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Champions League : Risse im Universum FC Barcelona

Nicht mehr so spielbeherrschend wie vor der WM: Ronaldinho Bild: REUTERS

Vor dem Liverpooler Härtetest in der Champions League zeigt sich Barcelonas zerbrechliche Seite. Es ist nicht leicht, die eleganteste Mannschaft der Welt zu sein und obendrein Erfolg zu haben. Die stete Zickigkeit von Stürmer Eto'o kommt besonders ungelegen.

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          Der FC Barcelona ist angreifbar, jeder weiß es. Damit ist nicht nur das Fußballerische gemeint, sondern der labile Charakter des Vereins, sein wankendes Selbstwertgefühl, sein kostbares ästhetisches Empfinden. Deswegen ist ein Filigranfußballer wie Ronaldinho der vollkommene Ausdruck aller Freuden und Leiden, die Barça zu verabreichen vermag: mal Weltklasse zum Träumen, dann wieder ein herumhuschender Schatten irgendwo links. Während gewöhnlichere Fans sich die Hauruck-Mentalität von Kämpferteams wie dem FC Liverpool herbeisehnen, finden Katalanen, im Fußball sei es ehrenvoller, mit Stil unterzugehen, wenn die Zeit gekommen ist.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Letzte Woche schien es achtundvierzig Stunden lang, die Zeit sei wieder einmal gekommen. Und das, obwohl Barcelona amtierender spanischer Meister und Champions-League-Sieger ist. Der gerade erst genesene Stürmer Samuel Eto'o hatte sich geweigert, für die letzten sieben Minuten eines Ligaspiels eingewechselt zu werden. Kurz darauf plapperte der Mann aus Kamerun in alle Mikrofone, der Verein sei gespalten, der Trainer ein „schlechter Mensch“ und Ronaldinho ein Spieler, vor dem er, Eto'o, sich durchaus nicht verstecken müsse. Eto'o sagte noch viel mehr, doch seine Sätze steckten voller Andeutungen und halb verborgener Zusammenhänge, die auf tiefere Geheimnisse des katalanischen Fußballuniversums schließen lassen.

          Clinch um Eto'o regelte Team unter sich

          Von Vereinsseite aus hätte man dem Stürmer eine Disziplinarstrafe verpassen müssen, doch merkwürdigerweise wollte das niemand riskieren. Stand Eto'o unter dem Schutz des Präsidenten? Und was bedeutete sein Verhalten für die Autorität des Trainers? Plötzlich kam die Frage auf, ob Frank Rijkaard im Begriff sei, das Handtuch zu werfen. Rechtzeitig vor dem Schlagerspiel in Valencia, das die Blauroten trotz ihrer Feldüberlegenheit mit 1:2 verloren, gab der Trainer eine Erklärung ab. Ja, er bleibe in Barcelona, sagte ein entspannt wirkender Rijkaard, er habe dem Verein viel zu verdanken und empfinde es als Privileg, mit dieser Mannschaft arbeiten zu dürfen.

          Sorgsam für die Presse inszenierte Umarmung zwischen den Streithähnen Ronaldinho und Eto'o

          Die schlechte Stimmung nach Eto'os Äußerungen hatte das Team schon unter sich geregelt, mit markigen Worten des Kapitäns Puyol und einer sorgsam inszenierten Umarmung zwischen Eto'o und Ronaldinho. Ob damit schon alles in Ordnung ist, wird man nach dem Champions-League-Duell gegen den FC Liverpool genauer wissen. Rijkaard nahm den Afrikaner jedenfalls aus dem Kader gegen Liverpool.

          Ronaldinho nicht mehr spielbeherrschend

          Aber es ist nicht so einfach, die eleganteste Mannschaft der Welt zu sein und obendrein Erfolg zu haben. Seit November hat der spanische Meister der beiden vergangenen Jahre auf fremden Plätzen nicht mehr gewonnen. Dass all das ohne die Stürmer Eto'o und Messi geschah, sollte als Entschuldigung zu billig sein. Nein, zurzeit fehlen Tempo, Aggressivität und steiles Spiel, also die Markenzeichen eines weltweit bewunderten Ensembles. Der glänzend eingestellte FC Valencia wusste am Sonntag genau, wie er Rijkaards Leuten den Schneid abkaufen konnte: mit disziplinierter Defensive und der Geduld, auf Konter zu warten.

          Ronaldinhos Anschlusstor per Freistoß, Nummer sechzehn in der laufenden Saison, täuscht über die wahre Form des Brasilianers hinweg. Er ist längst nicht mehr - oder noch nicht wieder - der spielbeherrschende Mann, der er vor der WM war. Es war Johan Cruyff höchstselbst, der den Katalanen in seiner montäglichen Kolumne für die Zeitung „La Vanguardia“ Ruhe und neues Selbstvertrauen einzuimpfen versuchte. Frank Rijkaard, so der Coach des „Dream Team“ der frühen neunziger Jahre, sei für den FC Barcelona der richtige Mann, und alle könnten sich glücklich schätzen, wenn er sein Projekt bis mindestens 2009 fortsetzen könne. Ein bisschen viel Unterstützung für einen Trainer, der eigentlich sicher im Sattel sitzen müsste.

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