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Champions League : Der Märchen-Heldt

  • -Aktualisiert am

Mittendrin im Stuttgarter Jubelchor: Horst Heldt Bild: dpa

Die wundersame Geschichte der Stuttgarter Wiederentdeckung Horst Heldt: Gestern beinahe Fußball-Rentner, heute gut wie nie. Ein Lockruf von VfB-Trainer Felix Magath sorgte für die Wende.

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          Horst Heldt ist in Eile, wie eigentlich immer in diesen atemlosen Wochen. Zwischen den beiden Trainingseinheiten an diesem sonnigen Herbsttag muß er das Mittagessen unterbringen und einen Medientermin, und außerdem ist eine "Schreibstunde" angesetzt, an der die Profis des VfB Stuttgart Fan-Utensilien unterschreiben. "Es ist deutlich mehr geworden", sagt er und deutet auf die Kartons voller Schals und Trikots im Nebenraum. Draußen vor der Klubzentrale steht ein schickes Cabriolet, das für einen guten Zweck versteigert werden soll. "Horscht, doi Unterschrift fehlt no", sagt einer. Als er auch das hinter sich gebracht hat, ist Horst Heldt endlich soweit. Seine Geschichte soll er erzählen? "Ojeh", sagt er, schaut auf die Uhr und lehnt sich zurück, "das kann dauern."

          Heldt in Frankfurt: „Es war die Hölle“

          Wo soll er anfangen in dieser sonderbaren Geschichte, einer Geschichte mit vielen Wechselfällen und extremen Ausschlägen, die sich unwirklich anfühlt und doch so typisch ist für eine Branche, in der man vieles deuten, aber weiß Gott nicht alles erklären kann? Soll er mit dem Anruf des Stuttgarter Trainers Felix Magath vor gerade mal zehn Monaten beginnen? Nein, Heldt muß noch weiter zurück in die Vergangenheit, nach Frankfurt, wo sich die Wege von ihm und Magath vor drei Jahren erstmals kreuzten. Magath übernahm seinerzeit die notorisch krisengeschüttelte Eintracht, die Lage war aussichtslos. Trotzdem rettete er die Eintracht vor dem Abstieg, aber schon ein paar Monate später jagten sie ihn wieder aus Frankfurt davon. Horst Heldt war schon 1999 vom TSV München 1860 als hochbezahlter Spielmacher zur Eintracht gekommen. Er schlug sich ganz gut in der hessischen Großstadt, aber als Magath weg war, ging es mit ihm genauso bergab wie mit dem Klub. Am Ende der Saison, als alles zerfiel, wurde Heldt, ein feingliedriger Mann von eher empfindsamer Natur, als Abzocker und Abstiegsprofiteur beschimpft. Sein letztes Spiel im Waldstadion hat sich eingebrannt in seiner Erinnerung. Er war am Tiefpunkt seiner Karriere angelangt, Polizeikräfte mußten ihn aus dem Stadion bringen, um ihn vor dem Mob zu schützen. "Ausgerechnet mich", sagt Heldt, "es war die Hölle."

          Von Frankfurt verschlug es ihn nach Österreich zu Sturm Graz, es war eine Flucht, es sollte ein Neubeginn werden, ein letzter. Stattdessen wurde daraus ein einziger Irrtum. Der Präsident habe ihn gekauft, aber der Trainer nicht gewollt, sagt der Mittelfeldspieler. Er, der hochbezahlte Spielgestalter aus dem Ausland, saß meistens auf der Bank. Anderthalb Jahre lang quälte sich Heldt, dann hielt er es nicht mehr aus. Er litt unter Selbstzweifeln. Er sagt: "Für mich war da der Punkt gekommen, wo ich wußte: Ich muß da weg. Selbst wenn es das Ende meiner Karriere ist."

          Doch Heldt gab nicht auf, noch nicht. Er raffte sich zu einer letzten Offensive auf, auch wenn es ihn Überwindung kostete: Er griff zum Telefon und diente sich Klubs aus der Ersten und Zweiten Bundesliga an. Doch wer wollte schon, erst recht in Zeiten der Rezession, einen Dreiunddreißigjährigen, der längst als Auslaufmodell galt? Ein Verein aus der zweiten Liga zeigte Interesse, aber dem ging es auch nicht gut. Heldt war frustriert, er beschäftigte sich immer öfter mit dem Karriereende. "Auch wenn die meisten es nicht zugeben, man hat Angst vor diesem Punkt."

          Er? Zum VfB? Jetzt sofort?

          Gerade zehn Monate liegt diese dunkle Zeit zurück, und wenn Horst Heldt darüber spricht, hat man manchmal das Gefühl, das muß ein anderer Mensch sein, dem man da gegenübersitzt. Er kann ja selbst kaum glauben, was mit ihm passiert ist seit jenem Januartag, als das Telefon läutete und Felix Magath dran war und ihn fragte, ob er nicht zum VfB Stuttgart kommen wolle. Er? Zum VfB? Jetzt sofort?

          Heldt fackelte nicht lange, zwei Tage später gehörte er zum Stuttgarter Troß, der sich auf den Weg ins Trainingslager nach Portugal machte. Wie das für ihn war? "Nur komisch", sagt er. "Die Leute und die Spieler, die dachten doch alle dasselbe: Was will denn der Magath mit dem alten Sack?" Heute könnte sich Magath, der Schachliebhaber, auf die Schulter klopfen für diesen beinahe genialen Zug. Denn bei aller Begeisterung für den Spieltrieb seiner gefeierten Horde junger Aufsteiger: So ein System funktioniert auf Dauer nur mit erfahrenen Ordnungshütern vom Schlag eines Soldo, die bei aller Kunst den Nutzen nicht vergessen. Nach Balakows Karriereende im Sommer war eine dieser beiden Schlüsselpositionen im VfB-Gefüge frei - und Heldt, so scheint es nun, ist eine Idealbesetzung. Er spielt so gut und geradlinig wie vielleicht noch nie in seiner Karriere, und er hält dem spektakulären Weißrussen Alexander Hleb den Rücken frei. Außerdem war seine Verpflichtung frei von Risiko; Heldt verdient sich seine Gage über Einsatz- und Erfolgsprämien, sein Grundgehalt ist gerade so hoch, "daß ich weiter in der privaten Krankenversicherung sein kann".

          „Es ist ein Märchen“

          An diesem Mittwoch ist wieder so ein Auftritt, von dem Heldt geträumt hat, seit er einst als hochgehandeltes Talent beim 1.FC Köln in das Profigeschäft einstieg. Champions League, die Königsklasse. Und er, der alte Sack, mittendrin und doch irgendwie auf Wolke sieben schwebend. Jetzt ist Panathinaikos Athen der Gegner. Drei Wochen liegt dieses elektrisierende Spiel gegen Manchester United zurück, Heldt gehörte zu den Besten und stellte Größen wie Roy Keane oder Ryan Giggs in den Schatten. "Ein einziger Traum", sagt Heldt, in dessen Lebenslauf auch zwei Länderspieleinsätze vorkommen, "ich genieße jede Sekunde." Dann schaut er erschrocken auf die Uhr, er muß weg. Draußen vor der Glastür wartet ein halbes Dutzend Teenager auf ihn, den glücklichen Helden. Beim Gehen wendet er sich noch mal um. "Es ist ein Märchen", sagt er, "das können Sie ruhig schreiben."

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