https://www.faz.net/-gtl-1293q

Champions League : Die neue Kuschelrivalität

Nur Schauspiel oder echte Freundschaft: Die Trainer Wenger (l.) und Ferguson Bild:

Duelle zwischen Manchester United und Arsenal London sind seit 1996 auch Duelle zwischen den Meistertrainern Alex Ferguson und Arsène Wenger. Hass und Häme waren die ständigen Begleiter der Begegnungen, doch zum Champions League-Aufeinandertreffen herrscht Friede.

          3 Min.

          Im Herbst 1996 kam Arsène Wenger aus Tokio nach London. Es war der Beginn einer wunderbaren Feindschaft. Von Beginn an war der neue Arsenal-Trainer ein rotes Tuch für Alex Ferguson. „Er ist ein Anfänger, er soll seine Ansichten auf den japanischen Fußball beschränken“, polterte der Platzhirsch der Premier League.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          In den Duellen von Manchester United und Arsenal gab es in den folgenden Jahren viel Hass auf dem Platz und böse Worte zwischen den Trainern, die einander als „schlechter Verlierer“ oder „Schande“ beschimpften. Tiefpunkt der undiplomatischen Beziehungen war die Partie im Old Trafford 2004, die Arsenals Rekordserie von 49 Spielen ohne Niederlage beendete. Bei den Jagdszenen, die sich nach dem Schlusspfiff in den Katakomben fortsetzten, wurde Ferguson von einer Pizza im Gesicht getroffen. Es ging als „Pizzagate“ in die englische Fußballfolklore ein. Vor dem nächsten Spiel ermahnte die Polizei die Trainer, ihre Wortgefechte zu unterlassen, der Sportminister schloss sich dem an.

          Ist es Altersmilde, die Wenger und Ferguson versöhnt?

          Sie haben zusammen 13 von 16 Titeln der Premier League gewonnen (Ferguson zehn, Wenger drei), mehr Champions- League-Spiele bestritten als jeder andere (Ferguson 170, Wenger 131) und 37 direkte Duelle unbeschadet überstanden (15:14 für Wenger bei acht Remis) - doch erst an diesem Mittwoch treffen sie erstmals in einem europäischen Wettbewerb aufeinander. Und siehe da, es herrscht Friede. Der „Telegraph“ schreibt von einer „unwahrscheinlichen Freundschaft“ und findet: „Nie waren die Beziehungen der beiden besser. Sie haben sogar begonnen, sich über französischen Wein zu unterhalten.“

          Die personifizierte Routine: Alex Ferguson.

          Es begann vor einem Jahr nach einem 2:1-Sieg von United, man sah „etwas, das niemand je erwartet hätte“ (“Mail“): Ferguson tröstete Wenger mit einer angedeuteten Umarmung. Im Frühjahr traten sie bei einer Abendveranstaltung der Trainervereinigung gemeinsam aufs Podium, zwei perfekte Gentlemen in Smoking und Fliege. „Heute haben wir viel mehr Verständnis und Respekt füreinander“, sagte Wenger. „Bei Trainerkonferenzen in Genf haben wir uns einige Male zusammengesetzt, ein Glas Wein getrunken und etwas gegessen“, erläuterte Ferguson und stellte das Verbindende heraus: „Wir haben beide großartige Mannschaften.“ Ein wenig mag Altersmilde mitspielen, Ferguson ist 67, Wenger 59; aber auch die „Verantwortung des Trainers, das Spiel so ruhig wie möglich zu halten“, wie Wenger sagt. „Ich will nicht, dass Fans sich attackieren, weil ich sie verrückt gemacht habe.“ Auch hält der Franzose die „Psychospiele“ für „überschätzt“. Sie seien wie Werbung: „Man braucht sie, weiß aber nie, was sie wirklich bringt.“

