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Champions League : Arsenal 2006: Ein Jahrgang für Champagner-Fußball

Die Null steht: Lehmann freut's Bild: REUTERS

Für Jens Lehmann war es ein perfekter Abend. Der deutsche Nationaltorwart feierte nicht nur den 2:0-Sieg des FC Arsenal über Juventus Turin, er konnte sich auch noch über einen neuen Ein-Jahres-Vertrag und einen Champions-League-Rekord freuen.

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          Es kommt nicht so oft vor, daß den ruhigsten Abend unter allen Menschen im Stadion der Torwart hat. Jens Lehmann verlebte einen solchen Abend am Dienstag in London. Man konnte fast glauben, er sei einer von den 1,5 Millionen Beschäftigten des öffentlichen Dienstes, die mit ihrem Streik am Dienstag Großbritannien, wie das Boulevardblatt „Sun“ schrieb, „in den größten Chaos-Tag seit dem Generalstreik von 1926“ stießen. Unter den Augen des Gewerkschaftsbosses Dave Prentis, der sich nach getaner Streikarbeit einen schönen Feierabend im Highbury-Stadion gönnte, mußte Lehmann nur Bereitschaftsdienst schieben, unterbrochen von ein paar Flanken und Rückpässen.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Seine jungen Vorderleute vom FC Arsenal, zehn Spieler mit einem Altersschnitt von 24 Jahren, führten eines der erfahrensten Teams der Welt, Juventus Turin, beim 2:0 geradezu vor. So stellte ihr deutscher Torwart mit dem siebten Spiel ohne Gegentor hintereinander den Champions-League-Rekord des Brasilianers Dida (AC Mailand) aus der vergangenen Saison fast mühelos ein. Der 36jährige Deutsche zieht den Altersschnitt der Elf auf über 25 nach oben. Er soll das weiter tun. Wie Trainer Arsene Wenger bestätigte, wird Lehmanns Vertrag um ein Jahr verlängert.

          Bühne einer Renaissance

          Bei Arsenal lief es nicht in der englischen Liga nach Verkauf des Mittelfeld-Chefs Patrick Vieira an Juventus. Nun wurde die Champions League, in der das mehr auf Technik und Tempo als auf Physis angelegte Arsenal-Spiel besser zur Geltung kommt, zur Bühne einer Renaissance. „Ein neues Team wurde geboren“, sagte Wenger, „und langsam wächst es.“ Das Spiel gegen Turin bewies, daß bei Arsenal auch ein neuer Weltstar wächst: der 18jährige Cesc Fabregas. Der kleine Katalane gewann im Zentrum des Mittelfelds, im „Maschinenraum“, wie man das in England nennt und wo sonst nur gestandene Profis und nicht Teenager die Verantwortung tragen, das Duell mit Vieira, dessen Lehrling er zwei Jahre lang bei Arsenal war, um Längen.

          Die Null steht: Lehmann freut's Bilderstrecke

          In der 40. Minute narrte er nach Zuspiel von Thierry Henry Verteidiger Thuram und Torwart Buffon mit einer Körpertäuschung zum 1:0. In der 69. Minute legte er Henry den Ball zum 2:0 vor. „Ich werde immer besser, mit jedem Spiel, mit jedem Training fühle ich mich stärker“, sagt Fabregas. Mit sanftem Blick, hübschem Gesicht und spitzen Koteletten sieht er eher aus wie ein Boygroup-Sänger als ein Mittelfeld-Beißer. Doch das täuscht. Neben dem Argentinier Messi ist Fabregas wohl der beste Fußball-Teenager der Welt.

          Taktische Meisterleistung

          Wenger hatte seinen Gegenspieler Fabio Capello mit dem taktischen Meisterstück eines Fünfer-Mittelfelds ausmanövriert. Vorn band Henry gleich drei Verteidiger, in Überzahl beherrschte Arsenal das Mittelfeld, und Juves Stürmer Trezeguet und Ibrahimovic bekamen kein Futter. Auf solch beinahe italienische Art kaltgestellt, verloren die Italiener nach der Phantasie auch noch die Nerven. Camoranesi leistete sich kurz vor Schluß ein Frust-Foul und verließ, den englischen Zuschauern applaudierend und Küßchen zuwerfend, den Platz. Zwei Minuten später trat Zebina zu und erhielt ebenfalls Gelb-Rot. Die Disziplinlosigkeiten erzürnten Capello: „Darüber wird noch zu reden sein.“

          Beide Rotsünder werden im Rückspiel am Mittwoch ebenso fehlen wie Vieira, der die dritte Gelbe Karte im Wettbewerb erhielt. Dafür kehrt der diesmal gesperrte Pavel Nedved zurück. Für ein Juve-Team, das sich am Ende aufgab, ja auflöste, ist die Aussicht auf die allerdings immer seltener aufflackernde Spielkunst des tschechischen Veteranen der einzige Lichtblick. „Wir müssen das perfekte Match spielen“, forderte Torwart Buffon. „Aber wenn Arsenal so spielt wie heute, wird auch das nicht genug sein.“ Vor allem in der zweiten Halbzeit gelang Arsenal das zauberhaft flüssige Paßspiel, das in zehn Jahren unter Wenger zum Markenzeichen geworden ist und in den besten Momenten ein Champagner-Gefühl prickelnder Leichtigkeit erzeugt. Wenger bedauerte nur, daß man im Rausch keine der vielen Chancen zum dritten Tor nutzte.

          Doch angesichts des Vorsprungs und der Aussicht, daß man es im Halbfinale mit Inter Mailand oder Villarreal zu tun bekäme, zog der „Guardian“ schon eine Parallele zum Liverpooler Siegeszug der letzten Saison: „Es ist nicht schwierig, sich einen Triumph von Wengers Team im Finale in Paris auszumalen.“ Wenger warnt vor verfrühtem Optimismus. „Fußball ist fragil. Wir müssen mit den Beinen auf dem Boden bleiben und unser Spiel einfach halten.“ Gut, daß Jens Lehmann das einfachste Spiel im Fußball kennt. Er gewann so 1997 den Uefa-Pokal mit Schalke: Die Null muß stehen. Steht sie weiter, wird er mit Arsenal noch mehr gewinnen.

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