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Wutfans in der Bundesliga : Der Kampf der Kurven gegen RB Leipzig

Gegen RB Leipzig: Anhänger des Karlsruher SC protestieren mit Mundschutz gegen den „Virus Red Bull“ Bild: GES-Sportfoto

„Wahrer Fußball gegen die Ware Fußball“? In der Bundesliga wenden sich die Fans vieler Vereine gegen RB Leipzig und das ideologisch verhasste System des kommerziellen Sports. Ihre Wut wird immer gefährlicher und unberechenbarer.

          Dass es in Karlsruhe knallen würde, musste man schon befürchten, wenn man in den Tagen vor dem Spiel einen Blick auf die Seite „Nein zu Red Bull“ warf. Es handelt sich um die Homepage einer Initiative zahlreicher Fan- und Ultragruppierungen quer durch alle Ligen, die sich zum Ziel gesetzt haben, eine dauerhafte Akzeptanz von RB Leipzig in Deutschland zu verhindern.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Es geht dabei um Grundsätzliches: „Herz gegen herzlose Ideologie.“ „Fanatische Leidenschaft gegen blinden Gehorsam.“ „Wahrer Fußball gegen die Ware Fußball“. So lauten dort die Parolen im deutschen Fußball-Kulturkampf, und für das Spiel gegen das Feindbild aus Leipzig wurde vergangene Woche auch zu entsprechenden Aktionen aufgerufen: „Deshalb kann es am Montag nur ein Ziel geben: Kampf und Identifikation auf dem Platz und den Rängen.“

          DFB fordert Ende des „Kesseltreibens“

          Tatsächlich erreichte der Protest gegen RB Leipzig in Karlsruhe eine neue Dimension. Die jüngsten Aktionen haben den DFB auf den Plan gerufen, der fordert, dass das „Kesseltreiben“ gegen RB endlich ein Ende haben müsse. Und der Leipziger Sportdirektor Ralf Rangnick verlangte nach Gefängnisstrafen für die Feinde des Red-Bull-Projekts. Was ist da nur los? Und wo liegt das neue Problem? Fan-Ausschreitungen sind ja nichts Neues im deutschen Fußball, und oft geht die Sache weit schlimmer aus als in Karlsruhe. Der Kampf der Kurven gegen RB Leipzig unterscheidet sich jedoch von allen anderen Kämpfen, die seit Jahren von Ultras und der sogenannten aktiven Fanszene gegen den organisierten Profifußball geführt werden.

          In der Vergangenheit gab es immer wieder ganz konkrete Fragen, an denen sich der Protest von Fans entzündete. Stets ging es gegen Maßnahmen von Verbänden und Vereinen, die ihren Stadionbesuch und ihr Stadionerlebnis zu verändern drohten. Vor ein paar Jahren wehrten sich die Anhänger erfolgreich gegen reine Sitzplatzstadien. Dann entzündeten sich gewalttätige Konflikte am Verbot der Pyro-Technik. Später kam es zu Protesten gegen Sicherheitspläne der Verbände und für ein „fanfreundliches Stadionerlebnis“, das zum Stimmungsboykott in den Stadien unter dem Motto „12:12“ führte. Das Gemeinsame an all diesen Protesten war, dass sich Fans für ganz konkrete Interessen starkmachten.

          Pro 15.30 Uhr: Fußballfans lieben die traditionelle Anstoßzeit

          Die Auseinandersetzung mit RB Leipzig wird auf eine andere Art geführt - und aus anderen Motiven. Es ein rein ideologischer Kampf, und er hat auch eine neue Sorte von Protestierern hervorgebracht: den Wutfan. Der Wutfan kämpft nicht mehr für ein konkretes Interesse, für Stehplätze, die Legalisierung von Bengalos oder fanfreundliche Anstoßzeiten. Er bekämpft ein verhasstes System: den Kommerzfußball. Und nur der RB Leipzig ist dafür sein Symbol, kein anderer Klub.

          Nicht der VfL Wolfsburg mit dem VW-Konzern im Rücken. Nicht mehr die TSG Hoffenheim mit seinem Eigentümer-Milliardär Dietmar Hopp. Auch nicht das börsennotierte Unternehmen Borussia Dortmund. Oder der FC Bayern München, der zu 25 Prozent der Industrie gehört. Erst diese Verengung und Verzerrung der Wirklichkeit macht es möglich, dass sich sogar Anhänger des FC Ingolstadt dem Protest gegen RB und den Kommerzfußball anschließen können, obwohl der Erfolg ihres Klubs ohne Audi nicht denkbar wäre.

