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Champions League : Ohne Atempause

Applaus, Applaus - für und von Wayne Rooney Bild: AP

Nach dem mitreißenden 3:2-Halbfinalsieg von Manchester United über den AC Mailand feiert England den späten Siegbringer Wayne Rooney. Doch es war vom ganzen Team eine Darbietung von Tempo, Flair und Leidenschaft. Sie erinnerte an den Geist von „99“.

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          Ist er wieder da, der Geist von „99“? Damals, als Manchester United im Halbfinale gegen Juventus Turin hinten lag - und Giggs in letzter Minute ausglich. Als man im Rückspiel 0:2 in Rückstand geriet - und mit einem 3:2 das Stadio delle Alpi stürmte. Als man auch im Finale von Barcelona früh 0:1 zurücklag - und dann in der Nachspielzeit dem FC Bayern die schmerzlichste Niederlage seiner Geschichte bescherte. Kein Wunder, dass an einem prickelnden Frühjahrsabend, an dem Manchester einen 1:2-Pausenrückstand gegen den AC Mailand durch zwei Tore von Wayne Rooney noch in einen 3:2-Sieg umwandelte, die Erinnerung an das Jahr des „Treble“ wiederauflebte.

          Christian Eichler
          Sportkorrespondent in München.

          Es war eine Darbietung von Tempo, Flair und Leidenschaft, wie deutsche Fans sie durch den FC Bayern gegen denselben Gegner in einer ähnlichen Konstellation im Viertelfinale völlig vermisst hatten. Zwei Milan-Tore Mitte der zweiten Halbzeit, beide wie aus dem Nichts - auch Manchester schien davon zunächst gelähmt.

          Kaka mit cleverer Eleganz

          Kaka hatte die Notabwehr der United, die auf die Stammverteidiger Ferdinand, Vidic, Silvestre und Neville verzichten musste, zweimal tranchiert. Beim 1:2 rannten sich Heinze und Evra gegenseitig um, und Klubbesitzer Malcolm Glazer auf der Tribüne des Old Trafford konnte sich an zwei plump zusammenkrachende Linebacker in der heimischen American-Football-Liga erinnert fühlen. United schien k.o. „Doch das Team von 1999 wusste nie, wann es tot ist“, schrieb der „Mirror“, „und dieses weiß es auch nicht.“

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          Champions League : Ohne Atempause

          Mit einem pausenlosen Sturmlauf wendete United in der zweiten Halbzeit das Spiel - dank der Vorarbeit zweier Veteranen von 1999 und der Vollendung durch einen, der damals noch ein 13-jähriger Schuljunge war. Paul Scholes, überragend im Spielzentrum, bediente nach einer Stunde Rooney mit einem wunderbarem Lupfer vor dem 2:2. Ryan Giggs gewann in der 91. Minute in der eigenen Hälfte den Ball, trieb ihn über das halbe Feld, legte ihn Rooney in den Lauf, und der jagte ihn ins kurze Eck. „Ein unglaublicher Treffer“, jubelte Ferguson. Der „Daily Star“ schrieb am Mittwoch: „Rooneys Siegtor war schlicht nicht von dieser Welt“.

          Ein fabelhafter Cristiano Ronaldo

          Es war das einzige Mal, dass die vorsichtigen Italiener den Engländern eine Kontersituation erlaubt hatten. Das wurde prompt bestraft und gab Trainer Carlo Ancelotti ein ungutes Gefühl. „Es spielt Manchester in die Karten, dass sie im Rückspiel kontern können“, sagte Ancelotti. Er kritisierte sein Team für das späte 2:3, man sei sehr „unvorsichtig“ gewesen.

          Das aber freute Ferguson: „Wir sind in einer phantastischen Position. Ich glaube, dank unseres Tempos werden wir auch in Mailand Tore erzielen.“ Seine Elf habe gezeigt, „dass sie diesen Wettbewerb gewinnen kann“. Einen Wettbewerb, der anders als zumeist Welt- und Europameisterschaften dazu neigt, mit seiner Fortdauer immer besseren Fußball zu produzieren. 2005 gab es das unvergessliche Finale, das Liverpool nach 0:3-Rückstand gegen Milan noch gewann, 2006 brillierten Barcelona und Arsenal mit Offensivfußball in der K.-o.-Phase, und diesmal bot Manchester nach der 7:1-Gala gegen Rom einen weiteren fabelhaften Champions-League-Abend.

          Rooney mit wuchtiger Energie

          Zu ihm trugen auch die Italiener bei, die entgegen dem üblichen Vorurteil nicht durch Zeitspiel, Lamentieren, Nickligkeiten auffielen, sondern durch fairen, attraktiven Fußball. Auf diesem Niveau sah man wohl seit dem WM-Halbfinale Deutschland gegen Italien kein besseres, schnelleres und intensiveres Spiel - nur dass es diesmal viel mehr Torszenen und Tore gab. Es war eine Show der beiden derzeit weltbesten Offensivspieler Cristiano Ronaldo (Schütze des 1:0 in der 5. Minute) und Kaka. Am Ende wurden sie von einem übertroffen, den man in seiner wuchtigen Effizienz neben der Brillanz dieser beiden gern vergisst: Wayne Rooney.

          Besonders erstaunlich ist, dass Manchester die Intensität dieser atemlosen 90 Minuten ohne jede Einwechslung schaffte. Auf der Bank saß auch nicht mehr viel - darunter als einziger Verteidiger, den einer der reichsten Klubs der Welt derzeit als Ersatz noch aufbieten kann, ein Jugendspieler namens Kieran Lee. Durch die Anforderung des Titelrennens in drei Wettbewerben ist der Kader nach nunmehr 54 Saisonpartien arg mitgenommen.

          Es geht darum, ein Tor mehr zu schießen

          Während Manchester sich in der Premier League, Chelsea im Nacken, keine Atempause gönnen darf, kann Milan sich auf Europa konzentrieren. Am Wochenende in der Serie A hatte Ancelotti einige Spieler geschont. Bei Manchester dagegen musste Abwehrchef Rio Ferdinand in der Liga ran und verletzte sich an der Leiste. Da nun auch noch Linksverteidiger Evra wegen Gelber Karte fürs Rückspiel gesperrt ist, hofft Ferguson, Ferdinand bis Mittwoch fit zu bekommen, um „zwei solch schreckliche Gegentore“ dann zu vermeiden.

          Und wenn sie denn doch fallen, hat kaum ein anderes Team so gute Voraussetzungen, auch das noch umzubiegen, wie ManU. An solchen für Fans glücklichen Abenden wie gegen Milan gebiert das englische Spiel Fußball der guten alten Sorte: Es geht nicht darum, ein Tor weniger zu kassieren als der Gegner. Sondern darum, eins mehr zu schießen.

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