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Bremen gegen Hamburg : Die schicksalhafte Papierkugel

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Was eine Papierkugel ins Rollen bringt: Baumann möchte naturgemäß weniger über die Folgen für den Nordrivalen sprechen an diesem sonnigen Nachmittag in einem Konferenzraum des Weserstadions, er sagt nur so viel: „Es ist immer so, dass in solchen Situationen etwas kaputtgehen kann im Innenverhältnis.“ Eine Wegmarke für Werder? Das seien die Spiele „nicht direkt“ gewesen, wohl aber „noch mal beflügelnd“, über die beiden Finalspiele hinaus. Das im Uefa-Cup verliert Werder, dafür geht der DFB-Pokal nach Bremen, es ist Baumanns letztes Spiel. Danach, 2009/10, spielt Werder noch einmal eine „sehr gute“ Bundesliga-Saison, erreicht die Champions League, zum sechsten Mal in sieben Jahren. Doch es folgt ein schmerzlicher Niedergang. „Es gab einige Dinge, die nicht so funktioniert haben“, sagt Baumann und zählt kapitale Transfer-Irrtümer des lange Jahre so erfolgreichen Führungsduos Schaaf/Allofs auf: Carlos Alberto, Wesley, Marin, Arnautovic. „Wenn bei einem Klub wie Werder die teuren Investments nicht passen“, sagt Baumann, „wird es schwierig.“ Es folgen Bremer Minusjahre, bilanziell und sportlich, „ein sehr schmaler Grat“, wie Baumann über den Weg sagt, den sein Vorgänger Thomas Eichin zu beschreiten hatte. Was er nicht sagt: dass in dieser Zeit noch etwas anderes verlorenzugehen drohte. Die Identität des Klubs, das Werder-Gefühl.

Frank Baumann
Frank Baumann : Bild: EPA

Jetzt, Anfang 2018, ist dieses Gefühl zurück, es herrscht Optimismus in der Stadt, obwohl Werder sich nach wie vor in akuter Abstiegsgefahr befindet, manche sprechen gar von einem „Hype“, was Baumann wiederum nicht recht ist. „Wir mussten fast schon dagegen ankämpfen“, sagt er. Aber es gibt den Glauben, die Hoffnung jedenfalls, dass mit ihm als Sportchef und Florian Kohfeldt als Trainer endlich wieder dauerhaft bessere Zeiten anbrechen. Den 35 Jahre alten Kohfeldt zum Chefcoach zu machen, das war Baumanns Entscheidung – seine wichtigste. Viele in Bremen wünschten sich eine große Lösung, einen bekannten Namen, Baumann klapperte sie ab, holte sich Absagen ein, hatte aber stets seinen Favoriten im Kopf, zum dritten Mal nach Viktor Skripnik und Alexander Nouri wurde ein U-23-Trainer befördert. „Es hätte leichtere Entscheidungen gegeben, als Florian zum Cheftrainer zu machen“, sagt Baumann, der dafür viel Kritik einstecken musste, „aber wenn wir handeln, dann, weil wir davon überzeugt sind, und nicht, um die Öffentlichkeit vielleicht kurzfristig zu beruhigen.“

Eine gewisse innere Ruhe, selbst in der Krise, während der Nachbar aus der größeren Hansestadt seit Jahren irgendwie von außen getrieben wirkt – das ist, findet Baumann, nicht nur „wichtig für die Kabine“, die Spieler also. Es strahlt auch auf die Fans ab, die eine eigene, eine positive Kultur des Abstiegskampfs geschaffen haben. Einen „Standortvorteil“ nennt Baumann, der leise Franke, das stabile Bremer Betriebsklima. „Vielleicht“, sagt er „hat das auch mit der Situation als kleinstes Bundesland zu tun, dass der Bremer gerne zusammenhält.“ Gewiss sogar. Das gallische als bremisches Dorf – so sehen sich die Bremer gern, was die Rolle im Vergleich zum selbstbewussten und dabei auch selbstverliebten Hamburg schon von Haus aus komfortabel macht.

Aber Baumann ist nicht blauäugig. Er betont, dass auch in Bremen kontrovers diskutiert und manchmal auch gestritten wird – nur, dass es nicht so leicht nach außen dringt. „Es gibt ja häufig den Vorwurf, dass wir hier im eigenen Saft schmoren“, sagt er und weiß: Hätte es mit Kohfeldt nicht geklappt, wäre auch er in Bedrängnis geraten. „Definitiv, das ist so“, sagt er und fügt noch so einen unaufgeregten, aber auch ein bisschen schelmischen Baumann-Satz hinzu: „Das Momentum war und ist ganz positiv.“

Er hätte auch sagen können: Die Kugel rollt in die richtige Richtung.

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