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Champions League : Ballack, Chelsea und die Zitterpartie des Jahres

Ballack in bester Dieter-Hoeneß-Manier: die Reihen dicht halten Bild: REUTERS

Chelseas Spielräume werden enger. Abramowitsch muss sparen. Und Trainer Scolari spürt den Dauerdruck. Nun droht sogar das Aus in der Champions League. Das Milliardärsteam aus der Metropole muss gegen eine Legionärstruppe aus Transsylvanien gewinnen.

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          Chelsea gegen Cluj, das Milliardärsteam aus der Fußball-Weltmetropole gegen die Legionärstruppe aus Transsylvanien – eigentlich kein ernsthafter Vergleich. Und doch ein Spiel, das zur größten Angstpartie des Jahres werden kann beim Londoner Star-Ensemble. Noch nie seit Roman Abramowitsch den Klub 2003 kaufte und mit Hunderten von Millionen Pfund fütterte, gab es ein einzelnes Spiel, in dem Chelsea so abstürzen konnte, wie das an diesem Dienstag möglich ist.

          Christian Eichler
          Sportkorrespondent in München.

          Nur ein Sieg gegen die Rumänen garantiert das Erreichen der K.-o.-Runde der Champions League, bei Remis oder Niederlage wäre man vom Ergebnis zwischen AS Rom und Girondins Bordeaux abhängig. „Chelsea sollte auf der Hut sein“, sagt Mittelfeldspieler Sebastien Dubarbier, „wir sind nicht nur zum Shoppen nach London gekommen.“

          Die Spielräume sind enger geworden

          Das Problem für das Team von Luis Felipe Scolari lautet: Es ist ein Heimspiel. Elf Auswärtsspiele nacheinander hat Chelsea in der Premier League gewonnen, zuletzt am Samstag in Bolton. Dort gab Michael Ballack mit noch unversehrtem Kopf die Vorlage für Decos Scherenschlag zum 2:0-Endstand, hielt dann nach einer Kollision die Reihen mit Dieter-Hoeneß-Gedächtnisturban dicht und erklärte nach dem Schlusspfiff, nur noch mit Pflaster über der verkrusteten Stirnbeule, in sächsisch gefärbtem Angelsächsisch, warum es auswärts so gut laufe: „Wir bekommen mehr Platz.“

          Trainer Scolari hat scheinbar auch Angst - zumindest ein kleines bisschen
          Trainer Scolari hat scheinbar auch Angst - zumindest ein kleines bisschen : Bild: AP

          Insgesamt aber sind die Spielräume enger geworden. Abramowitsch hat daheim in Russland durch Finanzkrise und Rohstoff-Crash Milliarden verloren. Meldungen wie die, dass die russische Regierung seinen Stahlkonzern Evraz vor der Zahlungsunfähigkeit bewahrt hat, finden sich nun auch in den Sportteilen englischer Zeitungen. Denn dort fragt man sich: Was, wenn der Russe sein Spielzeug abstößt? Was wird dann mit den Schulden, die Chelsea bei ihm hat? Insgesamt ist es über eine halbe Milliarde Pfund – die Summe der Zuschüsse, mit denen Abramowitsch alle Jahre wieder die Verluste des Klubs gedeckt hat.

          „Die Probleme begannen klein und wurden größer und größer“

          Nächste Saison soll endlich erreicht werden, was Manager Peter Kenyon seit Jahren ankündigte und immer wieder hinausschob: ein ausgeglichener Etat. Investitionen wurden gestoppt, Kosten gesenkt und 15 Scouts entlassen. Vor allem bei Transfers wird neue Zurückhaltung gepredigt. Damit aber will sich Scolari nicht abfinden, denn seit er im Sommer kam, ist mehr als die Hälfte des Kaders zeitweilig oder andauernd ausgefallen. „Ich bin überrascht von den vielen Verletzungen“, sagte der Brasilianer und beklagte indirekt die Leistungen der medizinischen Abteilung, die schon im Vorjahr bei Ballacks Knöchel geschlampt hatte. „Die Probleme begannen klein und wurden größer und größer.“

          Doch auf seinen Wunsch, die Lücken durch Einkäufe im Januar zu stopfen, kommt von oben ein klares Njet. Abramowitsch ließ wissen, dass jeder Kauf durch Verkäufe gegenfinanziert werden müsse. Scolari aber fordert unbeirrt: „Ich brauche einen Stürmer.“ Er denkt etwa an seinen Landsmann Vagner Love von ZSKA Moskau. „Wenn die Klubführung dafür Spieler verkaufen will, dann sollen sie. Ich bin nicht der Boss, ich bin nur ein Angestellter.“ Das zeigt ihm der Klub auch. Seine Kaufforderungen, die er in einem Fan-Forum äußerte, wurden vom FC Chelsea in der Veröffentlichung der Mitschrift herausredigiert. Deutlich zeigt der Weltmeistertrainer von 2002, der nach acht Jahren als Nationaltrainer von Brasilien und Portugal im Sommer in den Ligabetrieb zurückkehrte, erste Spuren des Dauerdrucks in der intensivsten Liga der Welt. Scolari sei manchmal „extrem müde“, enthüllte sein Assistent Ray Wilkins.

          Erwägt Abramowitsch, die Stamford Bridge zu verkaufen?

          Auch Chelsea zeigt ungewohnte Energieschwankungen. Anfang November bezeichnete Roma-Coach Luciano Spalletti die Engländer als „das beste Fußballteam der Welt“. Seitdem hat Chelsea in Rom verloren und muss um das Weiterkommen in der Champions League kämpfen, ist im Ligapokal gegen den Zweitligaklub Burnley ausgeschieden und hat in der Premier League beim 1:2 gegen Arsenal die Tabellenführung an Liverpool verloren. Gerade in den Top-Spielen zeigt der aktuelle Jahrgang nicht die neunzigminütige, maschinenartige Wucht, mit der Chelsea jahrelang Gegner zermürbt und Resultate erzwungen hatte. Liverpool und Arsenal gerieten, nachdem sie an der Stamford Bridge in Führung gegangen waren, nie mehr ernsthaft in Gefahr – etwas Neues.

          Nur auswärts in der Liga scheint Chelsea wie imprägniert gegen Misserfolg, dort holt es seine Punkte. Erwägt Abramowitsch nun etwa, die Stamford Bridge zu verkaufen und nur noch auswärts zu spielen? So weit ist die Sparsamkeit zwar noch nicht gediehen. Doch was ist heute schon noch sicher? Schon meldet der „Observer“, Chelsea erwäge, „die Spieler für ihr Essen selber bezahlen zu lassen“. Harte Zeiten.

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