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Champions-League-Finale : „Terrone" Gattuso - Mailands Erdfresser

  • -Aktualisiert am
Antreiber aus dem armen Süden: Gennaro Gattuso
          3 Min.

          Das zweite Endspiel der Champions League zwischen dem AC Mailand und dem FC Liverpool in zwei Jahren - darüber ließen sich aus italienischer Sicht viele Geschichten erzählen: über den 38 Jahre alten Kapitän Paolo Maldini, der sein achtes europäisches Finale spielt; über den Trainer Carlo Ancelotti, der im Winter schon vor der Entlassung stand; über den Niederländer Clarence Seedorf, der als einziger Spieler die Champions League mit drei unterschiedlichen Mannschaften gewonnen hat; über den brasilianischen Jungstar Kaká, der in dieser Spielzeit schon zehn Tore erzielte.

          Doch alle diese Geschichten könnten nicht erzählt werden ohne das Epos von Gennaro Ivan Gattuso. Kein anderer Spieler hat Milan, das bis zum furiosen Saisonfinale mit Siegen gegen Bayern München und Manchester United in der Krise steckte, ähnlich geholfen wie der 28 Jahre alte Ausputzer aus Kalabrien (Finale ab 20.45 Uhr im FAZ.NET-Liveticker).

          Seele des Millionärsklubs

          Eigentlich müsste Dauerläufer Gattuso nach den Strapazen der Weltmeisterschaft längst verletzt oder wenigstens ausgebrannt sein, doch die medizinische Abteilung der Milanesen hat das Konditionswunder für die letzten Spiele der Saison wieder topfit hinbekommen - und ein fitter Gattuso kann das Spiel des Gegners fast im Alleingang mit seinen Zweikämpfen und Tacklings kaputtmachen.

          „Ohne ihn”, sagt sein Trainer Ancelotti, „stünden wir jetzt nicht hier”
          „Ohne ihn”, sagt sein Trainer Ancelotti, „stünden wir jetzt nicht hier” : Bild: AFP

          Vor allem aber ist ausgerechnet das technisch nicht besonders begabte Rauhbein, dessen Eltern noch als Gastarbeiter in Deutschland schufteten, zur Seele des Millionärsklubs aus Norditalien geworden. Als Italiens Telecom zwei Spieler der Weltmeistermannschaft zu Werbeträgern auserkor, fiel die Wahl auf den bodenständigen Römer Francesco Totti und auf Gennaro Gattuso, der seither in Werbespots mit flotten Sprüchen „Telefonini“ an der Haustür abliefert und längst von den Kindern als Idol verehrt wird.

          Wadenbeißerische Hartnäckigkeit

          Bis dieses Fußballmärchen wahr werden konnte, brauchte der 1,77 Meter große und mit 77 Kilo Muskelmasse eher als Rugbyspieler durchgehende Gattuso einen langen Anlauf. Weil das Talent bei seinem Ausbildungsverein in Perugia nicht an kommenden Stars wie Marco Materazzi vorbeikam, wechselte er ins regnerische Schottland zu den Glasgow Rangers. Dort lernte er in einer Pizzeria nicht nur die Tochter des Hauses, seine heutige Ehefrau Monica, kennen, sondern entwickelte er auch seinen läuferischen Totalfußball, der sich in wadenbeißerischer Hartnäckigkeit auslebt und in Mailand erst die Räume für Feingeister wie Andrea Pirlo oder Kaká freikämpft.

          Weil Gattuso, der auf dem Platz bei Ungerechtigkeiten oder Schauspielerei schon einmal ausrasten kann, selber aber niemals unfair wird und hinterher sowieso zu einem wohlerzogenen, ziemlich schüchternen Gentleman mutiert, ist das Schimpfwort „Terrone“ - Erdfresser aus Süditalien - bei ihm zum Ehrentitel geworden. Durch Gattuso, der freilich auch kluge Pässe nach vorne spielen kann und über eine große taktische Übersicht verfügt, wurde das Genre des Abfangjägers und Zerstörers im Weltfußball wieder hoffähig.

          Der Antreiber aus dem armen Süden

          Es ist kein Geheimnis, dass es erst der Gruppensinn Gattusos und sein nie erlahmender Ehrgeiz waren, die Italiens kriselnde Weltmeistermannschaft zur Siegertruppe zusammenschweißten. Dass Milan, mit dem Gattuso bereits 2003 die Champions League gewann, jetzt aufs Neue im Finale steht, ist dem Antreiber aus dem armen Süden zu verdanken. „Ohne ihn“, sagt sein Trainer Carlo Ancelotti, „stünden wir jetzt nicht hier.“ Und so appelliert der unermüdliche Gattuso vor dem Déjà-vu-Finale von Athen an die Ehre seiner Künstlerkollegen, die Scharte von 2005 auszuwetzen, als man nach 3:0-Führung den Pokal noch aus der Hand gab.

          Gattuso war damals so geplättet, dass er Milan verlassen und woanders von vorne anfangen wollte. Heute denkt er nicht mehr daran, sondern fährt als italienisches Nationalsymbol regelmäßig in seine abgelegene Heimatgemeinde Corigliano Calabro, er gründete dort eine Fußballschule, betreibt zwei Sportgeschäfte und pflegt die Familienbande - was er in seiner Bestseller-Autobiographie als Erfolgsgeheimnis pries: Hier ehrt einer die Wurzeln, die andere lieber vertuschen würden. Gattuso wäre nicht der, als den ihn inzwischen die ganze Fußballwelt kennt, würde er nicht auch nach Athen - wie zum WM-Finale nach Berlin - Familienmitglieder einladen, damit er ihnen vorführen kann, was ihm im Leben am wichtigsten ist: Kampfgeist, Fairness, Zusammenhalt - und natürlich Gewinnen.

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