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Fußballwunder Darmstadt : „Mentalität schlägt Qualität“

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Besessen vom Erfolg: Die Darmstädter Profis Marco Sailer (links) und Hanno Behrens beim 3:1-Sieg gegen Kaiserslautern Bild: dpa

Durchmarsch in die Bundesliga? Dem SV Darmstadt fehlen vor dem Duell mit Karlsruhe nur noch wenige Punkte zum Aufstieg. Wie Trainer Dirk Schuster mit Moral und Teamgeist ein Spitzenteam geformt hat.

          Zwischen Vormittagstraining vor genau null Kiebitzen und Interview schnürt Dirk Schuster noch schnell die Laufschuhe für eine kurze Runde. An den Schnürsenkeln ist der Chip befestigt, über den bei offiziellen Rennen die Zeit gemessen wird. In diesem Paar Schuhe allein ist der Trainer des SV Darmstadt 98 die Marathons in Karlsruhe, Rom und Frankfurt gelaufen. Im November würde er gerne in New York die 42,195 Kilometer angehen - klappt aber nur, wenn die „Lilien“ an jenem Wochenende an einem Freitagabend spielen.

          Seine Fitness macht den drahtigen 47-Jährigen nicht unbedingt zu einem besseren Fußballlehrer, aber sie sorgt für Anerkennung bei den Profis. Schuster macht nicht nur alle Läufe mit, sondern auch das Kraft- und das Stabilisationstraining, das stets fünf Tage vor einem Spiel stattfindet. Seit Schuster in Darmstadt das sportliche Sagen hat, ist der Erfolg ein ständiger Wegbegleiter des Klubs - und auch die festen, unverrückbaren Abläufe.

          Ob zu Saisonbeginn oder nun im zugespitzten Rennen um die Aufstiegsplätze drei Spieltage vor Schluss, Ruhe und Stabilität sind für Schuster mit das höchste Gut für das Binnenklima einer Profimannschaft. Das gilt auch vor dem vielleicht entscheidenden Aufstiegsduell mit dem Karlsruher SC an diesem Montag (20.15 Uhr / Sport1, Sky und im Bundesliga-Liveticker von FAZ.NET). Trainingszeiten, Fahrpläne, Essenszeiten und so weiter - jeder weiß weit im Voraus, woran er ist. Schuster beschreibt sich selbst als „ehrlich, offen, direkt und gerecht“.

          Auch im Training setzt der „Lilien“-Trainer auf Bewährtes: schnörkelloses, intensives, spielnahes Üben mit vielen Wiederholungen und dem Fokus darauf, die Stärken des Teams zu stärken. „Wir wissen, was wir können und was wir nicht können“, hört man häufig im Darmstädter Kosmos. Schusters Training tue regelmäßig weh, sagen die Spieler. „Fußball ohne Schmerzen gibt es nicht“, sagt Schuster. Hart sein, hart bleiben, kämpfen, beharrlich sein, einstecken, aber auch austeilen können. Die „Lilien“ sind mit ihrer kampfstarken und mitunter nickeligen Spielweise der vermutlich ungeliebteste Gegner der Liga. „Dreckspätzigkeit im Rahmen des Erlaubten“, so Schuster, „ist eine Karte, die man auch mal spielen kann.“ Die Spielweise des SV 98 ist in gewisser Weise ein Spiegel des Karriereweges ihres Trainers.

          Der Vater des Erfolgs: Darmstadts Trainer Dirk Schuster

          1967 in Karl-Marx-Stadt (dem heutigen Chemnitz) geboren, drehte sich in seinem Leben schnell alles um Fußball. Schusters Vater Eberhard, der jetzt als Spielebeobachter für die Darmstädter tätig ist, war selbst ein erfolgreicher Kicker. Schon zur Schulzeit hatte Dirk Schuster Tage mit zwei Einheiten im straffen Takt von 7 bis 19 Uhr. Dass man mit Ehrgeiz und Willen viel ausgleichen kann, diese Lektion hat er schon früh gelernt, verinnerlicht und sie auch zur Leitlinie seines Tuns in Südhessen gemacht. Der Verteidiger war nie der Talentierteste, aber über Einstellung und Arbeitsethos machte er seinen Weg bis in die DDR-Nationalmannschaft (vier Spiele).

          Nach der Wende wurde er Profi in Braunschweig, hatte von 1991 bis 1997 seine beste Zeit beim Karlsruher SC und machte drei Länderspiele für das vereinigte Deutschland. Aus kleinen Verhältnissen bis auf die große Bühne - die Vita des Sachsen steht authentisch für das, was er mit Darmstadt in seinem 29-monatigen Wirken am Böllenfalltor von den Niederungen der dritten Liga bis ans Tor zur Bundesliga vollbracht hat.

          Trainer durch Zufall

          „Mentalität schlägt Qualität“, sagt Schuster. Der 3:2-Heimsieg gegen Kaiserslautern am vergangenen Samstag sei ein Beleg dafür gewesen. Auch vor dem nächsten Duell unter Aufstiegsaspiranten beim Karlsruher SC am Montag wird Schuster seine Profis darauf hinweisen, dass die Kleinen, „das gallische Dorf“, wie er sagt, den vermeintlich Großen und Reichen dort oben nur mit Charakter, Disziplin, Teamgeist und harter Arbeit beikommen können. Der KSC sei zwar seine „alte Liebe“, sagt Schuster, „aber ich bin schon zu lange weg, damit es ein besonderes Spiel sein könnte. Zudem ist die neue Liebe bedeutend frischer.“

          Schuster hat seinen Erstwohnsitz noch immer in Karlsruhe, für die „Lilien“ fährt er rund 70.000 Kilometer im Jahr mit dem Auto. Die Pendelei und der Besuch von so viel Zweitligaspielen wie möglich schlagen mit mehr als 5000 Kilometern im Monat zu Buche. Am Montag wird er nicht die paar Minuten von daheim zum Wildparkstadion fahren, sondern mit dem Team im Bus von Darmstadt aus starten. „Alles so wie immer“, sagt Schuster, dessen Aberglaube besonders ausgeprägt ist. Das geht von Glücksbringern in der Hosentasche bis zur bevorzugten Richtung beim Auslaufen des Teams nach gewonnenen Spielen.

          Stütze in der Abwehr: Romain Bregerie dirigiert die Defensive der Lilien.

          Für Schuster, der immer auch für einen lockeren, witzigen Spruch gut ist, gilt: Die Gruppe ist alles, Einzelinteressen sind nichts. Kernig, kurz, knackig sind seine Ansprachen in der Kabine. Aufgeben, sich hängenlassen ist ihm ein Graus. „Andere Trainer versuchen, künstlich die Spannung hochzuhalten. Er hält die Mannschaft psychologisch in der Bahn im sogenannten Aufstiegskampf, nimmt ihr den Druck“, sagt Offensivspieler Jan Rosenthal.

          Schuster ist quasi zufällig zum Trainerdasein gekommen, als er auf einer seiner letzten Spielerstationen bei Waldhof Mannheim gebeten wurde, die B-Jugend im Abstiegskampf zu unterstützen. Dies gelang, und er hatte „Blut geleckt“. Auf seinem Weg nach oben - die „Lilien“ sind nach den Stuttgarter Kickers seine zweite Station - habe er sich vorgenommen, die besten Eigenschaften seiner Trainer auf sich zu vereinigen. „Die Motivationskunst von Winnie Schäfer, die Lockerheit von Peter Neururer, den Witz von Hans Krankl, das taktische Geschick von Uwe Rapolder und die Härte von Joachim Streich.“

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