https://www.faz.net/-gtm-97gj4

Bremen gegen Hamburg : Die schicksalhafte Papierkugel

  • -Aktualisiert am

Die Papierkugel aus dem UEFA-Cup-Spiel des Hamburger SV gegen Werder Bremen. Bild: Imago

Am 7. Mai 2009 entscheidet eine Papierkugel das Uefa-Cup-Duell zwischen Werder Bremen und dem Hamburger SV – und hat Auswirkungen bis in die Gegenwart. Zwei Protagonisten von damals stehen auch heute wieder im Fokus.

          Es ist eine feine Ironie der Geschichte, dass Bernd Hoffmanns erstes Spiel als Präsident des HSV e.V. an diesem Samstagabend in Bremen steigt. Denn Hoffmann sagt, die Folgen der verrückten Werder-Wochen von April/Mai 2009 seien der Kern allen Übels für die Zeit danach. Bis hin zum möglichen Abstieg in dieser Saison. Hoffmann, von 2003 bis 2011 Vorstandschef des HSV, sagt rückblickend: „Wir haben damals angenommen, dass das ein Tiefpunkt sein würde, ein Niederschlag, der den HSV auf Jahre begleitet, einer, von dem man sich nie mehr erholt.“ Diese Bewertung sei der entscheidende Fehler gewesen. Der Urknall des Niedergangs.

          Aber der Reihe nach. Am 19. April 2009 gewinnt der HSV 2:1 gegen Hannover 96. Die Hamburger stehen glänzend da – Dritter in der Tabelle, punktgleich mit den Bayern, drei Punkte hinter dem späteren Meister aus Wolfsburg. Der HSV hat keine schillernde, aber eine gut funktionierende Mannschaft, im Tor Frank Rost, in der Abwehr Joris Mathijsen und Guy Demel, im Mittelfeld Piotr Trochowski und David Jarolim und vorn Mladen Petric und Paolo Guerrero. Vor allem aber haben die Hamburger endlich den richtigen Trainer – Martin Jol. Er hat bei den Bayern gespielt, in den Niederlanden gelernt und sich in England den Feinschliff geholt. Jol lässt die Spieler an der langen Leine, überzeugt sie von ihrer Wichtigkeit („You are my man!“) und beeindruckt mit Lässigkeit und Humor. Dahinter verbirgt sich allerdings ein Machtstreben, das schon häufig mit den Plänen des Sportvorstands Dietmar Beiersdorfer kollidiert ist, in der Frage nach Verstärkungen etwa. Der HSV müsse investieren, fordert Jol, ansonsten seien die mutigen Ziele, die Meisterschaft nicht zu erreichen. Doch zuerst kommen 19 Tage, die alles verändern werden. „Eigentlich jeder im Verein verlangte in dieser Saison den ersten Titel seit 1987“, erinnert sich Bernd Hoffmann, „das ging uns im Vorstand nicht anders. Die Saison lief einfach gut, wir waren vom Trainer überzeugt und sahen Werder als starken, aber schlagbaren Gegner.“

          Es schneit in dicken Flocken, als Hoffmann am langen Esstisch seines Hauses die vier Spiele zwischen dem 19. April und dem 2. Mai 2009 rekapituliert. Er hat noch alles parat, auch die Aufstellung des Gegners. Die Spiele selbst und ihre kuriosen Wendungen aber lässt Hoffmann weitgehend Vergangenheit sein. Er interessiert sich mehr für die Folgen. Der HSV scheidet im Halbfinale des DFB-Pokals nach Elfmeterschießen aus, er gewinnt im Hinspiel des Uefa-Pokal-Halbfinals 1:0 in Bremen – alles kulminiert am 7. Mai, im Rückspiel in Hamburg: Werder führt 2:1, der HSV rennt an, will den Ausgleich, als Verteidiger Michael Gravgaard eine zusammengeknüllte Papierkugel aus der HSV-Choreographie in den Weg kommt. Gravgaard will zu Rost zurückpassen, doch der Ball, von der Papierkugel abgelenkt, springt an Gravgaards Schienbein, es gibt Eckball für Werder. Aus diesem Missgeschick wird das 3:1 durch Frank Baumann – der HSV scheidet aus. Er unterliegt auch am 31. Spieltag der Bundesliga in Bremen (0:2). Diese Niederlage beendet die letzten Meisterschaftsträume. Der HSV wird Fünfter, startet in der neuen Europa League. Aus heutiger Sicht eine traumhafte Bilanz. Aber nur aus heutiger Sicht.

