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Champions League : Bremer Helden zweiter Klasse

  • -Aktualisiert am

Die pure Freude: Per Mertesacker kann's kaum fassen Bild: dpa

Wunder, welches Wunder? Werder Bremen spielt seine Reserven aus und stürzt das Imperium Real Madrid. Die Folge: Das Achtelfinale ist zum Greifen nah. Und auch der sonst so spröde Trainer Schaaf findet bewegende Worte.

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          Es war kein Fußball-Wunder! Darüber herrschte Einigkeit unter den Helden. Den Augenzeugen mag es so vorgekommen sein in einer dieser bezaubernden europäischen Fußballnächte, die sich nirgendwo in dieser Dichte ereignen wie in Bremen. Dass Werder Real Madrid durch Tore von Rosenberg (4. Minute), Sanogo (41.) und Hunt (58.) 3:2 besiegte, wie es am Mittwoch geschah, gilt in der Branche als Überraschung, aber nicht als ein höchst unwahrscheinliches, nur selten zu bewunderndes Phänomen.

          Peter Heß

          Sportredakteur.

          Dazu sind die Leistungsunterschiede zu gering und der Zufallsfaktor in diesem Sport zu groß. Aber dass die bessere Reservemannschaft eines Klubs der gehobenen europäischen Mittelklasse das Luxusprodukt des Fußballkontinents übertrifft, damit hatte niemand ernsthaft gerechnet (Siehe auch: Champions League: Schalke erhält die Chance auf das Achtelfinale).

          Schaaf: „Ein ganz außergewöhnlicher Abend“

          Wie soll das gutgehen? Das fragten sich die Werder-Fans vor dem Anpfiff. Zu den ohnehin länger verletzten Almeida, Frings und Womé waren kurzfristig noch Wiese und Borowski hinzugekommen. Spielmacher Diego fehlte wegen einer Sperre. Als Clemens Fritz nach fünf Minuten wegen einer Oberschenkelverletzung vom Platz schlich, wirkten vom harten Kern des Kaders gerade noch sechs Akteure mit, von den jederzeit gesetzten Stammkräften noch drei: die Innenverteidiger Mertesacker und Naldo sowie Stürmer Sanogo.

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          Trainer Thomas Schaaf, ansonsten spröde bis zum Gehtnichtmehr, fand hinterher die bewegendsten Worte: „Das war heute ein ganz außergewöhnlicher Abend wegen der Situation, die wir hatten. Wenn ich mir anschaue, wer heute mitspielte, und wer bei uns auf der Bank saß, dann war dieses Spiel etwas ganz Besonderes. Es ist außergewöhnlich, wie diese Mannschaft einfach ihren Weg weitergeht, egal wie schwierig eine Ausgangslage ist.“ Bei Werder warteten neben Carlos Alberto vier regionalligaerprobte Spieler auf ihren Einsatz. Bei Real drängelten sich der italienische Weltmeister Cannavaro, das niederländische Idol Robben sowie der argentinische Stürmerstar Saviola auf der Bank.

          „Heute war jeder für den anderen da“

          Wie kann das gehen, dass die Baumanns, Pasanens, Tosics, Hunts, Rosenbergs, Vanders und Vranjes‘, von denen Bayern München niemanden im Kader haben möchte, gegen die Raúls, van Nistelrooys, Gutis, Robinhos, Casillas‘ und Sergio Ramos‘ nicht nur bestehen, sondern diese auch noch bezwingen? Es spielte sich nichts Übernatürliches oder Unerklärliches ab, nur etwas Unwahrscheinliches. Die überlegene Mannschaft ließ sich, geblendet von der eigenen individuellen Klasse und leicht benebelt von der komfortablen Tabellensituation, zu einem unkonzentrierten Auftritt hinreißen. Den meisten ihrer Aktionen fehlte es an Pfeffer. Und der unterlegene Außenseiter nutzte diesen Mangel an Würze, um das Spiel nach seinem Geschmack zu gestalten.