          Damit die Empörung über die totale Kommerzialisierung trotz aller Widersprüche funktioniert, stilisiert der Wutfan seinen Protest gegen RB Leipzig als einen Kampf zwischen Gut und Böse. Und ganz so, als könne man die Kommerzialisierung und ihre Folgen im Fußball mit einem erfolgreichen Kampf gegen RB Leipzig tatsächlich aufhalten. Es ist bei der Stilisierung von RB Leipzig zum personifizierten Bösen daher auch kein Zufall, dass Fans von Erzgebirge Aue vor wenigen Wochen Red-Bull-Gründer Mateschitz in SS-Uniform abbildeten und RB-Anhänger als Nazis diffamierten. Auch in Karlsruhe fehlte nicht der Hinweis auf österreichischen Größenwahn und damit die Anspielung auf Adolf Hitler. Es ist genau diese Ideologisierung, die Inszenierung von RB Leipzig als das Böse schlechthin, die diesen Kampf so gefährlich macht - und so unberechenbar.

          Die neue Qualität in den Protesten gegen RB Leipzig, das Fußball-Marketinginstrument von Getränkehersteller und Milliardär Dietrich Mateschitz, spiegelte sich in Karlsruhe nicht, wie sonst oft üblich, in alarmistischen Polizeiberichten und langen Verletztenlisten. Der offensichtliche Schaden, den die Fans in Karlsruhe anrichteten, war sogar ausgesprochen gering. Den Mannschaftsbus blockieren und Rangnicks Wagen mit Farbbeuteln bewerfen - geschenkt, muss man angesichts der allgemeinen Verhältnisse da schon sagen.

          Triumph in den Augen der Fans

          Es ist vor allem das Bedrohungspotential und die Anmaßung, die in anderen Protestformen steckt (neben den sogenannten kreativen Protesten und den branchenüblichen Missfallenskundgebungen, die jeder Klub ertragen muss), die bei Fan- und Sicherheitsexperten jetzt die Alarmglocken schrillen lassen. Vor dem Spiel hatten RB und Leipziger Fanklubs einen Brief erhalten, der die Anhänger davor warnte, überhaupt nach Karlsruhe zu kommen. Dann statteten Anhänger des KSC dem Leipziger Team vor dem Spiel im Hotel einen Besuch ab (bei dem niemand zu Schaden kam). Und unmittelbar nach dem Spiel forderten wütende Fans das Trikot eines KSC-Spielers zurück, das er mit einem Leipziger Profi getauscht hatte. Ein Offizieller des KSC ging daraufhin in die Kabine, ließ sich das Trikot aushändigen und übergab es den Fans. Ein Triumph in den Augen dieser Fans, weil sie damit ihre Wertvorstellungen durchsetzen konnten und sich als Bewahrer der eigentlichen Vereinsinteressen aufgewertet sahen.

          Zur ständigen Bedrohung - die mittlerweile über einem Klub wie RB Leipzig schwebt, nur weil er existiert - passte die Ankündigung einiger Fans, das Fußballgelände in Halle an der Saale zu zerstören, auf dem RB Leipzig im Sommer ein Nachwuchs-Camp unter dem Motto „Mitteldeutsche Fußballwoche für Toleranz“ abhalten wollte. Auf der Seite „Nein zu RB“ hatten schon über 3000 Leute gegen das Camp protestiert. Die Veranstaltung „auf unserem heiligen Rasen“ wird als Provokation empfunden. Nun wurde das Camp abgesagt.

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          Um die verquere Logik hinter all diesen Protesten gegen Red Bull zu verstehen, muss man sich in die Köpfe dieser extremen Anhänger versetzen. Die Überidentifikation mit ihrem Verein und dem Fußball gehört zu ihrer mentalen Grundausstattung. Sie spiegelt sich auch im Motto, das alle RB-Gegner der Fan-Initiative eint: „Für euch nur Marketing - Für uns Lebenssinn.“ Diese Fans fühlen sich seit Jahren von zwei Entwicklungen bedroht: von der Kommerzialisierung des Profifußballs und der Repression, die ihnen als Fans durch Polizei, Verbände und Vereine entgegenschlägt.