          Hoffmann sagt: „Wir haben die Spiele damals analysiert und die vollkommen falschen Schlüsse gezogen. Wir haben uns das doppelte Ausscheiden als Klub und als Führung komplett angezogen und es als Desaster gewertet. Die Wahrheit aber war: Das war die erfolgreichste Saison seit 20 Jahren mit zwei Halbfinals und Platz fünf in der Liga. Geradezu traumhaft!“

          Bernd Hoffmann

          Vielleicht wären zwei Wochen Urlaub für alle nach Saisonende besser gewesen als die schonungslose Aussprache im Foyer eines Hamburger Hotels. Es hagelte Vorwürfe und Schuldzuweisungen, als sich Hoffmann, Beiersdorfer und Jol trafen. Der Niederländer monierte, für die großen Erwartungen die falsche Mannschaft zu haben, er verlangte mehr Macht, forderte Beiersdorfers Posten. Dem konnte Hoffmann nicht zustimmen. Jol entschwand zu Ajax Amsterdam. Aber auch das Binnenverhältnis Hoffmann-Beiersdorfer war zerstört. Beiersdorfer war unzufrieden, weil ihm Hoffmann beim Nachwuchs reinredete. An Hoffmann fraßen die Werder-Wochen. Am Ende reichte Beiersdorfer den Rücktritt ein. Bernd Hoffmann lehnt sich zurück und sagt: „Nach den Werder-Wochen lagen die Nerven blank, und wir waren beide über den Punkt. Das Ergebnis: Jol war weg, Beiersdorfer war weg, und ich war unrettbar angeschossen und stand allein da mit meiner Fehleinschätzung, es auch ohne einen Sportchef zu schaffen. Davon habe ich mich in den nächsten beiden Jahren nicht mehr erholt. Mit einer guten Paartherapie hätten wir all das verhindern können. Wenn man den perfekten Beleg dafür sucht, dass man die größten Fehler im größten Erfolg sieht, hat man ihn hier gefunden.“ Im März 2011 wird sein Vertrag beim HSV nicht verlängert. Hoffmann scheidet aus. Erledigt von einer Papierkugel – aus seiner Sicht mit Kollateralschäden bis zum heutigen Tag.

          Die Kugel rollt in die Bremer Richtung

          Frank Baumann denkt nicht zuerst an seinen eigenen Beitrag in dieser Geschichte. Er denkt, wenn es um den Derby-Wahnsinn zwischen Werder und dem HSV im Frühjahr 2009 geht, an die ungeheure Anspannung. „Diese 19 Tage“, sagt er, „waren schon etwas Außergewöhnliches. Es war schwer, mal komplett runterzufahren.“ Er denkt an die Brisanz in diesem Nordduell, die damals, in den fetten Jahren beider Klubs, noch einmal „besonders“ gewesen sei. Und er denkt an: Tim Wiese. „Wir hatten da hinten im Tor ja jemand stehen, der dieses Selbstbewusstsein nach außen dokumentiert hat – ein Selbstbewusstsein, das der Gegner so nicht hatte.“

          Wiese war der Bremer Held des Elfmeterschießens im Halbfinale des DFB-Pokals in der Hamburger Arena. 15 Tage später, selber Schauplatz, Halbfinal-Rückspiel des Uefa-Cups, jetzt ist es ein anderer, der dem HSV den K. o. versetzt: Frank Baumann. Wobei, so ganz stimmt das auch nicht. „Ich wurde ja angeschossen“, sagt er, was in diesem Fall eher Selbstironie als Understatement ist – Baumann-Tore waren selten. Es ist eine weitere Umdrehung in dieser ohnehin verrückten Geschichte: dass der HSV sich in gewisser Weise auch noch selbst erledigt. Trochowski ist nach dem von Gravgaard verursachten Eckball der Unglückliche, der den Ball bei seinem Klärungsversuch genau dorthin zimmert, wo Baumann seinen Kopf hat – 3:1 für Werder, die Entscheidung.

