https://www.faz.net/-gtm-9hxvm

Kovac-Nachfolger in Frankfurt : Wie Hütter die Eintracht noch besser macht

Klare Linie: Adi Hütter führt die Entwicklung der Eintracht fort. Bild: Jan Huebner

Adi Hütter meistert den Frankfurter Neuaufbau mit Bravour. Jetzt kann er auch die Bayern und den ehemaligen Eintracht-Trainer Niko Kovac ärgern. Dass der Klub mittlerweile so gut dasteht, ist nicht nur der Verdienst von einem.

          Ihren letzten gemeinsamen Auftritt wird er nie im Leben vergessen. Den Pfingstsamstag 2018 erlebte Niko Kovac im emotionalen Ausnahmezustand. Vor Beginn des Pokal-Finals pfiffen ihn die eigenen Fans aus, weil sie ihm den Abgang zu den Bayern übelnahmen. Später am Abend dann, als der Favorit aus München in die Knie gezwungen worden war und die Eintracht auch dank seiner taktischen Kniffe den ersten Titel nach dreißig Jahren gewonnen hatte, gab es kein Halten mehr. Bei Zehntausenden Fans, den Spielern und ihm flossen die Tränen in Strömen.

          Bundesliga
          ANZEIGE

          Gefühle werden beim Wiedersehen mit veränderten Vorzeichen auch eine Rolle spielen, war sich Kovac vorab sicher. Er entschied sich im vergangenen Winter für eine lebenslange Mitgliedschaft bei der Eintracht und ist auch heute noch ihr Anhänger. Er komme „sehr, sehr gerne wieder zurück“, sagte er am Freitag im Gespräch mit dem hessischen Radiosender FFH, auch weil nach wie vor im „regen Austausch mit Freunden und Kollegen in Frankfurt“ stehe.

          Der Trennungsschmerz auf Frankfurter Seite hat sich in den zurückliegenden Monaten verflüchtigt. Die Hinrunde lief deutlich besser, als es nach dem holprigen Start (unter anderem gab es ein 0:5 im Supercup gegen den Rekordmeister) zu erwarten war. Unter Adi Hütter, Kovacs Nachfolger, verwandelte sich die Mannschaft in einen Hingucker, der den Bundesliga-Wettbewerb mit sehenswertem Offensiv-Fußball bereicherte. Der Österreicher meisterte die Aufgabe, den Neuaufbau zu bewerkstelligen, nach anfänglichen Fremdeln mit Bravour. 27 Punkte nach 16 Spieltagen und zusätzlich sechs Siege in Serie in der Europa League sind Ausdruck einer Stärke, die Hütters Handschrift trägt. „Niko Kovac hat die Basis gelegt und die Mannschaft entwickelt, Adi Hütter setzt mit seiner Art, Fußball zu denken, jetzt die Spitze drauf“, sagte Bobic im Gespräch mit Amazon Music vor dem Duell mit dem FC Bayern an diesem Samstag (18.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Bundesliga und bei Sky).

          Hütter ist angekommen in der Bundesliga, seinem beruflichen Ziel, und in Frankfurt. Der Aufenthalt im vom Verein bezahlten Hotel war – anders als bei Kovac, der zwei Jahre keine eigene Bleibe in der Stadt wollte – nur von kurzer Dauer. Längst hat er sich eine Wohnung gesucht, in Absprache mit seinem Assistenten Christian Peintinger. Sie leben seitdem Tür an Tür: nicht in einer der schicken Szene-Ecken der boomenden Finanzmetropole, sondern an ihrem Rand unweit der großen Chemieanlagen im Westen in einem Viertel, das von Menschen bewohnt wird, die noch früh um sechs Uhr mit dem Blaumann in die Fabrik müssen.

          Für Hütter eine bewusste Wahl. Er wuchs einst in ähnlichen Verhältnissen in Vorarlberg auf, was ihn auch in seiner Einstellung zur Arbeit prägte. Seine Mitstreiter loben ihn für das Betriebsklima, das bei der Eintracht herrscht. Hütter hält seine Spieler an einer längeren Leine. Strikte Regeln, mit denen sich Kovac auch bei den Bayern nicht nur Freunde machte, gehören in Frankfurt der Vergangenheit an. Hütter setzt auf Eigenverantwortung und Fingerspitzengefühl, weniger auf das permanente Messen von Blutwerten, um die Belastung zu steuern.

          Adi Hütters Vorgänger in Frankfurt: Niko Kovac (Bild) trainiert in dieser Saison den FC Bayern.

