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Bundesligaskandal 1971 : Aus Unschuldsbeteuerungen wurden Meineide

  • -Aktualisiert am

Da staunte die Festgesellschaft: Canellas (M.) packte aus Bild: picture-alliance / dpa

Da war doch was: In der Bundesliga-Skandalsaison 1970/1971 waren zehn Klubs an den Betrügereien beteiligt, 52 Profis wurden gesperrt.

          1971 war alles noch viel, viel schlimmer. Jedenfalls nach dem heutigen Erkenntnisstand über den Bundesligaskandal II. Beim Bundesligaskandal I sind auch eidesstattliche Erklärungen von Spielern abgegeben worden, die ihre Unschuld bezeugen sollten. Später entpuppten sich einige allerdings als Meineide. In der Endphase der Saison 70/71 war dermaßen flächendeckend gelogen und betrogen worden, daß sich die Frage aufdrängte, ob man denn nun Fußball oder Monopoly spiele?

          Zwischen dem 3. April 1971 und 5. Juni 1971 waren 18 Bundesligaspiele manipuliert worden - oder es war zumindest versucht worden, sie durch Geldzahlungen an Spieler zu beeinflussen. Aktiv oder indirekt beteiligt waren zehn von 18 Bundesligaklubs. Gesperrt wurden neben Vereinsfunktionären 52 in die Affäre verwickelte Profis, darunter auch Nationalspieler wie Lothar Ulsaß (Eintracht Braunschweig), Klaus Fichtel, Rolf Rüssmann, Klaus Fischer und Reinhard Libuda (alle Schalke 04).

          Aufklärer Kindermann

          Die Aufklärung durch den Deutschen Fußball-Bund mit dem damaligen Kontrollausschußvorsitzenden Hans Kindermann währte 18 Monate, die Aufarbeitung vor ordentlichen Gerichten fast sechs Jahre, und sie endete mit einem Freispruch für Günter Siebert, den ehemaligen Präsidenten des FC Schalke 04.

          Drastische Strafen: Tasso Wild (Berlin), Bernd Patzke (Berlin) und Manfred Manglitz (Köln, von links) bei der Urteilsverkündung

          Neben 14 Gelsenkirchener Profis besetzten die Lizenzspieler von Eintracht Braunschweig und Hertha BSC die Schlüsselrollen beim Versuch, durch von dritter Seite bestellte Siege oder Niederlagen die Kasse aufzubessern. Ans Licht gebracht hatte die Affäre Horst-Gregorio Canellas, der Präsident der Offenbacher Kickers.

          Tonband mit Sprengkraft

          Am Tage nach dem Abstieg der Hessen aus der Bundesliga - Meister wurde übrigens Borussia Mönchengladbach - präsentierte der gerade fünfzig Jahre alt gewordene Südfrüchtegroßhändler seinen Geburtstagsgästen einen Tonbandmitschnitt eines Dialoges mit hoher Sprengkraft: die Verhandlungen mit dem Berliner Bernd Patzke wegen einer Prämie für den Sieg über die gleichfalls abstiegsgefährdeten Bielefelder Arminen.

          Zuvor hatte Canellas davon Wind bekommen, daß Spielausgänge „ringsum“ manipuliert worden waren, indem Spielern entsprechende Prämien geboten wurden. Canellas hatte zu Lebzeiten immer wieder betont, den DFB über diese Machenschaften informiert und angeregt zu haben, den letzten Spieltag abzusetzen. Er will sich auch die Unbedenklichkeit seitens des DFB für den Weg nach Berlin eingeholt haben und fühlte sich am Ende als der „Gelackmeierte“.

          In der Stunde der Abstiegsentscheidung saß der Offenbacher Vizepräsident Waldemar Klein mit 140.000 Mark im Diplomatenkoffer auf der Tribüne des Berliner Olympiastadions. Doch die Hertha-Spieler nahmen lieber die 250.000 Mark, die ihnen Arminia Bielefeld für eine Niederlage geboten hatte. Bielefeld gewann wie bestellt 1:0. Das gleiche Resultat hatten die Schalker Wochen zuvor den Arminen im Parkstadion beschert. Im Gegenzug hatte jeder Spieler 2400 Mark erhalten.

          Betrogener Betrüger

          Als die Sache aufflog, reagierten DFB und Öffentlichkeit erst ungläubig, dann geschockt. In der Spielzeit 71/72 kamen 300.000 Zuschauer weniger als in der Skandalsaison, 72/73 sogar 1,3 Millionen weniger. Arminia Bielefeld und Kickers Offenbach wurden mit Lizenzentzug bestraft, Canellas als „betrogener Betrüger“ für Ämter im Fußball gesperrt - und nach fünf Jahren begnadigt.

          Der Mann mit der schnarrenden Stimme geriet nochmals in die Schlagzeilen, als er in Mogadischu an Bord der Lufthansa-Maschine „Landshut“ in die Hände von Terroristen geriet. Jahre später hat Canellas voller Verbitterung über Kindermann und den Bundesligaskandal I gesprochen. Kindermann habe versucht, den Gang des Kronzeugen an die Öffentlichkeit zu stoppen. Ein einzelner hat damals die Skandal-Lawine ins Rollen gebracht. Horst-Gregorio Canellas hat sich als Opfer, nie als Täter gesehen. Er ist auch nie des Meineids bezichtigt worden.

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