          Arsenal stellt für ManU nicht mehr die größte Gefahr dar

          Hauptgrund der neuen Kuschelrivalität aber ist ein doppelter Zeitenwandel. Chelsea und Liverpool haben aus dem Zwei- einen Vierkampf gemacht, in dem Arsenal für United nicht mehr die größte Gefahr darstellt. Dazu kam eine neue Generation von Spielern, die mit den alten Hitzköpfen nichts mehr gemein hat. Passé sind die giftigen Duelle zwischen den Kapitänen Roy Keane, der gern noch heute sein Lebensmotto „Wir hassen Arsenal“ verkündet, und Patrick Vieira, dem United der „Lieblingsfeind“ war. Den damaligen United-Torjäger Ruud van Nistelrooy nannte Vieira einen „Feigling“ und „Hurensohn“. Der heutige Arsenal-Kapitän Cesc Fabregas nennt Manchester „das beste Team der Welt“ und erklärt seine „Bewunderung für Rooney und Ronaldo“.

          Zweimal gewann Ferguson die Champions League, Wenger und Arsenal gewannen sie noch nie - vielleicht der bedeutendste Trainer und bedeutendste Klub, die die wichtigste Trophäe noch nie besaßen. „Es fehlt in meinem Lebenslauf“, räumt Wenger ein, „ich will es nicht noch einmal verpassen.“ Auch hier gibt es keine Häme durch Ferguson, im Gegenteil, er verteidigt den Kollegen: „Es ist nicht einfach, die Champions League zu gewinnen. Es kostete mich 13 Jahre, das zu schaffen, dann noch mal neun.“ Die Kritik an Wenger sei „zynischer Journalismus“.

          Der Kampf um Europa wird zur Probe für die neue „Entente cordiale“

          Wenger stärkte die Männerfreundschaft vor einer Woche mit einem 4:4 in Liverpool, bei dem er mit der besten Elf antrat - während United-Fans befürchtet hatten, er werde in der Liga Spieler schonen und so Liverpool, dem Titelkonkurrenten von Manchester, den Sieg schenken. „Arsenal spielt immer auf Sieg“, lobte Ferguson. „Das ist das Mantra von Arsène. Er ist ein Sieger.“ Das sind natürlich nicht so gute Schlagzeilen wie früher. Kein Wunder, dass die englische Presse jenen Zeiten nachtrauert, in denen Ferguson noch nicht „Präsident des Wenger-Fanklubs“ war (“Times“). Der „Guardian“ spekuliert darauf, dass die beiden Halbfinalspiele „das böse Blut wieder in Wallung bringen“ könnten. Der Kampf um Europa wird zur Probe für die neue „Entente cordiale“.

          Weitere Themen

          Ein eindringlicher Appell von Klopp

          FC Liverpool : Ein eindringlicher Appell von Klopp

          Die britische Regierung erlaubt den Neustart der Premier League. Das freut vor allem den FC Liverpool. Bevor es aber losgeht, möchte Trainer Jürgen Klopp noch eine wichtige Botschaft an die Fans loswerden.

          Rhein-Derby vor leeren Rängen Video-Seite öffnen

          Düsseldorf gegen Köln : Rhein-Derby vor leeren Rängen

          Am Wochenende trifft Fortuna Düsseldorf auf den 1. FC Köln. Doch auch das Rhein-Derby muss in dieser Saison ohne die Fans stattfinden. Doch auch als Geisterspiel sei das Aufeinandertreffen der beiden Vereine etwas Besonderes, wie beide Trainer beteuerten.

          Topmeldungen

          Militäreinsatz im Inneren : Darf Trump das?

          In Washington wurden schon Black Hawks eingesetzt, um Randalierer im Tiefflug einzuschüchtern. Können anderswo die Gouverneure einen Armeeeinsatz verhindern? Und warum nennt Trump die Antifa eine Terrororganisation? Die wichtigsten Antworten.
          Mehr Normalität als anderswo: Freizeitvergnügen in einem Park in Stockholm

          Schwedens Corona-Kampf : Noch Sonderweg oder schon Holzweg?

          Das tut weh: Überall werden die Corona-Beschränkungen gelockert, aber für Touristen aus Schweden bleiben die Grenzen geschlossen. Die Zweifel wachsen, ob das Land am Ende besser aus der Krise herauskommt als die Nachbarn.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.