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Champions League : Sneijder steckt noch im Inter-Loch

  • -Aktualisiert am

Hat bei Inter noch nicht den richtigen Dreh gefunden: Wesley Sneijder trauert immer noch dem Trainer Mourinho nach Bild: REUTERS

Nach dem Weggang von Trainer Mourinho greifen die Mailänder Zahnräder nicht mehr richtig ineinander. Auch der Spielmacher ist betroffen. Sneijders Inter-Idylle ist vor dem Spiel gegen Werder Bremen an diesem Mittwoch erschüttert.

          Neulich hat Wesley Sneijder wieder mal eine glänzende Figur abgegeben. Es regnete, der Asphalt vor der Mailänder Scala war glatt und Sneijder sah in seinem Auto, wie vor ihm eine Frau mit ihrem Roller stürzte. Der 26 Jahre alte Niederländer stieg aus seinem Wagen, kümmerte sich um das leicht verletzte Unfallopfer und wartete eine halbe Stunde lang, bis der Krankenwagen kam. Sneijders Einsatz vor der Scala wurde in der Sportzeitschrift „Gazzetta dello Sport“ als eine für Fußballprofis ungewöhnliche Heldentat gefeiert. Eine Tat, passend für einen Mann, der erst vor drei Monaten mit Holland ins WM-Finale eingezogen war und maßgeblich dazu beigetragen hatte, dass Inter Mailand in der vergangenen Saison das Triple aus Meisterschaft, Pokalsieg und Champions League gewann.

          An diesem Mittwochabend im Champions-League-Spiel gegen Werder Bremen (20.45 Uhr / FAZ.NET-Champions-League-Liveticker) soll das Sneijder-Märchen seine Fortsetzung finden. Bis vor kurzem ging die italienische Integration des Holländers prächtig voran. Erst hatte er sich vor seiner Hochzeit im Sommer in der Hauskapelle des Inter-Trainingsgeländes in Appiano Gentile katholisch taufen lassen. Dann berichtete er, dass er mit seiner Ehefrau Yolanthe abends immer das Vaterunser bete. Schließlich gestand der Mittelfeldspieler noch Ende August: „Ich würde am liebsten mein ganzes Leben bei Inter bleiben.“ Vergessen die Berichte aus der Heimat, bei Sneijder handele es sich um einen gelegentlich zu Jähzorn und Arroganz neigenden Star mit Allüren. Jetzt menschelte es auch um Wesley.

          Sneijder blieb sitzen und schaute zu

          Nur einen Monat später haben die Beteiligten allerdings Mühe, das Bild vom Inter-Idyll aufrecht zu erhalten. Die erste Erschütterung war der abrupte Abschied von Trainer José Mourinho zu Real Madrid, unmittelbar nach dem gewonnenen Champions-League-Finale gegen den FC Bayern. Am Wochenende gab es jetzt die erste Saisonniederlage in der Serie A beim AS Rom (0:1). In der Nachspielzeit verursachte ausgerechnet Sneijder den Freistoß, aus dem sich das Siegtor durch Mirko Vucinic entwickelte. Ähnlich wie beim Unfall vor der Scala blieb der Holländer einfach auf dem nassen Boden des Römer Olympiastadions sitzen und schaute zu.

          Finden sie bald wieder zusammen? Wesley Sneijder und Trainer Josè Mourinho

          Unfälle in Zeiten des Umbruchs gehören dazu. Zwar ist die Siegermannschaft der vergangenen Saison abgesehen vom Trainer nahezu identisch geblieben. Dennoch greifen die Zahnräder bei Inter Mailand noch nicht wieder recht ineinander. Der neue Coach Rafael Benitez versucht den Balanceakt, das erfolgreiche Modell der Vorsaison nicht zu zerstören, aber dennoch seine eigenen taktischen Vorstellungen zu verwirklichen. Während Mourinho acht von zehn Feldspielern bei Ballverlust sofort in die Defensive beorderte, fordert Benitez eine weit aufgerückte Abwehr, intensives Pressing und mehr Ballbesitz. An schlechten Tagen besteht das Mittelfeld von Inter Mailand deshalb aus einem großen Loch, zerrissen zwischen alten Reflexen und neuen Aufgaben. Darin wirkt Wesley Sneijder ziemlich einsam.

          Mit den Gedanken bei Mourinho

          Kein Wunder, möchte man meinen, dass seine Gedanken nicht nur um das Hier und Jetzt kreisen, sondern immer auch in der Nähe seines alten Lehrmeisters sind. Mourinhos Kunst bestand unter anderem darin, ein äußerst enges Verhältnis zu seinen Spielern zu schaffen. Zwischen Sneijder und dem Portugiesen war die Bindung besonders intensiv. Für den freundlichen Spanier Benitez müssen sich die Inter-Profis erst noch begeistern.

          Zur Zeit wirkt es so, als wäre Sneijder weniger mit Inter, sondern vor allem mit der eigenen Karriereplanung beschäftigt. Die Zukunftspläne des 26 Jahre alten Weltklassespielers klingen auf einmal anders. Als es neulich um eine Verlängerung des bis 2013 laufenden Vertrags mit Inter ging, behauptete Sneijders Agent, der frühere Bayern-Spieler Sören Lerby, sein Klient habe ein „unruhiges Gefühl“ in Mailand. Real Madrid, wo Sneijder 2009 unsanft vor die Tür gesetzt wurde, und Mourinho zögen eine Verpflichtung „ernsthaft in Erwägung“. Nach dem finanziellen Entgegenkommen von Inter-Präsident Massimo Moratti (sieben statt bisher vier Millionen Euro Jahresgehalt) wird Sneijder wohl bis 2015 unterschreiben und zumindest vorläufig die Hoffnung seines Patrons erfüllen, der „zukünftige Leader“ der Mannschaft zu sein. Vom Karriereende in Mailand ist jedenfalls nicht mehr die Rede. Das letzte, was man von Sneijder hörte, war ein Traum von der Premier League: „Wenn ich die Chance hätte nach England zu gehen, käme für mich nur Manchester United in Frage“, sagte er vor wenigen Tagen. Es ist wahrscheinlich kein Zufall, dass dieser Verein auch als die nächste Stufe in der Karriereplanung von José Mourinho gilt.

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