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Champions-League-Finale : Das Spiel der Systeme

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Das war 2005: Liverpool gewann 6:5 nach 0:3-Rückstand Bild: AP

FC Liverpool gegen AC Mailand, Teil 2. Ein Champions-League-Finale als Neuauflage. Der Fußball-Versteher und Spielebeobachter Urs Siegenthaler über Stärken und Schwächen der Finalisten - und über deutsche Defizite.

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          FC Liverpool gegen AC Mailand, Teil 2. Ein Champions-League-Finale als Neuauflage: 2005 in Istanbul gewann der FC Liverpool nach einem 0:3-Halbzeitrückstand noch 6:5 nach Elfmeterschießen. Wie geht's diesmal in Athen (Mittwoch, 20.45 Uhr) aus? Der Fußball-Versteher und Nationalmannschafts-Spielebeobachter Urs Siegenthaler im F.A.Z.-Interview über Stärken und Schwächen der beiden Finalisten - und über deutsche Defizite.

          Rein taktisch gesehen: Wer ist Favorit im Champions-League-Finale zwischen dem FC Liverpool und dem AC Mailand?

          Da gibt es keinen Favoriten. Milan zeichnet die Erfahrung aus und die taktische Kompetenz, die die Mannschaft über Jahrzehnte durch ihr ständiges Training erworben hat. Liverpool verfügt dagegen nicht über die gleiche taktische Kompetenz, besitzt aber die Jugend und die Fähigkeit, kleinere Mankos mit Leistungsbereitschaft zu kompensieren.

          Milan-Trainer Ancelotti hat nach dem 3:0 im Halbfinalrückspiel gegen Manchester von einer perfekten ersten Halbzeit gesprochen - sind Sie auch so ins Schwärmen geraten?

          Bei diesem Spiel wurde ich an die Aussage eines englischen Trainers erinnert, der gesagt hat, dass seine Mannschaft immer viel von ihrem Engagement verliert, sobald sie die Insel verlässt. Wenn man wie Manchester gegen einen solchen Gegner mit einem Abstand von fünf, sechs Metern zum Gegner versucht, die Räume zu schließen, läuft man direkt in ein solches Debakel. Eine der ersten Szenen von Christiano Ronaldo war für mich schon spielbestimmend - wo er versucht hat, mit dem Absatz den Stürmer einzusetzen. Wenn man das in einem solchen Spiel sieht, muss man als Trainer eigentlich sagen: „Ich habe verloren.“

          An einer solchen Szene machen Sie Ihr Urteil fest?

          Ja. Ich versuche das einmal am Beispiel meines zweiten Berufs zu erklären. Ich führe ein Ingenieurbüro, und wenn ich morgens mit meinem Elektroingenieur die Arbeit bei einem Projekt beginne und ganz viele Fragen im Raum stehen, dann merke ich, dass es an der Vorbereitung gehapert hat. Aber wenn er mit Lösungen kommt, dann ist damit der Businessplan für den Tag schon aufgestellt - beim Fußball nennt man das Matchplan. Im Fußball sieht man das einem Spieler an der Körpersprache an. Manchmal kommt man aber an einen Spieler nicht richtig heran, das muss nicht an der mangelnden Vorbereitung eines Trainers liegen.

          Das Durchschnittsalter von Milans Mannschaft ist deutlich höher als das von Liverpool. Ist Erfahrung in taktischen Fragen ein oder sogar der entscheidende Faktor?

          Man sieht das auch bei Prominentenspielen, wenn Spieler, die mal richtig gut Fußball spielen konnten, sagen: „Heute zeigen wir mal, was wir können“, heißt das mit anderen Worten: Wir schöpfen unsere Möglichkeiten vollständig aus. Bei Milan mit seinen 36 oder 38 Jahren alten Spielern bedeutet das: in der Defensive nicht auf Laufduelle einlassen und den Ball direkt spielen - damit kann man das Manko fehlender Jugend wettmachen.

          Wo sehen Sie die taktischen Stärken der beiden Finalisten - und die Schwächen?

          Das Spiel von Liverpool gegen Chelsea hat gezeigt, was wir in Zukunft vom Fußball erwarten dürfen. Wenn Liverpool es wieder schafft, dieses Engagement zu zeigen, diese Fähigkeit, nie nachzulassen, dann wird Milans ältere Generation irgendwann ein geistiges Manko erleben. Sie werden dann nicht mehr diese Präsenz haben. Das „Alter“ ist dann ihre Schwäche. Aber wenn man sie spielen lässt, machen sie kaum Fehler.

          Wie wichtig ist in einem solchen Endspiel die Taktik? Individuelle Klasse, technische Qualitäten, Tagesform und Psychologie kommen ja noch dazu.

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