          „Zum Glück war ich zwanzig Jahre Profi, und auch für mich lief es nicht immer glänzend. Ich sage immer, ich kann dem Spieler bis zum Magen runterschauen, ich weiß, wie es ihm geht, wie er sich fühlt“, sagt Hütter. So gelingt es ihm, auch die Reservisten bei Laune zu halten. Die vom Klub ungeschickt kommunizierte Trainingsgruppe 2, mit vorübergehend ausgemusterten Profis wie Marc Stendera, Simon Falette oder Branimir Hrgota, war nicht seine Idee. Doch Hütter trug den Plan von Sportvorstand Fredi Bobic, die Spieler so zu einem Vereinswechsel zu bewegen, zunächst klaglos mit – ehe er sie geräuschlos wieder integrierte.

          Hütter verfolgt seine Absichten nicht dogmatisch. Die erst bevorzugte 4-4-2-Formation warf er zugunsten einer Abwehr-Dreierkette um. Den als charakterlich anspruchsvoll geltenden Außenstürmer Filip Kostic verwandelte er in einen laufstarken Linksverteidiger, „Jeder Einzelne hat seinen Part zu spielen, wie er auch aussieht, um zum Erfolg zu verhelfen“, sagt Hütter. „Aber ohne Professionalität geht es nicht. Deshalb muss ich immer kommunizieren. Es hilft, wenn ich argumentiere.“ Peintinger, seine Freund und Helfer, sagt: „Adi vermittelt seinen Mitarbeitern den Eindruck, dass sie etwas wert sind, dass ihre Meinung zählt und dass sie Einfluss nehmen dürfen.“

          Der Frankfurter Fortschritt wurde zuletzt vornehmlich mit den Sturmläufen der drei Top-Angreifer in Verbindung gebracht und Hütter als Hüter einer Büffelherde beschrieben, der es verstanden habe, Ante Rebic (5 Tore), Sébastien Haller (9) und Luka Jovic (12) zusammen ins Laufen zu bringen, dass sie eine kaum zu bremsende Wucht verkörpern. Aber auch die Defensive, die vor Nationaltorwart Kevin Trapp im Einsatz ist, erfüllt trotz der Ausfälle wichtiger Protagonisten wie David Abraham oder Luca Torro mit bislang erst zwanzig Gegentoren die Aufgaben so ordentlich, das höhere Ansprüche am gedeihen sind. Oder, um es mit einem Kenner der Frankfurter Materie zu formulieren, der dabei nicht nur vorweihnachtliche Sympathie für die alten Weggefährten zum Ausdruck brachte: „Wir Meister und die Eintracht im Champions-League-Modus“, so Niko Kovac, „dann wäre die Saison phantastisch gelaufen.“

          Weitere Themen

          „Keine Feuer legen, bitte“

          Bayerns zwei Gesichter : „Keine Feuer legen, bitte“

          War es ein Taktik-Sieg von Julian Nagelsmann gegen Niko Kovac? Die Bayern haben offenbar nicht schnell genug auf Veränderungen des Gegners reagiert – und rutschten in der Tabelle ab. In München will man aber Ruhe bewahren.

          Topmeldungen

          IAA : Draußen Protest, innen leuchtende Männeraugen

          Wo der SUV noch artgerecht gehalten wird: Unsere Autorin war auf der Automesse unterwegs. Die Autohersteller reagieren auf den zunehmenden Druck mit ihrer elektrischen Charmeoffensive – die Publikumsmagneten findet man jedoch an anderer Stelle.

          Klimawende : Für eine Transformation mit Herz

          Uns erwartet ein sozial-ökologischer Umbau der Gesellschaft. Doch das muss man den Bürgern, die zwar für Klimawandel, aber kaum für persönliche Einschnitte sind, auch sagen. Ein Gastbeitrag.

          NPD-Ortsvorsteher in Hessen : Ein netter Kerl

          In einem Dorf wird ein NPD-Mann zum Ortsvorsteher gewählt. Die Aufregung ist groß, im Ort selbst findet man das nur halb so wild. Eindrücke aus Altenstadt-Waldsiedlung.
          Die Vorsitzende des Ressemblement National (RN), Marine Le Pen, nach ihrer Rede in Fréjus an der Cote d’Azur

          Wahlkampf von Le Pen : Seriosität statt Häme

          Statt nach Rechts und Links Sticheleien zu verteilen, gibt sich Marine Le Pen bei ihrer Comeback-Rede staatstragend. Für ihr Ziel, den Einzug in den Elysée-Palast 2022, hat die Vorsitzende des Rassemblement National eine Strategie.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.