          Die Bremer trieben Real von Zweikampf zu Zweikampf, wobei sie es durch ihre aufopferungsvolle Laufarbeit fast immer schafften, in Ballnähe in Überzahl zu sein. Hatte ein Madrilene einen Werderaner mal ausgedribbelt, stand schon der nächste bereit. Alle Bremer Helden, ob Mertesacker, Torwart Vander, Jensen oder Hunt, betonten dies: „Heute war jeder für den anderen da, jeder half jedem.“ Nicht, dass jede Aktion gelungen wäre. Rosenberg, Tosic, Vranjes, Pasanen, Baumann und auch Sanogo unterliefen so viele Abspielfehler, dass die Erinnerung an ihre Defizite frisch blieb. Aber individuelle Missgeschicke führten nicht zu größerem Schaden, weil das Kollektiv jederzeit funktionierte.

          Ausgelassene Europapokal-Stimmung im Weserstadion

          Die größte Leistung der zweiten Werder-Mannschaft aber bestand darin, den Mut zu einer permanenten Vorwärts-Verteidigung aufzubringen. Bis auf eine kurze Phase in der ersten und auch in der zweiten Halbzeit beschäftigten die Bremer ihre Gegner schon im Mittelfeld oder deren Spielhälfte. So hielt sich der Druck auf das Tor von Vander in Grenzen. Ein bisschen Glück half auch mit, so dass Werder nun das Champions-League-Achtelfinale aus eigener Kraft erreichen kann - mit einem Sieg bei Olympiakos Piräus.

          Die Fans im Weserstadion mochten lange nicht an den Triumph ihrer Mannschaft glauben. Erst nach dem 3:1 von Hunt stellte sich ausgelassene Europapokal-Stimmung ein, die nach dem Abpfiff in eine ausgiebige Heldenverehrung mündete. Zuvor hatte das Publikum eher bang auf die Rückkehr des Real-Imperiums gewartet. Nun konnten sie sagen: Wir waren dabei, als die Bremer Reserve Real bezwang. Die Spieler reagierten unerwartet kühl auf ihren Coup. Historische Dimensionen kamen ihnen nicht in den Sinn. Sie gaben dem 3:2, bei dem Robinho (14.) und van Nistelrooy (71.) für Real trafen, lieber den Anstrich des Normalen.

          „Ganz normale Atmosphäre in der Kabine“

          Daniel Jensen, der Diegos Rolle als Spielgestalter fast perfekt ausfüllte, kam kaum auf seine überragende Leistung zu sprechen, sondern betonte lieber: „Diego ist ein hervorragender Fußballer, aber das heißt nicht, dass wir ohne ihn nicht gut Fußball spielen können.“ Ersatztorwart Vander, der noch gegen Piräus zweimal gepatzt hatte, verdeutlichte die psychologische Lage der Helden zweiter Klasse: „Jeder Einzelne hat den Anspruch, in der ersten Elf zu sein. Und wenn er es ist, will er beweisen, dass er zu Recht dazugehört. Das haben wir heute getan, deshalb konnten wir so viele Ausfälle kompensieren.“

          Jensen wurde gefragt, wie oft der Ausfall der Stars so überzeugend ausgeglichen werden könne wie gegen Real. Seine Antwort: „Die ganze Saison.“ Hätten er oder einer seiner Kollegen aus der zweiten Reihe zu sehr das Sensationelle herausgestrichen, sie hätten ihr Selbstwertgefühl verletzt. Vander sagte: „In der Kabine herrschte auch keine Jetzt-erst-recht-Stimmung wegen der vielen Verletzten, sondern eine ganz normale Atmosphäre.“ Also war das 3:2 über Real kein Fußball-Wunder, sondern nur in der Anmutung des Betrachters. Oder? Sportchef Klaus Allofs sah es so: „Der Sieg gegen Real war kein Wunder, die ganze Hinrunde ist ein Wunder.“

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