          Was eine Papierkugel ins Rollen bringt: Baumann möchte naturgemäß weniger über die Folgen für den Nordrivalen sprechen an diesem sonnigen Nachmittag in einem Konferenzraum des Weserstadions, er sagt nur so viel: „Es ist immer so, dass in solchen Situationen etwas kaputtgehen kann im Innenverhältnis.“ Eine Wegmarke für Werder? Das seien die Spiele „nicht direkt“ gewesen, wohl aber „noch mal beflügelnd“, über die beiden Finalspiele hinaus. Das im Uefa-Cup verliert Werder, dafür geht der DFB-Pokal nach Bremen, es ist Baumanns letztes Spiel. Danach, 2009/10, spielt Werder noch einmal eine „sehr gute“ Bundesliga-Saison, erreicht die Champions League, zum sechsten Mal in sieben Jahren. Doch es folgt ein schmerzlicher Niedergang. „Es gab einige Dinge, die nicht so funktioniert haben“, sagt Baumann und zählt kapitale Transfer-Irrtümer des lange Jahre so erfolgreichen Führungsduos Schaaf/Allofs auf: Carlos Alberto, Wesley, Marin, Arnautovic. „Wenn bei einem Klub wie Werder die teuren Investments nicht passen“, sagt Baumann, „wird es schwierig.“ Es folgen Bremer Minusjahre, bilanziell und sportlich, „ein sehr schmaler Grat“, wie Baumann über den Weg sagt, den sein Vorgänger Thomas Eichin zu beschreiten hatte. Was er nicht sagt: dass in dieser Zeit noch etwas anderes verlorenzugehen drohte. Die Identität des Klubs, das Werder-Gefühl.

          Frank Baumann

          Jetzt, Anfang 2018, ist dieses Gefühl zurück, es herrscht Optimismus in der Stadt, obwohl Werder sich nach wie vor in akuter Abstiegsgefahr befindet, manche sprechen gar von einem „Hype“, was Baumann wiederum nicht recht ist. „Wir mussten fast schon dagegen ankämpfen“, sagt er. Aber es gibt den Glauben, die Hoffnung jedenfalls, dass mit ihm als Sportchef und Florian Kohfeldt als Trainer endlich wieder dauerhaft bessere Zeiten anbrechen. Den 35 Jahre alten Kohfeldt zum Chefcoach zu machen, das war Baumanns Entscheidung – seine wichtigste. Viele in Bremen wünschten sich eine große Lösung, einen bekannten Namen, Baumann klapperte sie ab, holte sich Absagen ein, hatte aber stets seinen Favoriten im Kopf, zum dritten Mal nach Viktor Skripnik und Alexander Nouri wurde ein U-23-Trainer befördert. „Es hätte leichtere Entscheidungen gegeben, als Florian zum Cheftrainer zu machen“, sagt Baumann, der dafür viel Kritik einstecken musste, „aber wenn wir handeln, dann, weil wir davon überzeugt sind, und nicht, um die Öffentlichkeit vielleicht kurzfristig zu beruhigen.“

          Eine gewisse innere Ruhe, selbst in der Krise, während der Nachbar aus der größeren Hansestadt seit Jahren irgendwie von außen getrieben wirkt – das ist, findet Baumann, nicht nur „wichtig für die Kabine“, die Spieler also. Es strahlt auch auf die Fans ab, die eine eigene, eine positive Kultur des Abstiegskampfs geschaffen haben. Einen „Standortvorteil“ nennt Baumann, der leise Franke, das stabile Bremer Betriebsklima. „Vielleicht“, sagt er „hat das auch mit der Situation als kleinstes Bundesland zu tun, dass der Bremer gerne zusammenhält.“ Gewiss sogar. Das gallische als bremisches Dorf – so sehen sich die Bremer gern, was die Rolle im Vergleich zum selbstbewussten und dabei auch selbstverliebten Hamburg schon von Haus aus komfortabel macht.

          Aber Baumann ist nicht blauäugig. Er betont, dass auch in Bremen kontrovers diskutiert und manchmal auch gestritten wird – nur, dass es nicht so leicht nach außen dringt. „Es gibt ja häufig den Vorwurf, dass wir hier im eigenen Saft schmoren“, sagt er und weiß: Hätte es mit Kohfeldt nicht geklappt, wäre auch er in Bedrängnis geraten. „Definitiv, das ist so“, sagt er und fügt noch so einen unaufgeregten, aber auch ein bisschen schelmischen Baumann-Satz hinzu: „Das Momentum war und ist ganz positiv.“

          Er hätte auch sagen können: Die Kugel rollt in die richtige Richtung.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Sowohl Trump als auch Johnson winken mit ihrem zerstörerischen Potential. Nur schätzen sie ihre Position falsch ein.

          Schwäche der EU? : Boris Trump

          Sowohl Trump als auch Johnson verschätzen sich: Man kann aus den Wechselbeziehungen der globalisierten Welt nicht in Trotzecken fliehen und dabei nachhaltige Gewinne machen. Europa ist da in einer stärkeren Position.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.