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Champions League in Porto : „Ein Spiel, das es für Schalke noch nie gegeben hat“

Im Mittelpunkt des Interesses: Schalkes Trainer Mirko Slomka Bild: picture-alliance/ dpa

Sie wollen erstmals in der Vereinsgeschichte ins Viertelfinale der Champions League einziehen. Nach der Unruhe der letzten Tage setzt Schalke vor dem Spiel in Porto auf das Gemeinschaftsgefühl. Doch die neue Ruhe scheint trügerisch.

          Jeder Tourist weiß, dass nach einem plötzlichen Ortswechsel nicht prompt ein erwünschter Stimmungswechsel folgt. Wohin auch immer die Reise geht, ob in eine quirlige Stadt oder an einen ruhigen Strand, kleinere Sorgen und größere Nöte aus der Heimat werden ungewollt mitgeschleppt. Und trotzdem hegen Reisende stets aufs Neue die Hoffnung, dass die räumliche Entfernung auch für etwas Distanz zu den inneren Angelegenheiten des Alltags sorgt; das gilt für Fußballmannschaften, die sich vor wichtigen Spielen in Trainingslager zurückziehen, und das gilt seit Dienstag auch für den FC Schalke 04, dem der Trip ins ferne Portugal aus zweierlei Gründen gerade recht kommt.

          Thomas Klemm

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die „Königsblauen“, die mit einem 1:0-Sieg aus dem Achtelfinalhinspiel im Rücken an diesem Mittwoch beim FC Porto antreten (20.45 Uhr / Live bei Sat.1, Premiere und im FAZ.NET-Liveticker), können erstmals ins Viertelfinale der Champions League einziehen; zugleich hoffen die Schalker, nach turbulenten Tagen und Wochen wieder zu sich selbst zu finden. Manager Andreas Müller setzt auf ein enges Zusammenrücken in weiter Ferne, „wenn wir jetzt mal zwei, drei Tage zusammen sind. Da tauscht man sich aus und bereitet sich konzentriert auf das Spiel vor.“ Und der zuletzt wieder einmal umstrittene Trainer Mirko Slomka hofft, dass „nun alle Dinge, die uns ans Herz gegangen sind, ein für alle Mal ausgeräumt sind“.

          Die neue königsblaue Ruhe scheint trügerisch

          Im wohltemperierten Porto soll also die zuletzt aufgeheizte Stimmung auf Schalke verdrängt, wenn nicht vergessen gemacht werden. Es steht an diesem Mittwoch im Estádio do Dragão schließlich nicht irgendeine Begegnung an, sondern ein Champions-League-Spiel, „das es für diesen Verein noch nie gegeben hat“, wie Manager Müller sagt. Es geht um viel Ruhm, Ehre und darum, die in der „Königsklasse“ bereits eingestrichenen 28 Millionen Euro weiter zu vermehren. „Das“, meinte Müller, „sollte alle zusammenschweißen.“

          Kevin Kuranyis Tor sicherte den 1:0-Hinspiel-Sieg gegen Porto

          Trotz aller Appelle allerdings scheint die Ruhe, die für neue Kraft im königsblauen Kollektiv sorgen soll, trügerisch. Zwischen Trainer Mirko Slomka und dem Vorstand um Präsident Josef Schnusenberg herrscht seit der Aussprache vom Sonntag zwar eine Art Burgfrieden; doch muss sich der Coach auf Abruf sichtlich bemühen, um die Contenance zu wahren. So selbstkritisch Slomka in der vergangenen Woche aufgetreten ist nach Schnusenbergs spitzen Bemerkungen, so gefasst und gelassen versucht er sich kurz vor der wegweisenden Partie in Porto zu geben.

          Bordon schweigt: „Sonst kriege ich ein Problem“

          Wichtig sei, wie er auf die Mannschaft wirke, sagte der Vierzigjährige, „damit sie auf dem Platz wieder ein anderes Gesicht zeigt“. Der Kader ist schon genügend mit sich beschäftigt, seit Kapitän Marcelo Bordon die Kollegen in einer Art Generalkritik aufzurütteln versuchte. Der Brasilianer, im Team bisher der mächtigste Parteigänger des Trainers, hatte sich nach der jüngsten Bundesliga-Niederlage gegen den FC Bayern ein paar Kollegen vorgeknöpft und sie des mangelnden Einsatzwillens bezichtigt.

          Die zwei Angreifer Gerald Asamoah und Vicente Sanchez kritisierte Bordon sogar namentlich, weil sie ihre Defensivaufgaben vernachlässigten: womöglich eine Folge der offensiven Ausrichtung? Der Kapitän ließ durchblicken, dass er das von Trainer Slomka bevorzugte 4-3-3-System nicht für besonders erfolgversprechend hält; ausdrücklich in Frage stellen mochte Bordon die Aufstellung mit drei Offensivkräften allerdings nicht, „sonst kriege ich ein Problem“.

          „Wir müssen auch nach vorn Nadelstiche setzen“

          Ein Problem hat indes das ganze Team, von dem trotz eines Drei-Mann-Sturms zuletzt wenig Gefahr ausging. Hatten die Schalker vor dem Hinspiel gegen den portugiesischen Meister noch damit gehadert, dass bei ihnen die Null hinten nicht mehr stünde, so hat die Mannschaft seit dem 1:0-Sieg gegen Porto nun ein neues Manko: Die Null steht - aber vorne. Seit Kevin Kuranyis Treffer in der vierten Minute des Achtelfinalhinspiels haben die „Königsblauen“ in fünf aufeinanderfolgenden Halbzeiten kein Tor mehr erzielt.

          Einer torlosen zweiten Hälfte vor zwei Wochen gegen Porto schlossen sich zwei 0:1-Niederlagen in der Bundesliga bei Bayer Leverkusen und gegen den FC Bayern an. „Zu zaghaft“ seien die Schalker Angriffsbemühungen, monierte Manager Müller: „Wir können uns nicht allein darauf verlassen, ein Bollwerk aufzubauen. Wir müssen auch nach vorn Nadelstiche setzen.“ Aus den vergangenen vier Pflichtspielen stehen für den Tabellensechsten der Bundesliga nur zwei Treffer zu Buche.

          „Hoffe, wir werden Porto mit einem Lächeln verlassen“

          Wie gut also, dass der FC Schalke 04 an diesem Mittwoch nicht von vornherein gezwungen ist, ein Tor zu erzielen. Der portugiesische Meister, der die meisten seiner Stammkräfte in den vergangenen drei Pflichtspielen für die Champions-League-Begegnung schonte, muss im eigenen Stadion den Rückstand aus dem Hinspiel wettmachen: eine Ausgangslage, die laut Slomka seiner Mannschaft entgegenkommt.

          „Wir können zunächst mal verteidigen und auf Konter spielen“, sagte der Trainer, der nicht vorrangig auf Sicherheit setzt, sondern eine Mannschaft auf den Platz schicken will, „die auch Torgefahr ausstrahlt“. Und die am Ende mit dem Viertelfinaleinzug dafür sorgt, dass die Schalker Stimmung wieder steigt. „Ich hoffe“, sagte Slomka, „wir werden Porto mit einem Lächeln verlassen.“

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