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Champions-League-Finale : Der Triumph der Ballversteher und Ballliebhaber

  • -Aktualisiert am

Der Trainer und sein Held: Guardiola (l.) und Messi Bild: REUTERS

„Fußball total“ 2009: Der FC Barcelona machte aus dem Finale der Champions League eine betörende Demonstration von Spielwitz und technischer Brillanz. Baumeister des katalanischen Kunstwerks ist Trainer Pep Guardiola in seiner ersten Saison.

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          Das Ende war wie eine katalanische Großfamilienfeier. Carles Puyol, der Kapitän des glorreichen FC Barcelona, packte sich den großen Silberpokal für den Gewinner der Champions League, stellte ihn am Anstoßpunkt auf, rief alle Spieler, Trainer und Betreuer zu sich – und dann tanzte die blau-rote Gemeinschaft der Überglücklichen rund um die wichtigste Trophäe, die es im europäischen Vereinsfußball zu gewinnen gibt.

          Zu diesem Zeitpunkt, weit nach 23 Uhr, hockte die schwer geschlagene Mannschaft des Titelverteidigers Manchester United längst in ihrer Kabine, gedankenleer und desillusioniert von einem römischen Abend, den die Engländer gerade mal zehn Minuten mitbestimmen konnten. Dann aber war es nach drei Warnschüssen des portugiesischen Pistoleros Cristiano Ronaldo im Stadio Olimpico vorbei mit der Wucht und Entschlossenheit des Titelverteidigers.

          Manchester sah dem Festivaltatenlos und fassungslos zu

          Mit dem 1:0 durch Samuel Eto’o schon nach zehn Minuten blühte Barças Spielkunst auf, und das Champions-League-Finale zwischen den beiden besten Klubmannschaften der Welt wurde zu einer betörenden Demonstration des nun dreimaligen Eroberers des großen Silberpotts mit den ohrengleichen Henkeln. Dass der gerade mal 1,69 Meter messende argentinische Wunderknabe Lionel Messi mit seinem Kopfball zum 2:0 (70.) den 1,89 Meter langen Rio Ferdinand verdattert stehen ließ und derart listig die Entscheidung vor 67.000 Zuschauern im ausverkauften römischen Olympiastadion herbeiführte, passte zum speziellen Charme dieses Endspiels.

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          Champions-League-Finale : Der Triumph der Ballversteher und Ballliebhaber

          Gewonnen hatten der Spielwitz, die Kombinationssicherheit, die technische Brillanz, die taktische Schläue und die Freude am Fußball an diesem denkwürdigen Mittwochabend. Und das im Duell mit einer Mannschaft, von der es vorher geheißen hatte, sie habe auf alle Fragen eine hochprofessionelle Antwort. Die Meister von Manchester United aber, stilprägend in der Premier League, sahen dem Kurzpassfestival des FC Barcelona tatenlos und fassungslos zu. Sie und ihr welterfahrener Trainer Alex Ferguson fanden nie mehr den Schlüssel zu ihrem eigenen Spiel.

          „Eine phantastische Leistung meines Kollegen Guardiola“

          Dabei wollten sie doch als erstes Team überhaupt ihre Champions-League-Vorherrschaft aus dem Vorjahr aufs Neue behaupten. Es blieb beim untauglichen Versuch. Der 67 Jahre alte Sir aus dem Glasgower Arbeitermilieu machte erst gar nicht den Versuch, seine Enttäuschung zu verhehlen, und gratulierte seinen Bezwingern. „Eine phantastische Leistung meines Kollegen Guardiola in seinem ersten Jahr als Cheftrainer. Seine Spieler wollten immer in Ballbesitz kommen und den Ball dann auch behalten. Sie haben ihren Fußball genossen, und dazu kann ich ihnen nur gratulieren.“

          Wie paralysiert starrten Uniteds Recken wie Vidic, Ferdinand, Carrick auf die Zirkulationsreise des Balles durch die Reihen des neuen Champions. „Sie haben ihren Stil und verraten ihn nie“, sagte Ferguson. Josep Guardiola genoss den süßesten Moment seines ersten Jahres an der sportlichen Spitze einer katalanischen Institution, die laut ihrem Leitsatz „mehr als ein Klub“ ist. Als Spieler war Guardiola 1992 mit Barcelona unter Anleitung der holländischen Trainerikone Johan Cruyff maßgeblich mitbeteiligt am Gewinn des Europapokals der Landesmeister; als Trainer erinnerte er in Rom an seinen vorbildlichen Lehrmeister und dessen ersten Helfer Carles Rexach.

          „Du kannst schlecht spielen und trotzdem gewinnen“

          Cruyff hat Vereinspräsident Joan Laporta vor einem Jahr Guardiola als Nachfolger von Frank Rijkaard, mit dem Barça 2006 die Champions League gewann, empfohlen – es war eine ideale Wahl, da Barcelona nun wieder jenen funkelnden Offensivfußball zelebriert, der schon zu den Zeiten des Cruyff'schen „Fußball total“ die Liebhaber des Spiels faszinierte.

          Unter Guardiola geht es mit dem FC Barcelona im Zweifel immer vorwärts und dabei stets voran. Warum, erklärte der Trendsetter am Mittwochabend: „Du kannst schlecht spielen und trotzdem gewinnen. Aber wenn du etwas riskierst und attackierst, hast du bessere Chancen auf den Sieg. Es gibt nichts Gefährlicheres, als nichts zu riskieren.“ Guardiolas Mannschaft riskierte gern, weil sich jeder Spieler, voran die spanischen Passkönige Iniesta und Xavi, aber auch der von Guardiola immer wieder von der Spitze ins zentrale Mittelfeld zurückbeorderte Superstar Messi dem Markenzeichen des Barça-Kombinationsspektakels verpflichtet fühlen. Da schert niemand selbstsüchtig aus, und es herrscht ein Korpsgeist der Generosität.

          „Wir mussten minutenlang warten, bis wir den Ball wieder hatten“

          Verkörpert der Football Club Manchester United an seinen besten Tagen die Luxusausgabe des ehrlichen Arbeiterfußballs, mutet das Spiel des FC Barcelona großbürgerlich souverän an – und an Feiertagen à la Rom wie eine Mäzenatengabe. Das Publikum zu beschenken, sieht Guardiola als eine seiner vornehmsten Aufgaben an. „Die Art, wie wir dieses Jahr gespielt haben“, sagt Guardiola, „zeigt den Respekt gegenüber den Menschen, die viel Geld bezahlen, um uns zu sehen.“ Alle mitnehmen und nichts auslassen, so krönte der spanische Meister und Pokalsieger seinen internationalen Beutezug.

          In Rom wurde nur eine Mannschaft dem Herzenswunsch nach einem Fest der Superlative gerecht – das aber derart faszinierend, dass der Gegner inklusive des zunehmend frustrierten Messi-Gegenspielers Cristiano Ronaldo am Ende Spalier stand. „Wir mussten minutenlang warten, bis wir den Ball wieder hatten“, klagte Ferguson leise, „und als wir ihn hatten, gingen wir nicht gut genug mit ihm um.“ Mit dem FC Barcelona hat ein Kollektiv der Ballversteher und Ballliebhaber Maßstäbe gesetzt – als gäbe es die Schwerkraft nicht mehr. Eine schöne Illusion an einem zauberhaften Abend.

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