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Nach 0:0 in Italien : Ganz neue Argumente für den Bundestrainer

Am Ende doch eher zufrieden: Bundestrainer Löw beim Spiel in Italien Bild: AFP

Statt mit einem rauschenden Fest lässt das deutsche Nationalteam das Jahr beim torlosen Klassiker in Italien unspektakulär ausklingen. Joachim Löw erlangt dennoch einige Erkenntnisse – und ändert in einem Bereich sogar seine Ansichten.

          Das Umschaltspiel klappte perfekt bei Thomas Müller, zumindest nach dem Spiel. Als der Fernsehreporter den Aushilfskapitän im durchschwitzten Trikot auf dem Rasen des San-Siro-Stadions nach dem italienischen Fußball-Klassiker im Testmodus um eine Aussicht auf den deutschen Klassiker im Vollgasmodus an diesem Samstag zwischen Borussia Dortmund und dem FC Bayern München (18.30 Uhr / live auf Sky und im Bundesligaticker auf FAZ.NET), bat, war Müller ganz schnell wieder auf Touren. „Es wird ein heißer Tanz, auf den man sich als Spieler schon freut“, sagte er nach einer Woche mit der Nationalmannschaft, in der sich die Betriebstemperatur mit zunehmender Spielzeit eher der Jahreszeit auch in Italien anpasste.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Nach einem Spaziergang am Freitag mit jungen deutschen Talenten in San Marino (8:0) folgte am Dienstag in Mailand eine Nullnummer, die in der zweiten Halbzeit mit insgesamt neun Auswechslungen zu einem ziemlich unspektakulären Jahresausklang geriet. Ein rauschendes Fußballfest ist bei Klassikern unter Freundschaftsspiel-Bedingungen aber ohnehin schon länger nicht mehr zu haben. Und so war auch diese Ausgabe des mythischen deutsch-italienischen-Fußballduells kein Vergleich zum viel zu frühen deutschen Jahreshöhepunkt, dem bis zum letzten Schuss epischen und jetzt schon legendären Elfmeterschießen gegen Italien im Viertelfinale der Europameisterschaft.

          Aber ein paar Erkenntnisse kann und wollte auch der Weltmeister mit ins neue Länderspiel-Jahr nehmen, das als Höhepunkt nur den angesichts der Dauerbelastung für Top-Nationalspieler zweifelhaften Confederation Cup in Russland zu bieten hat. Und da soll im kommenden Sommer fortgesetzt werden, womit Bundestrainer Joachim Löw in diesen trüben Tagen schon begonnen hat: neue Kräfte zu fördern und zu integrieren.

          „Kompliment an die Jungs“, sagte Thomas Müller anerkennend, der in Abwesenheit von Manuel Neuer, Jerome Boateng und Sami Kehdira die Nationalelf als Kapitän anführte. „Man hat gesehen, dass wir sehr viel Talent in Deutschland haben. Es macht Spaß mit den Jungs. Ich war stolz, dass ich sie aufs Feld führen durfte. Das war auch etwas Besonderes für mich.“

          Geschafft: Die deutsche Nationalelf hat ein bewegendes Länderspiel-Jahr beendet Bilderstrecke

          Einer der ziemlich überraschend nominierten und in Mailand dann auch konsequent von Beginn an eingesetzten Spielern war Yannik Gerhardt vom VfL Wolfsburg, nachdem in San Marino schon Serge Gnabry und Benjamin Henrichs ihr Debüt geben durften. „Ich konnte es kaum glauben, dass ich spielen darf. Das wird mir für immer in Erinnerung bleiben. Ich bin überglücklich“, sagte der 22 Jahre alte Wolfsburger nach seinem ordentlichen Einsatz in San Siro.

          In der ersten Halbzeit hatten die Deutschen einen überzeugenden, allerdings im Angriff nicht schlagkräftigen Auftritt hingelegt. Der Weltmeister kontrollierte die Italiener im eigenen Stadion mit Ballbesitz. Aber in der zweiten Halbzeit, als auch noch Mats Hummels mit Blick auf die Bundesliga vom Bundestrainer geschont wurde, geriet die deutsche Defensive mitunter in Schwierigkeiten: Einmal rettete der Pfosten und einmal Torwart Bernd Leno das insgesamt verdiente Unentschieden. Der Bundestrainer sprach von einem taktisch anspruchsvollen Spiel, aus dem er „wichtige Erkenntnisse“ habe mitnehmen können. „In der ersten Halbzeit haben wir es gut gemacht. In der zweiten sind wir nicht mehr zum Torabschluss gekommen“, sagte Löw. Es gab nach der Pause nur noch eine bemerkenswerte Szene aus Sicht des Weltmeisters, als Volland nach dem besten Angriff einen Treffer aus Torjägerposition erzielte, sich aber hauchzart im Abseits befand.

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          Der Schiedsrichter hatte das genau erkannt, ebenso wie eine dreiste Schwalbe von Ilkay Gündogan im Strafraum, die mit der Gelben Karten für den Mittelfeldspieler von Manchester City geahndet wurde, und die nicht, wie von ihm erhofft, zu einem ergaunerten Elfmeter führte. Der Videobeweis, der neben den jungen deutschen Spielern an diesem Abend getestet wurde, war für diese beiden richtigen Entscheidungen gar nicht nötig. Aber das gute Gefühl, dass Löw in diesen Momenten hatte, dass der Schiedsrichter in den fraglichen Szenen richtig lag, war auch für den in dieser Modernisierungsfrage eher skeptischen Bundestrainer ein Argument für die Einführung des Videobeweises. Löw hätte aus seiner Position auf Tor und Elfmeter entschieden.

          Zuvor hatte er sich noch zweifelnd gegenüber dieser technischen Neuerung gezeigt. Er fürchtete vor allem, dass der Spielfluss durch den Videobeweis länger unterbrochen werden könnte. Aber an diesem Tag hatte auch der Neuling Videobeweis den Bundestrainer überzeugt – auch wenn der gar nicht zum Einsatz kam. Bei der Weltmeisterschaft in Russland, soviel allerdings scheint sicher, wird neben dem souveränen deutschen Tabellenführer auch der Videobeweis dabei sein. Fifa-Präsident Gianni Infantino gab sich in Mailand gegenüber der ARD jedenfalls schon ganz zuversichtlich: „Wir arbeiten darauf hin, dass wir bei der Weltmeisterschaft, dem wichtigsten Wettbewerb überhaupt, dem Schiedsrichter mit dem Videobeweis ein bisschen helfen können, zumindest große Fehler nicht zu machen. Ich hoffe doch, dass wir das sehen werden.“

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