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Champions-League-Kommentar : Zwischen Herz und Verstand

Geschenktes Glück: Barcelona und Torschütze Iniesta dürfen nach Rom Bild: REUTERS

Das Fußballherz freut sich für Barcelona. Der Fußballverstand zollt Chelsea Respekt. Aber es bleibt ein schaler Beigeschmack wegen des überforderten Schiedsrichters. Im Finale muss Barça zeigen, dass sie das geschenkte Glück verdient haben.

          Auch als Neutraler ist es leicht, diesen Sieger zu mögen. Hätte es nicht ein einzelner Norweger in der Hand gehabt, den Herausforderer von Manchester United im Champions-League-Finale zu bestimmen, sondern die Masse von Europas Fußballfreunden – auch dieses Plebiszit wäre gegen Chelsea und für Barcelona ausgefallen (siehe auch: Blog: Die Beine von Andrés Iniesta oder: Schönheit besiegt Alter ).

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Nicht für den Klub des russischen Ölmilliardärs, sondern den des katalanischen Volkes (im Besitz seiner über 160.000 Mitglieder). Nicht für einen Vertreter der Geldmaschine Premier League, sondern einen, der die Brust seiner Stars dem Kinderhilfswerk Unicef schenkt. Nicht ein zusammengekauftes Team, sondern ein zum großen Teil selbst ausgebildetes. Und: Nicht ein Fußball, der durch Verhindern gewinnen will, sondern durch Schönheit.

          So weit das Fußballherz. Der Fußballverstand musste der hohen Defensivkunst von Chelsea Achtung zollen – und doch fand auch er es leicht, genau dieses Finale zu fordern: nicht wieder zwei englische Klubs, nicht wieder dieselben wie im letzten Jahr (siehe auch: Champions League: Manchester gewinnt nach Elfmeterschießen). Aber es bleibt ein schaler Beigeschmack. Wie Chelsea vom überforderten Schiedsrichter der Sieg genommen wurde, ist kaum je dagewesen auf diesem Niveau in der Champions League. Deren Erfolg basierte stets auch auf der Qualität der Unparteiischen, nicht zuletzt von Deutschen wie Merk oder Fandel, die – anders als bei Weltmeisterschaften mancher Kollege aus langsamen Drittwelt-Ligen – dem Tempo und der Intensität der besten Fußballer folgen konnten. Der Norweger Övrebö konnte es nicht.

          Geschenktes Glück: Barcelona und Torschütze Iniesta dürfen nach Rom Bilderstrecke

          Der offensive Fußball musste sich stets neu erfinden

          Von einer „Verschwörung“ zu reden wäre dennoch Unsinn, und selbst im Adrenalinrausch nach dem Schlusspfiff taten das die Chelsea-Spieler nicht (siehe auch: Nichts gesehen oder falsch hingeguckt - Chelsea hadert, Barca feiert). Allerdings stünde es Michel Platini gut an, mehr gegen den Verdacht zu tun und seine Neutralität als Europas höchster Fußballfunktionär besser zu zeigen – und nicht, wie im Hinspiel im Camp Nou, die Barça-Hymne mitzusingen (siehe auch: Champions League: Cech und Chelsea stoppen Barças Zauber). Die Überlegenheit der Premier League ist Platini erklärtermaßen ein Dorn im Auge. So werden nun viele Chelsea-Fans glauben, er habe genau das Finale bekommen, das er wollte.

          Andererseits hat der Fußball das schon oft erlebt: dass auf falsche Weise richtige Sieger herauskamen. Barcelonas Erfolg ist ein guter Impuls, weil er für kreativen Fußball wirbt. Dieser braucht ständig Werbung, um im Wechsel der taktischen Vormacht zwischen Angriff und Abwehr in der Champions League nicht unterzugehen. Auf angriffslustige Champions wie Ajax oder Real folgten immer wieder vorsichtigere Sieger wie Juventus 1997, Bayern 2001, Milan 2003 und 2007. Der offensive Fußball musste sich stets neu erfinden.

          Das gilt auch für Nationalteams. Die Europameisterschaft 2004 gewannen mauernde Griechen, die Weltmeisterschaft 2006 kontrollierte Italiener; die EM 2008 kombinierende Spanier. Dabei mussten die Spanier ein Spiel überstehen, das ein Anti-Spiel war, ein 0:0 gegen Italien im Viertelfinale, das sie erst im Elfmeterschießen gewannen. Erst nach dieser Angstpartie konnten sie ein strahlend schöner Champion werden. Die Barça-Elf hat dasselbe Glück nun geschenkt bekommen. Im Finale muss sie zeigen, dass es verdient ist.

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