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Fußball-Bundestrainer : Löw hat es sich bequem gemacht

Auf dem Gipfel: 2014 wurde Joachim Löw mit dem DFB-Team Weltmeister in Rio de Janeiro. Bild: AP

Was er nicht kennt, das will er nicht: Bundestrainer Joachim Löw lässt nach einem langen Aufstieg einen Hang zum Bewährten erkennen. Nach zehn Jahren wäre allerdings ein neuer Aufbruch fällig.

          Joachim Löw hat in den vergangenen Tagen mehrere Interviews gegeben. Gewährt, trifft es vermutlich besser. Schon seit einiger Zeit hat der Bundestrainer kein größeres Interesse mehr an dieser Form der Kommunikation, aber manchmal muss es eben sein. Schließlich ist Löw nun seit zehn Jahren Bundestrainer, ein Jubiläum, das ihm im deutschen Fußball wohl niemand zugetraut hat, als er nach der WM 2006 den Job von Jürgen Klinsmann übertragen bekam, dem Fußball-Revolutionär jener Tage.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          In einem dieser Gespräche erzählte Löw nun von seinem interessantesten und erkenntnisreichsten Erlebnis überhaupt in seinem Leben, der Besteigung des Kilimandscharo im Jahr 2003. Gestartet bei 40 Grad Hitze und hinauf bis ins ewige Eis. Diese Grenzerfahrung habe ihm gezeigt, dass es immer weiter gehe, dass man immer noch einen Schritt nach vorne machen könne, selbst wenn man glaube, dass es nicht mehr gehe. Und wenn man das Ziel vor Augen habe, dann drehe man nicht um. Dieser Weg, so die Erzählung Löws, soll die Geschichte seines Lebens beschreiben.

          Tatsächlich ist der Bergsteiger von einst, der den Gipfel und sich selbst bezwingt, als Bundestrainer längst ein Konservativer geworden. Wenn man in all der langen Zeit nach Konstanten in seinem Wirken sucht, dann fällt vor allem Joachim Löws Hang zum Bewährten auf. Seine Berechenbarkeit. Seine ganz und gar antirevolutionäre Haltung. Zuletzt war des Bundestrainers Neigung, die Dinge so zu belassen, wie sie sind, bei der menschlich achtenswerten, sportlich aber fragwürdigen Treue zu langjährigen Nationalspielern wie Bastian Schweinsteiger und Lukas Podolski besonders zu spüren. Neue Wege ganz aktiv zu beschreiten fällt dem Weltmeister-Trainer tatsächlich weit schwerer, als es der Aufstieg einst zum Kilimandscharo glauben machen will.

          Von extremen Entscheidungen und Richtungsänderungen ist Löw in seinem Alltag weit entfernt. Der Gewinn des Weltmeistertitels hat auch dazu seinen Teil beigetragen. Selbst bei Alltäglichkeiten, wie etwa der Kaderzusammenstellung für die beiden WM-Qualifikationsspiele an diesem Samstag gegen die Tschechische Republik sowie drei Tage später gegen Nordirland (jeweils 20.45 Uhr / Live bei RTL und im Länderspiel-Ticker bei FAZ.NET), geht von Löws Entscheidungen kein Überraschungseffekt aus. Von Risikobereitschaft oder gar Wagemut ganz zu schweigen. Business as usual – so verläuft heute unter Löw der Weg zur Weltmeisterschaft in Russland und der angestrebten Titelverteidigung.

          Wie alles begann: Nach der WM 2006 übernahm Löw (Zweiter von rechts) von Jürgen Klinsmann (links daneben).

          Obwohl auch in den jüngsten Gesprächen der Bundestrainer wieder davon schwärmte, wie viele Talente dank der vorzüglichen Nachwuchsarbeit in den Bundesligaklubs und mit der Verzahnung mit dem Deutschen Fußball-Bund in Deutschland heranwachsen: Jeder neue Länderspiel-Kader sieht dann doch immer wieder wie der alte aus. Nach Debütanten aus dem deutschen Talentschuppen sucht man jedoch vergeblich. Und das, obwohl der Bundestrainer unmittelbar nach der Europameisterschaft angekündigt hatte, die Nationalelf auf dem Weg nach Russland nun wirklich auffrischen zu wollen.

          Doch statt frischer Kräfte und neuer Energie bekommt das Publikum in Hamburg und Hannover wieder die guten und alten Bekannten zu sehen. Immerhin konnte der seit Jahren immer wieder von Verletzungen geplagte Ilkay Gündogan (verpasste sowohl WM als auch EM) nach fast einem Jahr Pause zur Nationalelf zurückkehren. Ansonsten sind vor allem die EM-Teilnehmer von gestern gegen die Tschechische Republik und Nordirland erste Wahl – sowie diejenigen, die schon vor dem Turnier in Frankreich auf Löws Liste standen (Max Meyer, Julian Brandt, Julian Weigl, Kevin Volland).

          Aber junge, hungrige Sturmtalente wie Timo Werner oder Davie Selke (beide RB Leipzig) stehen nur im Kader der U 21, ebenso wie der bei der Europameisterschaft arg zu kurz gekommene und erst in der Schlussphase des Halbfinals gegen Frankreich beim Stand von 0:2 eingewechselte Leroy Sané (Manchester City). Auch Serge Gnabry (Bremen) oder Mahmoud Dahoud (Mönchengladbach), die international und in der Liga ebenfalls schon auf sich aufmerksam gemacht haben, sind ebenfalls nur ein Fall für die U 21 von Trainer Stefan Kuntz. Dafür ist bei Löw nun wieder Sebastian Rudy mit dabei, den der Bundestrainer unmittelbar vor dem EM-Turnier noch aus dem Kader genommen hatte.

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