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Chancen auf Weltfußballerin : Célia Šašić ist endlich völlig frei

„Trainerin kann ich mir im Moment nicht vorstellen“: Celia Sasic. Bild: Helmut Fricke

Im Alter von erst 27 Jahren beendete Célia Šašić ihre Fußball-Karriere. Ein halbes Jahr danach genießt sie ihr neues Leben – und rückt nun doch nochmal in den Mittelpunkt.

          An diesem Montag betritt Célia Šašić in Zürich noch einmal die ganz große Bühne. Als eine von drei Kandidatinnen steht sie in Zürich zur Wahl als Weltfußballerin des Jahres. Es ist die größte individuelle Auszeichnung, die der Fußball zu vergeben hat. Es wäre die Krönung von Célia Šašić Karriere, die im vergangenen Jahr außergewöhnlich früh, vollkommen freiwillig und damit auf eine im Fußball ganz untypische Weise zu Ende gegangen ist.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Schon mit 27 Jahren hat Célia Śasić ihren Sport aufgegeben, und weil sie zum Abschluss im Sommer mit Deutschland bei der Weltmeisterschaft nicht den Titel gewann, hieß es immer wieder, sie kehre als Unvollendete dem Fußball den Rücken. Unvollendet jedoch ist ihre Karriere nur für diejenigen im Fußballgeschäft, für die sich die Größe eines Sportlers allein nach Ergebnissen auf dem Platz bemisst. In Wahrheit hat Célia Šašić mit ihrem Rücktritt begonnen, sich zu vollenden.

          „Ich hatte große Sehnsucht danach, frei zu sein“, hatte sie nach ihrem Abschied gesagt. Und nun, ein gutes halbes Jahr später, stellt sie zufrieden fest: „Es war auf alle Fälle die richtige Entscheidung. Die Entscheidung war auch viel zu gut überlegt. Das Leben vorher ging nur nach Trainingsplan. Ich kann jetzt die Dinge nachholen, die ich all die Jahre nicht machen konnte. Das fühlt sich schön an.“

          Es sind die kleinen und großen Dinge, die plötzlich in einem Leben Platz haben, dass sich immer nur im Rhythmus von Spiel- und Trainingsplänen bewegte. Freunde treffen. Einfach so, ohne dass sich die Freunde nach ihr richten müssen. Irgendwo hinfahren, ohne auf Winter- oder Sommerpause warten zu müssen. Oder endlich mit der Bachelor-Arbeit beginnen. Nur eine Seminararbeit liegt noch dazwischen. Das Thema hat die angehende Kulturwissenschaftlerin noch nicht festgelegt, aber es wird wohl um antike Philosophie gehen.

          Mit 27 Jahren hörte sie mit dem Fußball beim FFC Frankfurt auf.

          Célia Šašić hat schon länger eine Schwäche für griechischen Denker. „Ich habe das Studium die ganzen Jahre immer parallel zum Fußball gemacht, das war für mich ganz normal“, sagt sie. Die Arbeit dafür musste sie immer „irgendwo reinquetschen“ zwischen all die Verpflichtungen, und nun genießt sie es, die Dinge endlich mit mehr Ruhe angehen zu können. Über den Master denkt sie nach, aber festgelegt hat sich Célia Šašić, deren Leben stets verplant war, noch nicht. Warum auch? „Alles Schritt für Schritt“, sagt sie. Eine Ausbildung als Kauffrau für Marketing-Kommunikation hat sie schon gemacht.

          Und eine Familie will sie gründen. Auch das war ein Grund für ihren frühen Rücktritt, der viele erstaunt, auch verwundert hat. Der Manager ihres Klubs nannte ihren Entschluss „eine außergewöhnliche Entscheidung einer außergewöhnlichen Frau“. Sigi Dietrich bewundert sie für den Mut, in einem Moment die Karriere zu beenden, in dem man im Mittelpunkt steht und auch im Frauenfußball gut verdienen kann.

