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Champions League : Fußball zwischen Kunst und Kleinkriminalität

Diskussionen beim Fußball-Gipfel Bild: AFP

Barça gegen Chelsea - ein Feuerwerk feiner Fußballkunst. Doch zugleich war das Gipfeltreffen durch echte Fouls und falsche Blessuren über weite Strecken zerrissen. Mit FAZ.NET-Bildergalerie.

          3 Min.

          Trainer am Rande des Nervenzusammenbruchs: Fehlten nicht die Frauen im Drehbuch, die fortgesetzte Serie der filmreifen Duelle Barça gegen Chelsea ähnelte immer mehr einem Streifen des Spaniers Pedro Almodóvar. Auf der einen Seite José Mourinho, der nach dem 2:2-Ausgleich in der Nachspielzeit brüllend auf die Knie rutschte, als hätte er selbst das Tor erzielt - mögliche Grasflecken auf den Hosenbeinen des grauen Maßanzuges in Kauf nehmend.

          Christian Eichler
          Sportkorrespondent in München.

          Auf der anderen Seite Frank Rijkaard, der nach Schlußpfiff auf den Platz stürmte, um seine Spieler vom Schiedsrichter wegzuzerren - dem er dann wie ein leicht irrer Gebärden-Dolmetscher einen Vortrag über die korrekte Länge einer Nachspielzeit hielt: Sechs Minuten waren angezeigt worden, nur knapp fünf ließ der Italiener Farina spielen.

          Ständiges Reklamieren

          Das alles wären nur Nebensächlichkeiten in einem Spiel, in dem die beiden wohl stärksten Klubteams Europas ein schönes Feuerwerk feiner Fußballkunst lieferten. Über die ganzen 90 Minuten streckte sich der Spannungsbogen, von Decos Diagonaltreffer zum 1:0 (3. Minute) über Lampards Kunstschuß zum 1:1, aus der Drehung fast von der Torauslinie in den Winkel, eine „vaselina“, wie die spanischen Blätter es nannten (52.); über das 2:1 durch Gudjohnsen nach einem zuletzt raren Ronaldinho-Kunststück (58.) bis hin zum späten Ausgleich durch den virtuos wuchtigen Drogba (Siehe auch: Ergebnisse Champions League).

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          Champions League : Fußball zwischen Kunst und Kleinkriminalität

          Doch zugleich war, auch das typisch fürs aufgeputschte Duell, die Partie über weite Strecken zerrissen: durch echte Fouls und falsche Blessuren, ständiges Reklamieren und „Rudelbilden“ - all die systematischen Aggressionen und zähen Betrugsversuche, die Fußball auf höchster Ebene oft nicht wie ein anständiges Spiel, sondern wie organisierte Kleinkriminalität aussehen lassen.

          Mourinho im Adrenalingewitter

          Natürlich gaben beide Seiten einander die Schuld. Vor allem Mourinhos Spielchen war so durchschaubar wie wirksam: vor dem Spiel die anderen entrüstet als Schwalbenkönige beschuldigen - um dann herzhaft zutreten und sich nachher sogar noch als Opfer hinstellen zu können. Mit sechs Gelben Karten war Chelsea für 29 Fouls gut bedient. Zweimal schien Ashley Cole Gelb erhalten zu haben, die Katalanen forderten seine Hinausstellung, doch Farina wollte nachträglich beim ersten Mal nicht Cole, sondern Lampard verwarnt haben. Was Lampard, der nun in Bremen gesperrt ist, überraschte: „Ich dachte, Ashley muß vom Platz. Doch ich war verwarnt worden, ohne es gemerkt zu haben.“

          Nach sechs hitzigen Duellen in 19 Monaten (zwei Siege Chelsea, zwei Barça, zwei Remis) läßt das Los nun hoffentlich Ruhe einkehren in die Beziehung des spanischen und des englischen Champions. Ihre Begegnungen bringen zwar das Beste aus beiden hervor; aber zunehmend auch das Schlechteste. Was in diesem Fall nicht das Schlechteste für die Bremer war, die an Barcelona vorbeigezogen sind. „Wir dürfen uns keinen Ausrutscher mehr erlauben“, sagte Rijkaard abgekämpft, aber mit klarem Kopf - welcher wiederum Mourinho im Adrenalingewitter ein wenig abhanden gekommen schien. Der Chelsea-Coach verkündete, man habe nun bereits die Vorrunde überstanden - tatsächlich braucht sein Team dafür noch einen Punkt.

          „Mund halten und härter arbeiten“

          „Das Schlimmste daran, gegen Chelsea zu spielen, ist, daß man hinterher Mourinho hören muß“, fand der Brasilianer Edmilson. „Er sollte den Mund halten und härter arbeiten.“ Als Trainer von Welt muß man aber auch verbal seine Taktik durchziehen. Die von Mourinho ging etwa so: Wir waren umzingelt, von Feinden und Schwalben und einem Schiedsrichter, der gegen uns war, aber wir haben es ihnen gezeigt. Er weiß: Fußball lebt von Fakten, aber auch von der Fiktion. Und so machten die Zuschauer dem verhaßten Portugiesen, der als kleiner Dolmetscher bei Barça seine Karriere begonnen hatte, sogar ein Kompliment, als sie ihn riefen: „Mourinho, geh ins Theater!“ Sein Theater ist das Stadion.

          Barça stehen nun zwei Zitterpartien im kalten Sofia und gegen die heiße Bremer Tormaschine bevor (Siehe auch: Werder zaubert auch in Sofia - Bayerns Nullnummer). „Wir haben hart gearbeitet“, suchte Edmilson das Positive, „und sind nicht in die Fallen getappt, die Chelsea gestellt hat.“ Am Ende vielleicht doch. Ein solcher Ausgleichstreffer, in der 93. Minute, nach Ballverlust jenseits der Mittellinie, worauf der Gegner mit dem Ball vierzig Meter unbedrängt bis an den Strafraum spurten kann - er wäre dem perfekt auf Absicherung und sofortige Neuorganisation bei Ballverlust getrimmten Chelsea-Bollwerk nie unterlaufen.

          „Barça gegen Chelsea bekommt mehr und mehr das Gesicht eines klassischen Stadt-Derbys“, fand Lampard, der den Mittelfeld-Kollegen Ballack deutlich übertraf. „Mit all den Zwischenfällen, der Atmosphäre und dem Druck, den das mit sich bringt.“ Es war eine der wenigen besonnenen Aussagen nach einem Spiel, das Rijkaard eine „Schlacht“ nannte. Zeit für eine Pause, ehe es noch wirklich dazu wird.

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