          Was in der Gesellschaft der Wutbürger ist, ist im Fußball der Wutfan. Der Begriff des Wutbürgers kam merkwürdigerweise bei den Protesten gegen Stuttgart 21 auf, wo sich jedoch keine ohnmächtige Wut artikulierte, sondern Widerstand gegen ein ganz konkretes Projekt geleistet wurde, den Umbau des Bahnhofs. Von echten Wutbürgern lässt sich eigentlich erst seit Pegida sprechen, als Leute auf die Straße gingen, denen einfach die ganze Richtung nicht passt und die auch nicht mehr sonderlich daran interessiert sind, konkrete Forderungen durchzusetzen. Sie treibt vor allem die Wut auf ein System an, in dem sie sich machtlos fühlen, auch verloren.

          Ein völlig vergiftetes Klima

          Wie die Wutbürger empfinden auch viele Fans, die zu Wutfans geworden sind und ihren Hass immer zügelloser gegen die Symbole der Kommerzialisierung (RB Leipzig) und der Repression (Polizei) ausleben - gegen die Repräsentanten RB und die Polizei können sich alle in der Kurve zusammenschließen. In Stuttgart zeigte sich vergangene Woche dabei die andere, vollkommen verrohte Seite derselben Medaille, als vermutlich Hooligans zwölf Polizisten nach dem Spiel gegen Berlin verletzten und einige Beamte in eine so prekäre Lage brachten, dass ein Polizist drei Schüsse in die Luft abgab, um sich und seine Kollegen zu retten.

          Auch wenn der Fall von Marcel Reif, der innerhalb weniger Tage von Dortmunder und Schalker Fans erst in seinem Auto angegriffen und dann beim Dortmunder Pokalspiel in Dresden mit Bier und Beschimpfungen von BVB-Fans überschüttet wurde, ganz anders gelagert ist, zeigte sich aber auch darin eine Gemeinsamkeit zu den anderen Vorfällen. All diese Aktionen finden in einem mittlerweile völlig vergifteten Klima statt, und sie werden offenbar von Leuten begangen, die nur noch in ihrer eigenen Welt leben und nicht mehr bereit sind, andere Einstellungen und Haltungen zu akzeptieren.

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          Die negativen Folgen der Kommerzialisierung sind indes kaum zu bestreiten. Der Fußball an der Spitze wird immer vorhersehbarer, die Klubs mit dem meisten Geld stehen oben und räumen die Titel ab. Und es stimmt auch, dass ein intransparenter und undemokratisch organisierter Klub wie RB Leipzig, der nur als Werbeplattform dient, nach den Regularien von DFB und DFL eigentlich gar nicht dabei sein dürfte. Aber kommerzielle Interessen schlagen mittlerweile fast alle anderen Bedürfnisse, und so fühlen sich gerade die Fans in den Kurven in ihrer Welt bedroht - und wehren sich nun immer heftiger gegen die Kommerzialisierung.

          Über Jahre waren die sogenannten aktiven Fans dem organisierten Fußball mit Dialogbereitschaft begegnet, aber das führte nicht zu den Ergebnissen, die sich die Fans davon versprachen. Mittlerweile herrscht an vielen Fußball-Standorten absolute Sprachlosigkeit. Und wenn es dann zu Ausschreitungen wie zuletzt in Mönchengladbach kommt, als einige Kölner Ultras nach dem Abpfiff den Platz stürmten, erheben DFB und DFL mittlerweile sofort die Forderung, Fans von Auswärtsfahrten auszuschließen oder personifizierte Tickets einzuführen. Solche Vorschläge, die Teil einer Lösung sein wollen, sind aber auch ein Teil des Problems.

          Die entsprechende Ultra-Gruppe wurde vom 1. FC Köln umgehend ausgeschlossen, was dann auch das Strafmaß für den Klub vor dem DFB-Gericht reduzierte. Bei drei Heimspielen werden zwei komplette Fanblöcke der Ultras zur Strafe gesperrt, eine Kollektivstrafe. Das Zeichen für die Szene, das von einem solchen Richterspruch ausgeht, ist deutlich: Der Fußball will uns nicht - und wenn der Fußball die Möglichkeit dazu hat, schmeißt er uns raus. Und nicht anders ist das Urteil auch gemeint. Das lässt nichts Gutes für die Zukunft erwarten.

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