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Kommentar : Mehr als ein Füllhorn an Glück

  • -Aktualisiert am

Die Atmosphäre im Camp Nou, die Aura des FC Barcelona, ein paar glückliche Momente im Spiel: Schon steht es 6:1. Bild: EPA

Dieser Fußball-Abend im Camp Nou setzte sich aus vielen Facetten zusammen. Und war ein Lehrstück für alle, die früh aufgeben oder sich schon vorzeitig am Ziel wähnen.

          Ein Wunder, eine Sensation, unerklärlich, historisch – an Beschreibungen für das, was da in Barcelona passiert ist, mangelt es sicherlich nicht, und in ein paar Jahren wird dieses Spiel ohnehin völlig verklärt sein. Erst recht, wenn der FC Barcelona nun im wiederentdeckten Gefühl, unbesiegbar zu sein, plötzlich so wie in besten Zeiten auftrumpfen wird. Dieses Spiel wird, je länger es zurückliegt, größer und größer werden, und vergessen wird dann auch sein, dass nur große Anhänger der Spanier über jenen Elfmeter, der zum 5:1 führte und den Weg für dieses grandiose Spektakel frei machte, nicht mit der Stirn runzeln.

          Aber an diesem Abend ist zusammen gekommen, was zusammenkommen muss, um so ein unvergessliches Spiel möglich zu machen. Dazu gehört das 0:4 vom Hinspiel – da schien kaum noch etwas zu machen, und doch hatte nie der Zusatz gefehlt: Wenn es eine Mannschaft schaffen kann, dann dieser FC Barcelona, der eigentlich schon satt genug schien, weil er alles gewonnen hat und das meiste mehrfach, und der gekränkt war in seiner Ehre. Die Pariser Spieler hatten drei Wochen Zeit, sich mit diesem Gedanken zu beschäftigen, und als es endlich losging, schienen sie es auch selbst zu glauben. Der Jubel über das 1:3 von Cavani machte überdeutlich, dass alle glaubten, eine Sensation so gerade noch verhindert zu haben und mit dem Schrecken davonzukommen. Daraus wurde der größtmögliche Albtraum – nachdem Barça-Torhüter Ter Stegen die große Chance auf das 2:3 vereitelt hatte.

          Dieser Elfmeter aber wäre ein Fall für den Video-Schiedsrichter gewesen, und vermutlich wäre danach bald in Vergessenheit geraten, dass der FC Barcelona beim zwischenzeitlichen 3:0 nahe dran gewesen war, das Unmögliche zu schaffen. Entscheidend also war der Strafstoß schon für dieses Ende, aber die Pariser haben es sich selbst zuzuschreiben, dass er so eine bedeutsame Rolle spielen konnte. Das Polster aus dem Hinspiel verleitete zu sehr dazu, den Vorsprung nur zu verteidigen. Und selbst das hätte noch reichen können, wenn nicht ein ganzes Füllhorn an Glück über Barcelona bei den ersten beiden Treffern ausgeschüttet worden wäre.

          Es kam eben alles zusammen, was zusammenkommen muss – und dazu gehört auch die in der vergangenen Woche verkündete Entscheidung von Trainer Luis Enrique, den Klub am Saisonende zu verlassen. Er war trotz aller Erfolge nie so unumstritten wie Pep Guardiola, er wurde nie so ehrfurchtsvoll behandelt, sein Fußball nie so bewundert – egal, was der FC Barcelona unter seiner Regie auch gewonnen hatte, darunter ist immerhin auch ein Triple aus spanischer Meisterschaft und Pokalsieg sowie dem Triumph in der Champions League.

          Wäre es nun im Achtelfinale schiefgegangen, wovon man realistischerweise ausgehen musste, wären Rücktrittsforderungen ohnehin auf Enrique niedergeprasselt. Die Atmosphäre im Camp Nou, die Aura des FC Barcelona, ein paar glückliche Momente im Spiel, die Pariser Angst vor dem Scheitern und das letzte Quentchen an Motivation, dass Enrique freigesetzt hatte – dieser Abend setzte sich aus vielen Facetten zusammen. Und war ein Lehrstück für alle, die früh aufgeben oder sich schon vorzeitig am Ziel wähnen.

          Peter Penders

          Stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Sport.

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