https://www.faz.net/-gtl-8mo92

Frauenfußball-Nationalelf : Mehr Spielfreude dank Steffi Jones

Zufrieden mit den Ansätzen: Bundestrainerin Steffi Jones Bild: dpa

Der Olympiasieg hat im deutschen Frauenfußball so manche Defizite überdeckt: Die neue Bundestrainerin packt diese nun an. Unter Steffi Jones soll es mit dem DFB-Team vor allem in eine Richtung gehen.

          Steffi Jones strahlt eigentlich immer. Die 43 Jahre alte Bundestrainerin besitzt ein einnehmendes positives Wesen. Also lächelte die neue Bundestrainerin des deutschen Frauenfußball-Nationalteams auch nach dem 4:2-Sieg gegen Österreich in Regensburg. Ihr Team hatte eine Spielfreude gezeigt, die in dieser Art lange nicht zu sehen gewesen ist - trotz der Erfolge in der Ära ihrer Vorgängerin Silvia Neid. Aber der Olympiasieg in Rio war in erster Linie der kollektiven Disziplin zu verdanken. Spielerisch waren die Vorstellungen eher dürftig. Am Samstag stellte Steffi Jones nach ihrem Heimdebüt als Bundestrainerin nun zufrieden fest: „Die Mannschaft hat umgesetzt, was wir uns vorgenommen haben. Wir haben gut kombiniert und Lösungen im Angriffsdrittel gefunden.“  Am Dienstag (16.10 Uhr / live im ZDF) soll sich der Trend zum schönen Spiel in Aalen in der Begegnung mit den Niederlanden, einem weiteren EM-Teilnehmer, fortsetzen.

          Die 111-malige Nationalspielerin hatte zu ihrem Dienstantritt einen Paradigmenwechsel angekündigt und hält nun Wort. Das starre 4-2-3-1-System ist Vergangenheit. Steffi Jones experimentiert mit offensiveren Systemen. Passenderweise kürte sie nach den Spielführerinnen Nadine Angerer und Saskia Bartusiak nun Dzsenifer Marozsan zu deren Nachfolgerin. Jones nahm die erst 24 Jahre alte und spielerisch hochbegabte Marozsan in die Verantwortung, um ihren Willen zum Offensivfußball zu untermauern. Es war dann schön anzuschauen, wie das Team um Marozsan aufspielte. Gerade die jungen, kreativen Akteurinnen wirken wie von einer Last der Ära Neid befreit.

          Kluge Wahl des Trainerteams

          Die Ideen zu diesen Änderungen mit mehr Offensivkräften reklamiert Jones dabei nicht für sich allein: Sie präsentiert sich bislang glaubwürdig als eine Teamplayerin aus Überzeugung und Klugheit. Bei ihrer voreilig scheinenden Berufung zur Neid-Nachfolgerin vor anderthalb Jahren war laute Kritik im gesamten Frauenfußball vernehmbar. Wieso wählte der Deutsche Fußball-Bund eine in der Arbeit mit einer Mannschaft völlig unerfahrene Trainerin aus? Den Mangel an Erfahrung aber wog Jones mit der Auswahl ihrer Assistenten auf: Markus Högner war zuvor jahrelang bei der SGS Essen erfolgreich als Bundesligatrainer tätig, Verena Hagedorn arbeitete beim Fußballverband Mittelrhein in der Nachwuchsförderung.

          Den beiden Helfern an ihrer Seite überlässt Jones nun ganze Trainingseinheiten, ohne dass sie deshalb um ihre Autorität als Führungsperson fürchtet. Es mag sein, dass die Bundestrainerin sich diese Souveränität mit den Jahren angeeignet hat, in denen sie von 2008 an Präsidentin des Organisationskomitees der Weltmeisterschaft 2011 in Deutschland war und für ihre Außendarstellung mit den - ehedem noch gänzlich unbelasteten - Ehrentiteln als „weiblicher Beckenbauer“ oder „Kaiserin“ betitelt wurde.

          Damals wurde aus der stets sympathischen, aber dennoch eher unsicheren Fußballerin eine Frau, die sich ein selbstbewusstes Auftreten erarbeitete. Nach der WM wurde sie als Direktorin Frauenfußball zwar nicht unbedingt glücklich zwischen Aktenstudium und stundenlangen Meetings. Die zuvor als Everybody’s Darling stets herumgereichte Jones lernte aber, sich notfalls auch mal mit dem Ellenbogen durchzusetzen. So sicherte sie sich auch ihren Traumjob als Bundestrainerin.

          Hoffnung auf Aufschwung

          Bislang aber weckt Jones Hoffnungen auf einen neuen Aufschwung im zuletzt stagnierenden deutschen Frauenfußball. Die Schwächen in der Defensive, die sich immer wieder zeigten und den international bestenfalls zweitklassigen Österreicherinnen nach dem Wiederanpfiff den zwischenzeitlichen Ausgleich ermöglichten, will Jones dabei in Kauf nehmen - um der Spielfreude willen.

          Ob das deutsche Team dann im kommenden Sommer bei der Europameisterschaft in den Niederlanden die richtige Mischung aus Defensive und Offensive findet und auch die Wettbewerbstauglichkeit und die Siegermentalität entwickelt, die im August trotz spielerischer Defizite zum Olympiasieg führten, muss sich erst gegen Top-Gegner weisen. International arbeitet Jones nämlich antizyklisch: Die besten Teams der Welt sind derzeit fast ausnahmslos auf eine Verbesserung ihres Defensivspiels konzentriert, was zu einem wenig attraktiven Turnier in Brasilien beigetragen hat. Zum Ziel des Titelgewinns äußert sich Jones in bemerkenswerter Deutlichkeit. „Jeder weiß, dass wir Europameister werden wollen“, sagte sie in Regensburg: „Es war ein guter Start auf dem Weg dorthin.“

          Neue Kreativität: Eine Spielerin wie Lina Magull (rechts, im Duell mit der Österreicherin Sophie Maierhofer) ist neuerdings gefragt

          Weitere Themen

          Der Russe, die Nets und der Milliardendeal

          Basketball in der NBA : Der Russe, die Nets und der Milliardendeal

          Er trat gegen Putin an. Er kokettiert mit dem Ruf eines Playboy. Doch mit dem Basketballklub Brooklyn Nets hatte Michail Prochorow keinen Erfolg. Das Abenteuer Amerika war dennoch kein Verlustgeschäft. Im Gegenteil.

          Topmeldungen

          Kommt heute nach Berlin: Boris Johnson

          Johnson besucht Berlin : Warten auf ein erstes Blinzeln

          Der britische Premierminister Boris Johnson droht der EU mit einem harten Brexit und lockt mit vagen Zugeständnissen – doch in Brüssel und Berlin wächst nur das Unverständnis.
          Kardinal George Pell verlässt im Februar 2019 ein Gericht im australischen Melbourne.

          Kindesmissbrauch : Kardinal Pell bleibt hinter Gittern

          Der ehemalige Finanzchef des Vatikans hat in den neunziger Jahren zwei Chorknaben in Melbourne missbraucht. Die Vorsitzende Richterin spricht von einem Prozess, der ihr Land gespalten habe
          Alles andere als ein Verlustgeschäft: Michail Prochorow

          Basketball in der NBA : Der Russe, die Nets und der Milliardendeal

          Er trat gegen Putin an. Er kokettiert mit dem Ruf eines Playboy. Doch mit dem Basketballklub Brooklyn Nets hatte Michail Prochorow keinen Erfolg. Das Abenteuer Amerika war dennoch kein Verlustgeschäft. Im Gegenteil.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.