuel musste auf die Toilette und ging deshalb früher raus.“ Kollege van Gaal muss hoffen, dass seine Abwehr dicht hält.

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