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Wirbel um HSV-Spieler Jatta : Es gab nie einen Asylantrag

Seit 2016 beim Hamburger SV: Bakery Jatta Bild: Picture-Alliance

Bakery Jatta ist beim HSV zum Star geworden. Doch nun ist fraglich, ob die Angaben des einstigen Flüchtlings stimmen. Das Bamf sagt auf Anfrage der F.A.Z., dass es nie einen Asylantrag von Bakery Jatta gab – und auch nicht geben musste.

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          Die Fans des Hamburger SV zeigten feines Gespür und demonstrierten ihre Haltung: Beifall brandete auf, als Bakery Jatta die Mannschaft des Fußball-Zweitligaklubs Hamburger SV am Donnerstag auf den Trainingsplatz führte. Wegducken oder gar verkriechen nach den Vorwürfen, er könnte mit falscher Identität in Deutschland leben, kamen für den Offensivspieler nicht infrage. Rund 400 Fans, etwa so viele wie beim Saisonstart, waren zur einzigen Trainingseinheit des Tages erschienen. Jatta lief vorweg, die Mannschaft folgte geschlossen. Das Bild hatte Symbolcharakter.

          Derweil wurde bekannt: Offenbar hat Jatta nie einen Asylantrag gestellt. Und der HSV-Profi, der nach einem Bericht der „Sport Bild“ ins Zwielicht geraten war, hat wohl auch nie einen Antrag stellen müssen. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) erläuterte auf F.A.Z.-Nachfrage einen Tweet vom Mittwochabend, in dem das Bamf darauf hinwies, dass es keinen Asylantrag von Bakery Jatta gebe. Demnach müssen minderjährige Flüchtlinge nicht zwingend einen Asylantrag stellen, was für Bakery Jatta gemäß dessen eigenen Angaben zu seinem Alter und der damaligen Untersuchungsergebnisse bezüglich seines Alters zutreffen könnte. Da Jatta mit Erreichen der Volljährigkeit einen Arbeitsvertrag beim HSV besaß, erhielt er die Aufenthaltsgenehmigung aufgrund des gesicherten Arbeitsverhältnisses und des entsprechenden Einkommens.

          Dennoch hat das vermeintliche Märchen seine Kratzer: Jatta kam angeblich als Flüchtling durch die Sahara und übers Mittelmeer nach Deutschland und wurde beim Hamburger SV zum Star. Der aus Gambia stammenden Fußball-Profi könnte daher abgeschoben werden, falls seine Angaben zur eigenen Identität unwahr sein sollten. „Die Gründe für die damalige Duldung sind ja dann weggefallen, und dann wird auch der Aufenthalt rückwirkend verwirkt“, sagte Falko Droßmann, Bezirksamtsleiter Hamburg-Mitte, am Mittwochabend im „Hamburg-Journal“ des NDR-Fernsehens über den Stürmer des HSV. „Das ist eine sehr harte Möglichkeit, aber sie würde natürlich in der letzten Konsequenz zu einer Abschiebung führen können.“

          Die zuständige Behörde der Hansestadt und der Deutsche Fußball-Bund (DFB) prüfen nun die Identität Jattas, der 2015 als Flüchtling aus Gambia nach Deutschland gekommen war. An der Identität soll es der „Sport Bild“ zufolge Zweifel geben – er soll einst unter einem anderen Namen bereits als Profifußballer gespielt haben. Jatta spielt seit 2016 beim HSV und steht bis 2024 unter Vertrag. Bis 2022 läuft seine erst im Mai verlängerte Aufenthaltsgenehmigung. Jatta äußerte sich zu dem Bericht noch nicht. Der HSV verweist auf gültige Dokumente und steht zu seinem Spieler.

          „Wir stehen voll hinter Bakéry und werden ihn auch weiterhin voll umfänglich im Trainings- und Spielbetrieb einplanen, zumal er ein wertvoller Spieler und voll integrierter, geschätzter Teamkollege ist“, erklärte HSV-Sportvorstand Jonas Boldt am Donnerstag. Jatta habe seit drei Jahren einen gültigen Pass und eine Spielerlaubnis für den Fußball-Zweitligaklub. „Für uns ist es nicht akzeptabel, dass diese Spielberechtigung aufgrund von Vermutungen angefochten wird“, hieß es auf der HSV-Homepage in Boldts verbreitetem Statement.

          Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) und die  Deutsche Fußball Liga (DFL) haben die Spielberechtigung derweil für „aktuell“ gültig erklärt. Dies schrieben die beiden Verbände in einer gemeinsamen Mitteilung am Donnerstag. „Die DFL und der DFB haben Interesse an einer schnellen Aufklärung des Sachverhalts und stehen hierzu mit dem Hamburger SV im Austausch. Da es bisher keinen Beweis für eine falsche Identität des Spielers gibt, behält die Spielberechtigung für Bakery Jatta, geboren am 6. Juni 1998, aktuell ihre Gültigkeit“, heißt es darin wörtlich.

          Vom Tellerwäscher zum Millionär?

          Laut „Sport Bild“ könnte er einen anderen Namen haben und älter als angegeben sein. Sollte er bei seiner Einreise nach Deutschland schon volljährig gewesen sein, könnte er ein Problem bekommen: Nur alleinreisende, minderjährige Flüchtlinge erhalten in der Regel eine Duldung und dürfen im Land bleiben. Grundsätzlich schiebt Hamburg auch Menschen aus Gambia in ihre Heimat ab. In der Praxis geschieht dies aber selten, ermittelte das „Hamburger Abendblatt“ (Donnerstag): Laut Ausländerbehörde wurden 2018 drei Menschen in das westafrikanische Land zurückgebracht, 2019 noch niemand.

          Jattas Geschichte erinnert an den Aufstieg vom Tellerwäscher zum Millionär. Als er nach seinen Angaben als 17-Jähriger nach einer abenteuerlichen Flucht nach Norddeutschland kam, wurde er zunächst für ein halbes Jahr von der Akademie Lothar Kannenberg, einer Jugendhilfe- und Bildungseinrichtung im niedersächsischen Bothel in der Nähe von Bremen, aufgenommen und gefördert. Dann landete er nach einem Probetraining beim HSV und erhielt – kurz nach seinem angeblichen 18. Geburtstag im Juni 2016 – einen Kontrakt bis Sommer 2019, der mittlerweile bis Sommer 2024 verlängert wurde.

          Der HSV ließ 2016 mit medizinischen Methoden Jattas Alter untersuchen. Der damalige Sportchef Peter Knäbel sagte, es sei festgestellt worden, dass „die biologische Entwicklung abgeschlossen ist“. Trotzdem kam es zum Vertragsabschluss. Nach schwierigem Beginn ist der spurtstarke Offensivspieler inzwischen zum Leistungsträger beim HSV aufgestiegen. Sein aktueller Marktwert laut transfermarkt.de: 2,5 Millionen Euro.

          „Wir haben Jattas gültigen Reisepass inklusive Aufenthaltsgenehmigung vorliegen“, sagte HSV-Vorstandschef Bernd Hoffmann. „Wir schätzen ihn als Spieler und Menschen.“ Nach dem Einspruch des 1. FC Nürnberg gegen die 0:4-Niederlage am Montag hat das DFB-Sportgericht die Hamburger um eine Stellungnahme zu den Vorwürfen gebeten. Da Jatta auf der Spielberechtigungsliste stand, müsste der HSV selbst nur eine Strafe fürchten, wenn ihm ein strafbares Handeln nachgewiesen würde.

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