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Zweite Bundesliga : Gladbacher Schule des Positivismus

  • -Aktualisiert am

Neuville und Kollegen: Der Vorsprung schmilzt Bild: dpa

Nach dem 0:1 gegen Mainz ist Zweitliga-Spitzenreiter Borussia Mönchengladbach wieder in Reichweite der Konkurrenz. Wie man die Borussen-Welt auch betrachtet: Es muss sich schnell etwas ändern - sonst ist der Aufstieg in Gefahr.

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          Am späten Abend versuchten Spieler und Trainer von Borussia Mönchengladbach einen gedanklichen Spagat. Einerseits sahen sie sich gezwungen, Schwächen einzuräumen, die sich allmählich zu einem Abwärtstrend summieren. Schließlich hat der lange Zeit souveräne Aufstiegsfavorit in der Rückrunde der zweiten Fußball-Bundesliga noch kein Spiel gewonnen, und das 0:1 im Spitzenspiel gegen den FSV Mainz 05 war schon die zweite Niederlage nacheinander.

          Andererseits versuchten die Borussen mit Worten zu erreichen, was ihnen mit Taten auf dem Platz nicht gelungen war. Sie wollten unbedingt dem Eindruck entgegenwirken, dass das Team in einer Krise steckt.

          Trainer Luhukay wirbt für positives Denken

          Jos Luhukay, der Borussentrainer, wirkte hinterher wie jemand, der die Tür sucht, die es nur zu öffnen gilt, um wieder auf den rechten Weg zu gelangen. Er sprach laut und deutlich, ohne zu jammern und zu klagen, den Seitenhieb auf den Schiedsrichter einmal ausgenommen. Knut Kircher hatte der Heimelf im Borussiapark erst einen Elfmeter und später die zwei oder drei Minuten Nachspielzeit verweigert, die aus Gladbacher Sicht angemessen gewesen wären. Im halboffiziellen Teil sagte Luhukay, es sei nun wünschenswert, ja notwendig, den Schwierigkeiten „mit Positivismus“ zu begegnen. Nicht jedem hat sich sofort erschlossen, was der Dozent damit meinte.

          Den Schwierigkeiten „mit Positivismus” begegnen: Jos Luhukay

          Wollte er die Krise, die keine sein und schon gar keine werden soll, etwa philosophisch angehen, als Vertreter der positivistischen Schule? Die vertraut allein dem Tatsächlichen, Zweifellosen und lehnt metaphysische Erklärungen für den Lauf der Dinge ab. Luhukay ist durchaus ein Trainer, der die Analyse beherrscht und sich an die Fakten zu halten versteht.

          Aber die vermeidbare Niederlage gegen Mainz hatte ihm derart zugesetzt, dass er unentwegt das (fehlende) Glück als maßgeblichen Faktor nannte, so als wäre sonst alles in Ordnung. Vermutlich waren dem Fußball-Lehrer nur die Begriffe verrutscht, und er wollte für ein positives Denken werben, das zur Grundlage für die Rückkehr zu einem erfolgreichen Spiel werden soll. Beim nächsten Mal, auswärts gegen Osnabrück, müsse die Mannschaft „das Glück erzwingen“, sagte Luhukay.

          Wenig Kreativität im Borussen-Spiel

          Vielleicht sollten sie diesen Zwang ein wenig intelligenter ausüben als gegen Mainz. Die Gladbacher setzten den defensivstarken Gegner unter Druck, wirkten in ihrem Eifer aber unproduktiv, auch wenn der Trainer behauptete, er könne seinem Personal „von der ersten bis zur neunzigsten Minute keinen Vorwurf machen“. Doch, das konnte er, aber er wollte nicht, weil er es vorzog, das Positive herauszufiltern. Also berief Luhukay sich auf eine Fülle von Chancen und auf die Leistung des Mainzer Torhüters Daniel Ischdonat, der einige Male famos reagierte. Und er berief sich auf die nicht zu bestreitende Tatsache, dass Mönchengladbach nach dem zwanzigsten Spieltag immer noch Tabellenführer der zweiten Liga ist, wenn auch nur noch mit drei Punkten Vorsprung vor dem aktuellen Vierten Köln.

          Ob man die Argumente des Trainers philosophisch oder einfach nur mit gesundem Fußball-Verstand betrachtet: Dem Zuhörer drängte sich der Verdacht auf, die Gladbacher wollten ihre Situation schönreden. Auf dem Rasen waren sie zum wiederholten Mal nicht wie ein Champion aufgetreten, sondern eher wie eine Mannschaft, die gute Vorsätze gefasst hat, sie aber seit längerem nicht (mehr) in die Tat, also in Siege, umzusetzen vermag.

          Beim Rückrundenstart gegen Kaiserslautern mussten die Borussen kurz vor Schluss gegen neun Mann den Ausgleich hinnehmen, nachdem sie von der ersten Minute an geführt hatten. In Hoffenheim verspielten sie einen Vorsprung von zwei Toren und verloren eine gewonnen geglaubte Partie noch, gegen den neuen Tabellenzweiten Mainz schließlich rannten sie an, wirkten aber wenig kreativ und brachten es nicht fertig, das frühe Gegentor von Felix Borja (3. Minute) irgendwie auszugleichen.

          „Positivismus“ à la Luhukay

          Die Frühphase der Rückrunde weckt Erinnerungen an den schwachen Saisonstart mit dem 1:4 in Mainz als Tiefpunkt. Jene erste Niederlage hatte viele Zweifler auf den Plan gerufen, die während der folgenden Serie von fünfzehn Runden ohne Niederlage nach und nach verstummten.

          Mit Blick auf diese Entwicklung betrachten die Gladbacher ihre gegenwärtige Schwächeperiode als etwas ganz Natürliches, als Phase, die jede noch so gute Mannschaft im Laufe eines Jahres durchläuft. „Wir sind Menschen und keine Maschinen“, sagte Mittelfeldspieler Sascha Rösler. „Aber ich bin hundertprozentig davon überzeugt, dass wir aufsteigen.“ Das nennt man wohl „Positivismus“ à la Luhukay.

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