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Champions-League-Trainerduell : Klopp gewinnt gegen Tuchel

Herzliche Umarmung vor dem Spiel: Klopp meets Tuchel Bild: EPA

Firmino lässt Anfield kochen. Der FC Liverpool kommt gegen Paris Saint Germain im Duell der beiden deutschen Trainer Klopp und Tuchel zu einem späten 3:2-Sieg.

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          Schon einmal waren sich Jürgen Klopp und Thomas Tuchel hier begegnet – und wer es gesehen hat, wird es nicht vergessen. Für Tuchel als Dortmunder Coach endete das erste Abenteuer Anfield mit einem Last-Minute-K.-o., für Klopps FC Liverpool ging jener 4:3-Sieg gegen den BVB in die Geschichte der großen Europapokal-Abende ein. Zweieinhalb Jahre ist das erst her – im Fußball aber eine Menge Zeit. Uhr und Ball haben für beide Trainer einige Umdrehungen gemacht. Das Wiedersehen fand auf einer völlig anderen Ebene statt als in jenem Europa-League-Viertelfinale, in dem mehr Thrill als Klasse war. Diesmal war es die prächtige Ouvertüre zur neuen Champions-League-Saison mit dem Duell der wohl aufregendsten Offensivreihen, die der Fußball überhaupt zu bieten hat.

          Für Tuchel wurde es wieder ein Abend, an dem er leiden musste. Denn es sah schon nach einem Teilerfolg für PSG aus, das aus einem 0:2 ein 2:2 gemacht hatte. Doch in der Nachspielzeit traf Roberto Firmino tatsächlich noch zum 3:2 für Liverpool. In einer Gruppe, in der man sich noch mit dem SSC Neapel und Roter Stern Belgrad um die Plätze im Achtelfinale streitet, war es für den englischen Tabellenführer ein wertvoller Anfang. Und eine Explosion der Emotionen, die man sich aber sicher gern erspart hätte. Sturridge (30. Minute) und Milner per Elfmeter (35.) brachten Liverpool 2:0 in Führung. Mehr oder weniger aus dem Nichts gelang Meunier noch vor der Pause der Anschlusstreffer (40.). Auch danach sah es lange nach einer Kostprobe der noch einmal neuen Klasse von Klopps Team aus, bis das 2:2 durch Mbappé (83.) den Eindruck erschütterte und Klopp entsetzte.

          Der Coup in der Nachspielzeit: Firminho (l.) bringt die Anfield Road zum Überschnappen

          Aus Liverpooler Sicht war Klopps Rendez-vous mit seinem deutschen Kollegen gar nicht so sehr der Bezugspunkt gewesen in den Tagen vor dem Spiel. Da ging es eher um etwas anderes: um den Neustart nach dem verlorenen Champions-League-Finale. Am Tag nach jenem Abend von Kiew, so berichtete es Kapitän Jordan Henderson am Montag, habe das Team beieinander gesessen und sich gefragt, was aus dieser bitteren Erfahrung zu gewinnen sei. Man habe neue Motivation daraus ziehen wollen, fügte er hinzu, um vielleicht in dieser Saison noch einen Schritt weiterzukommen. Die Königsklasse als Unfinished Business. Wie dieses bessere Ende zu erreichen sei, brachte Klopp in der ihm eigenen Art auf den Punkt: Wenn man so erfahren sei, sagte er, müsse man das vorhandene Wissen nutzen, aber zugleich gewissermaßen wieder jungfräulich anfangen: „like a virgin“.

          Es ließ sich dann auch gut an. Zwar wirkte sein Team etwas vorsichtiger ausgerichtet als beim 2:1 gegen Tottenham. Für Firmino, der einen gegnerischen Finger ins Auge gestochen bekommen hatte, begann Sturridge, anstelle von Naby Keita spielte Kapitän Henderson. Aber nur einige wenige Minuten durfte sich PSG mit dem Ball am Fuß in Sicherheit wähnen. Dann übernahmen die „Reds“ die Initiative. Es hatte Herz und Hirn, wie die Liverpooler Spieler permanent für Überzahl sorgten. Ein Beispiel dafür war Mo Salah, der sich nicht zu fein war, tief in der eigenen Hälfte auszuhelfen. Oder Trent Alexander-Arnold, der Rechtsverteidiger. Defensiv war er so gut wie nie allein gegen Neymar, so dass der Brasilianer letztlich wirkungslos blieb. Zugleich schaltete Alexander-Arnold, wann immer es möglich war, in den Vorwärtsgang.

          Es gab eine Phase, in der konnte man kaum glauben, wie viel (Liverpooler) Fußball in ein paar Minuten passte, ein Ball nach dem anderen rauschte in den Strafraum der Franzosen. Die Partie hatte sich nach 25 Minuten etwas beruhigt, doch dann fand eine Hereingabe von Robertson den Kopf von Sturridge. Liverpool führte, Klopp feuerte das Publikum an, er wollte mehr, am besten sofort. Und er bekam es. Juan Bernat erwischte Wijnaldum im Strafraum am Fuß, der fiel. Es gab Elfmeter, und den nutzte Milner sicher. Schon in der Premier League waren Liverpools Kostproben vielversprechend: fünf Spiele, fünf Siege. Vor allem aber das 2:1 bei Tottenham am Samstag ließ Beobachter von einer neuen Reife der Reds schwärmen, wenn man einmal davon absah, dass sie über ihr blendend austariertes Spiel das Toreschießen vergaßen – und am Ende beinahe den Sieg vergaben. Es war jedenfalls, rechtzeitig vor dem Duell mit Paris, die bislang beste Saisonleistung, und ein Indiz dafür, dass sich Klopps Multimillionen-Investments in Stabilität auszahlen könnten.

          Der erste Torschütze des Abends: Daniel Sturridge

          PSG natürlich war in dieser Hinsicht ein Kaliber für sich, und Tuchel hatte sich am Wochenende beim 4:0 gegen Saint-Etienne den Luxus leisten können, neben dem gesperrten Mbappé auch Neymar zu schonen. Diesmal waren sie dabei, so wie auch Di Maria und Cavani, was für Julian Draxler einen Platz auf der Bank bedeutete. Insgesamt wirkte PSG aber längst nicht so eingespielt und wettbewerbsgehärtet wie Liverpool, auch von Mbappé war wenig zu sehen. Insofern war es überraschend, dass Meunier noch vor der Pause nach Zuspiel von di Maria zum 1:2 traf. Dabei allerdings hatte Cavani in Abseitsposition ins Spiel eingegriffen.

          In der zweiten Hälfte ging es zunächst ruhiger zu, ohne dass PSG davon hätte profitieren können. Näher an einem Tor war Liverpool. Es deutete wenig darauf hin, dass sich noch etwas ändern würde – es war gleich eine doppelte Täuschung. Das furiose Finale sollte noch kommen.

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