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Fußball-Bundesliga : Wie sich Mainz mit seinen Fans in Einklang bringt

Nicht nur der Trainer, auch die Mannschaft aus Mainz sucht den Dialog mit den Fans. Bild: dpa

Mainz 05 reagiert im Kampf um den Klassenverbleib auf ungewöhnliche Weise. Vorstand und Trainer Sandro Schwarz stellen sich den kritischen Fragen der Fans – und leiten dadurch einen Stimmungsumschwung ein.

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          Da waren sie endlich wieder zu erkennen, die klassischen Mainzer Fußballtugenden: Leidenschaft, Kampfgeist, schnelles Umschaltspiel. Die Fans von Mainz 05, die jenen Stil so sehr schätzen und besonders am vergangenen Samstag bei der deprimierenden 0:3-Niederlage bei Eintracht Frankfurt vermisst haben, erkannten es jedenfalls an. Sie standen auf und applaudierten am Ende eines denkwürdigen Abends. Auch wenn es am Dienstag im VIP-Bereich des Mainzer Stadions auf Einladung der Fanabteilung unter dem Motto „Wir gehen diesen Weg gemeinsam nur mit Euch“ nur um verbales Pressing und Umschaltspiel ging, so könnte rechtzeitig zur heißen Phase des Kampfes um den Klassenverbleib doch noch ein spezieller Geist erwacht sein, der Mainz 05 im Bemühen um den Nichtabstieg helfen könnte.

          Der komplette Vorstand mit Vorstandschef Stefan Hofmann, Sportvorstand Rouven Schröder und dem kaufmännischen Verantwortlichen Jan Lehmann, vor allem aber Trainer Sandro Schwarz, stellten sich den teils harten Vorwürfen und wurden aufgrund ihres respektvollen Umgangs mit den Sorgen der Anhänger, aber auch dank der im Stile guten Umschaltfußballs scharfen und eindeutigen Antworten am Ende mit stehend dargebrachten Ovationen in die restlichen sieben Spiele der Saison verabschiedet. Der Abend bescherte dem Tabellen-Sechzehnten der Bundesliga und seinen Anhängern wieder etwas Hoffnung.

          „Es geht hier bei aller berechtigten Kritik darum, dass wir im Mai gemeinsam ein paar Bier trinken können“, sagte Trainer Schwarz schon zu Beginn der Aussprache und gab damit den Ton vor: Realistisch, sachlich, kämpferisch, emotional.

          „Nur weil alle schreien, dass jeder im Keller den Trainer gewechselt hat, machen wir es nicht“

          Im Laufe des Abends verdichtete sich der bereits vor einigen Wochen im Interview mit FAZ.NET thematisierte Eindruck, dass die Anhänger von Mainz 05 ihren Trainer so gut wie gar nicht kennen. Obwohl Schwarz dem Klub seit einem Vierteljahrhundert fast durchgängig verbunden ist zunächst als Nachwuchsspieler, später als Zweitligaprofi mit 101 Einsätzen und der Beteiligung am ersten Bundesligaaufstieg 2004 und vier Jahren als Trainer im Nachwuchsleistungszentrum. Dennoch musste sich Schwarz fragen lassen, als Spieler ein leidenschaftlicher Kämpfer, dem Nigel de Jong kürzlich im Gespräch mit FAZ.NET das italienische Blut seines Vaters bei seiner Arbeitsweise nachsagte, weshalb er Emotionalität und Körpersprache vermissen lasse am Spielfeldrand.

          „Bei aller Liebe und Verständnis dafür, dass wir sicherlich nicht alles richtig gemacht haben in der Kaderplanung und anderem: Dass ich mir immer wieder anhören muss, dass mir die Emotionalität fehlt, das nervt gewaltig“, sagte er. „Denkt Ihr denn, ich gehe nach dem Spiel in Frankfurt in die Kabine und zeige der Mannschaft nur Videosequenzen? Da werde ich laut, weil das der richtige Ort ist.“

          Schwarz wie auch Schröder gingen bemerkenswert sachlich mit der Kritik an der Kaderplanung um, die den Mainzern zu großen Teilen die aktuellen Probleme beschert hat. Und die Fans akzeptierten weitgehend die Erläuterungen Schröders, dass ein Klub wie Mainz 05 auf dem Transfermarkt mangels finanzieller Möglichkeiten eben „nicht nur Volltreffer“ landen könne. Ebenso deutlich legte Schröder auf die Frage nach einer möglichen Trennung von Schwarz dar, weshalb er den Trainer weiterhin für den richtigen Mann halte. „Es geht nie um Personen, sondern um den Verein. Wenn Sandro oder ich im Weg stehen würden, müssten wir gehen. Wir sind im Klub aber vollkommen von Sandros Arbeit überzeugt. Nur weil alle schreien, dass jeder im Keller den Trainer gewechselt hat, machen wir es nicht. Das ist nicht Mainz 05“, sagte Schröder, der im Vorjahr in einer ähnlich brenzligen Lage ebenfalls trotz mancher Zweifel im Verein am damaligen Trainer Martin Schmidt festgehalten hatte, der das Team letztlich zum Klassenverbleib führte.

          Während Schröder mit Fehlereingeständnissen die Fans für sich gewann, punktete Schwarz auch mit einem Konter auf den Vorwurf, dass ein Spieler am Abend des Rosenmontags mit einem Bier in der Hand in den Straßen von Mainz gesehen wurde: „Wenn das in Mainz nicht mehr okay sein soll, dass ein Spieler am Rosenmontag ein bisschen feiert, dann stimmt was nicht“, sagte er. „Lasst uns vielmehr hier und heute festlegen, dass wir als Mannschaft egal in welcher sportlichen Situation grundsätzlich am Rosenmontag dabei sein müssen.“

          Der Trainer stellte zudem klar, dass das mit den Fans geplante Biertrinken womöglich nicht am letzten Spieltag am 12. Mai, sondern auch erst gut zehn Tage später nach der Relegation stattfinden könnte. „Selbst wenn wir in die Relegation müssen, soll hier bitte keiner so tun, als ob wir schon abgestiegen wären. Wir müssen jetzt jene Stimmungslage erzeugen, die uns in Mainz immer ausgezeichnet hat“, appelliert Schwarz an die Fans. „Wir müssen jeden Tag in der Stadt vorleben, dass die nächste Chance in der nächsten Woche kommt. Dann schaffen wir das.“

          Nach den Gesprächen bezeichneten Schwarz und Schröder die Aktion als einmalig in der Bundesligageschichte. Der emotionale, aber zu keinem Zeitpunkt auf beleidigendem Niveau stattfindende Verlauf geben dem Klub Recht. Und der Erfolg des Abends mag ein guter Hinweis darauf sein, dass es stets hilfreich ist, wenn man miteinander spricht. Nun muss der Geist aus dem VIP-Bereich nur noch die Mannschaft erreichen.

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