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          Das letzte Jahr war das wohl erfolgreichste in ihrer Laufbahn: Mit dem 1. FFC Frankfurt gewann sie die Champions League, sie wurde wie in der Saison zuvor wieder Torschützenkönigin in der Bundesliga, und sie war auch die treffsicherste Spielerin bei der WM in Kanada. Sie erhielt die Ehrung als Fußballerin des Jahres in Deutschland und auch in Europa. Und jetzt, nachträglich, vielleicht sogar der Welt. Nur die Amerikanerin Carli Lloyd und die Japanerin Aya Miyama stehen noch zur Fifa-Wahl für den goldenen Ball. Dass so eine Auszeichnung nach der Karriere etwas ganz Besonderes ist, vielleicht sogar Einmaliges, das ist ihr sehr bewusst. Mit nervöser Erwartung aber reist sie nicht zur Fifa-Gala. Sie will den Abend genießen, mit all denjenigen, die sie begleiten.

          Célia Šašić ist vor der Hochzeit im Sommer 2013 mit dem kroatischen Amateurfußballer Marko Šašić, dem Sohn des Trainers Milan Śasić, unter ihrem Mädchennamen Célia Okoyino da Mbabi im Frauenfußball bekannt geworden. Zweimal hat sie die Europameisterschaft gewonnen, nach 111 Länderspielen und 63 Tore hörte sie auf. Aber sie wusste, dass all diese Titel, Auszeichnungen und Wegmarken vielen dennoch als nicht genug erschienen. Es hätten immer noch mehr Siege sein sollen, noch mehr Tore, noch mehr Ruhm.

          Bei der WM 2015 in Kanada war Sasic beste Torschützin.

          Vor allem, als sie es war, die im WM-Halbfinale gegen den späteren Weltmeister aus den Vereinigten Staaten beim Stand von 0:0 einen Elfmeter verschoss, stand zum Abschluss ihrer Karriere im Mittelpunkt, wozu es nicht reichte. „Ich hatte nie die Einstellung: Was hätte sein können, wenn...“, sagt sie. „Sieg und Niederlage gehören zum Sport. Und ich habe den Sport gemacht, weil ich ihn liebe. Er gehört zu mir, er ist meine Leidenschaft.“ Den Gedanken, dass sie diesen oder jenen Titel gewinnen müsse, um ein glücklicher Mensch zu sein, habe sie sich nie zu eigen gemacht.

          Die Erwartungen von außen waren immer groß, selbst als sie heiratete, rieten ihr Freunde und Bekannte ab, den Namen ihres Mannes anzunehmen. Nicht gut fürs Geschäft. „Okoyino da Mbabi“ sei doch eine Marke, ein Alleinstellungsmerkmal, da lasse sich doch was rausholen, fürs Image und fürs Konto. „Blablabla“, sagte sie dazu, dass sie eine Marke werden sollte, um damit Geld zu verdienen.

          Beim Aus im Halbfinale verschoss sie allerdings einen Elfmeter.

          In ihrer ersten Profisaison, als sie gerade 16 Jahre alt war, habe sie sogar noch draufgezahlt. Fünfzig Euro habe sie damals pro Spiel in Bad Neuenahr bekommen, aber das reichte nicht einmal für die Fahrtkosten. Sie verließ den Klub trotzdem erst 2013, als er Insolvenz anmeldete, dann ging sie nach Frankfurt, zum Krösus der Liga. „Beruflich im Fußball zu bleiben ist für mich nicht abwegig“, sagt Célia Šašić, die Tochter eines Kameruners und einer Französin, die mit 18 Jahren zusammen mit ihren Eltern die deutsche Staatsbürgerschaft erhielt. Was würde sie reizen im Fußball? „Trainerin kann ich mir im Moment nicht vorstellen“, sagt Célia Šašić. „Aber ich weiß schon, was der Frauenfußball braucht.“

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