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Champions League : Sydney, Südsee, Schalke - Berufspendler Guus Hiddink

Gibt's dafür eine Pendlerpauschale? Hiddink beim Nebenjob in Australien Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Kaum eine Karriere unter Europas Top-Trainern kennt solche Lust an weiten Laufwegen wie die von Guus Hiddink. Nun hat der Trainer von PSV Eindhoven, der am Dienstag in der Champions League auf Schalke trifft, noch eins draufgesetzt: als Nationaltrainer Australiens.

          Zehn Tage im Arbeitsleben: Sydney, Südsee, Schalke. Schon vorher kannte kaum eine Karriere unter Europas Top-Trainern solche Lust an weiten Laufwegen wie die von Guus Hiddink. Nun hat er noch eins draufgesetzt. Neben dem Job beim niederländischen Meister und Champions-League-Halbfinalisten PSV Eindhoven macht er auch den des Nationaltrainers von Australien.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Schon die Doppelbelastung ist ungewöhnlich. Aber dann noch über 20.000 Kilometer hinweg? "Kein Problem", sagt Hiddink. "Diese Sache schadet keinem, sie hilft allen." Ein sonniger Spätsommermittag in "De Herdgang", dem Trainingszentrum am grünen Rand von Eindhoven. Das Training ist vorbei, der Chef ist locker wie immer. Obwohl er erst einen Tag wieder da ist aus Honiara, der Hauptstadt der Salomon-Inseln. Dort haben die Australier nach dem 7:0 in Sydney mit einem 2:1-Sieg letzten Dienstag den vorletzten Schritt Richtung WM genommen. "Sie waren erst einmal dabei, 1974. Da baten sie mich, mit meiner Erfahrung zu helfen." Er konnte nicht nein sagen. "Sie haben mich begeistert mit ihrer Einstellung, ihrem Enthusiasmus."

          Warum nicht mal den Trainer abstellen?

          Hiddink verteidigt den Nebenjob gegen den stillen Vorwurf, er vernachlässige das Kerngeschäft beim PSV, der diesen Dienstag die Champions League gegen Schalke 04 eröffnet. "Ein anderes Angebot habe ich abgelehnt. Dieses aber war vereinbar mit dem PSV-Job, es ist möglich auf den Fifa-Terminen." Das sind jene Daten im Kalender, an denen die Klubs Spieler für die Nationalteams abstellen müssen - warum also nicht auch mal den Trainer? Im August ein Trainingslager, die beiden Spiele gegen die Salomonen, im November schließlich die größte Hürde, zwei Play-off-Spiele gegen den Fünften aus Südamerika - das wäre schon alles in der australischen Karriere des Guus Hiddink.

          Erfolgreich mit dem PSV Eindhoven

          Außer wenn er erfolgreich ist. Sollte die WM-Qualifikation gelingen, Hiddinks Job verlängerte sich im Sommer 2006. Es wäre seine dritte WM mit dem dritten Kontinent. 1998 kam er mit Holland ins Halbfinale, 2002 mit Südkorea auch. Als er danach zu dem Klub zurückkam, den er schon 1988 zum Europapokalsieg geführt hatte, "war die Planung so, daß ich zwei Jahre PSV-Trainer bin und mich dann aus dem Tagesgeschäft zurückziehe. Ich sollte also eigentlich jetzt Technischer Direktor sein." Er lächelt, als wäre es eine absurde Vorstellung. "Ich habe einfach noch zuviel Energie", sagt er. Statt in die Altersteilzeit zu gehen, zog Hiddink den Vollzeitjob vor und nahm gleich noch den Nebenjob dazu. So kombiniert er beide Trainerwelten, weil ihm beide am Herzen liegen: den akribischen Klubtrainer und den lustigen Globetrotter. Mourinho plus Milutinovic. "Ich bin fast 60 und habe jeden Tag Spaß an der Arbeit. Wenn ich merke, daß ich das nicht mehr habe, nicht mehr mit den Jungs weinen und lachen kann, dann höre ich auf und spiele jeden Tag Golf", sagt er. "Ich beobachte ich mich genau, damit ich den Zeitpunkt nicht verpasse. Damit ich kein saurer alter Mann werde."

          Die dritte WM mit dem dritten Kontinent

          Wegen des Australien-Jobs konnte Hiddink die Schalker nur einmal beobachten, gegen Mönchengladbach. Den Rest erzählt ihm Assistent Rene Eijkelkamp, der von 1997 bis 1999 für Schalke spielte. "Schalke war schon immer einer der großen Klubs in Deutschland, nun ist es auch eine der großen Mannschaften", sagt Hiddink. "Dort wurde sehr gute Arbeit geleistet, von Assauer und Stevens, dann auch Rangnick. Davor kann man nur Respekt haben." Mittlerweile jagt Schalke den nationalen Konkurrenten außer den Bayern Topspieler ab.

          Eindhoven dagegen steht zumindest auf europäischer Ebene weiter am gebenden Ende. "Wir hatten eine Elf, die gegen Milan im Mai attraktiven, modernen Fußball demonstrierte und das Finale nur um eine Winzigkeit verpaßte", sagt Hiddink. "Und jetzt ist die halbe Mannschaft weg." Van Bommel zu Barca, Vogel zu Milan, Bouma wie die Koreaner Park und Lee nach England. Als Ersatz kamen neben Nachwuchsleuten nur Veteran Michael Reiziger, der Belgier Simons und, als Blitzreaktion auf den Spätabgang Boumas, der Engländer Michael Ball, der aber in der Champions League nicht einsetzbar ist, weil er in der Qualifikation schon für die Glasgow Rangers spielte. Als wäre die Abwehrnot nicht groß genug, verletzte sich der Brasilianer Alex am Samstag beim 1:0-Sieg gegen Utrecht am Knie und fällt gegen Schalke aus.

          „Vor Schalke kann man nur Respekt haben“

          "Das ist unser Schicksal: Wir müssen immer wieder neu anfangen", sagt Hiddink. Die Stärke seiner aktuellen Elf taxiert er im Vergleich zu der vom Mai auf "sechzig Prozent". Kein Wunder, daß er mitunter Neid verspürt auf jene Kollegen, "die sich ihre Wunschspieler im Einkaufsregal aussuchen können". Wer aber von denen könnte sich dafür seinen Luxus leisten? Den des Guus Hiddink: Sydney, Südsee, Schalke.

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