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César Luis Menotti : Für die Phantasie, gegen das hässliche 1:0

Der kettenrauchende Fußball-Philosoph: Luis Cesar Menotti wird 70 Bild: dpa

„Eine Mannschaft ohne Abenteurer ist wie ein Land ohne Poesie“ sagte der Mann, der 1978 Argentinien zum ersten Weltmeistertitel führte. An diesem Mittwoch wird César Luis Menotti, der ewig jugendliche Kämpfer für das Gute im Fußball, siebzig Jahre alt.

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          Wenn ein Fußballtrainer heute von seiner „Philosophie“ spricht, dann meint er etwa, ob er mit einem, zwei oder drei Stürmern spielt. Und nicht immer ist sicher, ob er Sokrates für einen brasilianischen Kicker oder einen griechischen Denker hält. Früher, zu den Zeiten von César Luis Menotti, musste man sich schon etwas mehr denken, um als „Fußball-Philosoph“ zu gelten – eine Planstelle im Weltfußball, die der kettenrauchende, langhaarige Bohemien aus Buenos Aires mit vielen funkelnden Formulierungen über zwei Jahrzehnte lang besetzte. „Eine Mannschaft ohne Abenteurer ist wie ein Land ohne Poesie“, fand Menotti zum Beispiel. „Trotzdem braucht sie Spieler, wie Berti Vogts einer war. Sie sind die Vertreter, die die Ordnung aufrechterhalten.“

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Berühmt wurde er als der Mann, der 1978 Argentinien im eigenen Land zum ersten Weltmeistertitel führte; der dem Militärdiktator Videla den Handschlag verweigerte und sagte: „Meine Spieler haben die Diktatur der Taktik und den Terror der Systeme besiegt.“ Aber Menotti arrangierte sich auch mit den Mächtigen, feierte Videla mit devoten Worten, ließ sich von ihm umarmen. Und profitierte von der Macht der Junta, die, wie Indizien nahelegen, die Peruaner in der Zwischenrunde dazu brachte, jeden Widerstand einzustellen, 0:6 zu verlieren und damit Argentinien durch die bessere Tordifferenz gegenüber Brasilien ins Finale zu bringen.

          So wurde der Finalsieg gegen die Niederländer an einem grauen Wintertag im Juni 1978, keine zwei Kilometer entfernt von der „Marineschule“, in der die Junta Tausende foltern und ermorden ließ, der vielleicht schmutzigste WM-Sieg der Geschichte. „Es ist klar, dass ich benutzt wurde“, sagte Menotti, der von Mord und Folter nicht gewusst haben will, fast dreißig Jahre später. „Dass die Macht den Sport ausnutzt, das ist so alt wie die Menschheit.“

          Er gewann den WM-Titel 1978 - und seitdem so gut wie nichts mehr

          So eifrig er heute die „Bastarde der modernen Kultur“ beschimpft, die „Fußball als reine Ware betrachten“ und „den Menschen die Träume und Visionen nehmen“, womit er also eine neue Diktatur bekämpft, die der Ökonomie – so ökonomisch könnte man die komplette Karriere von „El Flaco“, dem Dürren, nennen.

          Ein Meistertitel mit dem Provinzteam Huracán reichte dem 35 Jahre alten Arztsohn, um 1974 den Nationaltrainerposten zu bekommen. Er gewann den WM-Titel 1978 – und seitdem so gut wie nichts mehr. Er hat mehr als ein Dutzend Klubs trainiert, darunter den FC Barcelona und alle Top-Teams Argentiniens, einen weiteren Meistertitel aber errang Menotti nicht. Noch bis Anfang 2008 war er in Mexiko tätig.

          „Theorie des linken und rechten Fußballs“

          Auch ohne frische Erfolge blieb Menotti immer im Gespräch, immer im Geschäft. Dafür sorgt sein Ruf als der große Gesellschaftstheoretiker und politische Philosoph des Fußballs. Er tritt ein für ein freies, phantasievolles Spiel und gegen den ergebnisorientierten Fußball der „Söldner des Punktgewinns“. In seiner berühmten „Theorie des linken und rechten Fußballs“, die das Spiel etwas holzschnittartig in den Kontext von Gesellschaft und Politik einordnet, ist der „rechte Fußball“ ein Existenzkampf am Ball, der „linke“ ein Fest der Phantasie.

          Nicht weniges, was dieser geistreiche Ball-Romantiker von sich gab, klingt utopisch: Etwa, wenn er mahnt, dass man „die Herzen nicht mit einem phantasielos errungenen Sieg“ erreiche – eine Einschätzung, die Millionen Fans nach hässlichen 1:0-Siegen ihrer Teams widerlegen. Menotti weiß aber sehr gut, wovon er redet, wenn er die Aufgabe seines heutigen Nachfolgers Diego Maradona beurteilt. Argentiniens Fußball sieht er im Griff skrupelloser Funktionäre. „Es ist eine Schande“, sagt er. Und rät Maradona: „Er muss über Leichen gehen.“ An diesem Mittwoch wird César Luis Menotti, der ewig jugendliche Kämpfer für das Gute im Fußball, siebzig Jahre alt.

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