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Bayer Leverkusen : Mit „Bosz-Fußball“ zurück in die Erfolgsspur?

  • -Aktualisiert am

Zur Rückrunde übernimmt Peter Bosz Bayer Leverkusen. Bild: dpa

Bosz-Fußball – in Leverkusen wird unter dem neuen Trainer ein anderer Spielstil Einzug halten. Das kommt den hochveranlagten Bayer-Spielern entgegen, birgt aber Risiken in der Defensive.

          Komplexe Auswertungen von seiner Analyseabteilung brauchte Dieter Hecking nicht, um eine Ahnung davon zu bekommen, was ihn und seine Mönchengladbacher am Samstagnachmittag bei Bayer Leverkusen erwarten wird. „Die spielen jetzt Peter-Bosz-Fußball“, sagt der Gladbacher Trainer nach dem Videostudium der drei Testspiele, die die rheinische Werkself unter ihrem neuen Chefcoach aus den Niederlanden absolviert hat. „Bosz-Fußball“ also, der Fußball-Lehrer aus dem Ort Apeldoorn, hat tatsächlich etwas geschafft, was kaum einem anderen Kollegen in so kurzer Zeit gelungen ist: Sechs Monate beim BVB im Jahr 2017 reichten aus, um „Bosz-Fußball“ zu einem aussagekräftigen Begriff zu machen, zu einer Marke. Wobei etwas unklar ist, ob dieser spezielle Stil nun eher bewundert und gefürchtet werden sollte. Ist die Spielidee dieses Fachmanns ein schlaues Erfolgskonzept? Oder eher eine hoch riskante Idee, die vielleicht bei einem Spitzenteam in der heterogenen holländischen Eredivisie funktionieren mag, nicht aber in der tückischen Bundesliga?

          Selbst der große Pep Guardiola stellte wenig wenige Wochen nach seiner Ankunft beim FC Bayern 2013 ehrfürchtig fest: „Die Bundesliga ist eine Konter-Liga.“ In keinem anderen nationalen Wettbewerb auf ähnlichem Niveau wird ähnlich versiert auf schnelle Gegenstöße gelauert, und Boszs Dortmunder wurden in seiner Zeit immer wieder ganz böse ausgekontert. Anfangs hatten sie damals noch Glück, dass viele Gegner allzu verschwenderisch mit ihrem üppigen Chancenreichtum umgingen, doch irgendwann hagelte es Gegentreffer. Bei eigenem Ballbesitz allerdings bot der BVB einige Wochen lang ein wildes Spektakel, und dass diese Rückrunde in Leverkusen ebenfalls das Potential zu dieser Art der großen Fußballunterhaltung hat, deuten die drei Testspiele an, die das Team unter ihrem neuen Trainer absolvierte. „Ich sehe im Training und in den Tests, dass die Spieler immer besser verstehen, was wir wollen“, sagt Bosz.

          Es zeichnet sich eine 4-3-3-Formation ab, in der vor Viererkette nur ein Sechser spielt (Charles Aranguiz), der für die Absicherung von gleich fünf Offensivleuten zuständig ist: Julian Brandt und Kai Havertz, die eine Doppelacht hinter dem Dreierangriff bilden (Karim Bellarabi, Kevin Volland, Leon Bailey). Brandt wirkt auf der ungewohnten Position wie befreit, Bellarabis Steigerung hatte sich schon vor Weihnachten angekündigt, der große Gewinner der Vorbereitung war aber Bailey, nicht nur wegen seiner insgesamt drei Treffer. „Wir adaptieren das neue System schnell, das ist genau mein Spielstil, und auch, wenn noch viel Arbeit vor uns liegt, sind wir auf dem richtigen Weg“, sagt der Jamaikaner.

          Mit „Bosz-Fußball“ zurück in die Erfolgsspur?

          Zwar waren in den Partien gegen Twente Enschede (4:0), PEC Zwolle (3:1) und Preußen Münster (4:2) auch einige der bekannten Bosz-Probleme in der Defensive zu erkennen, doch erstmal sind alle froh über das Gefühl der Befreiung nach dem bleiernen Herbst mit seinem Vorgänger Heiko Herrlich, der zwar die letzten drei Partien vor Weihnachten gewann, aber keine echte Freude mehr im Team erzeugen konnte. Bosz hingegen verbreitet Aufbruchstimmung, und er verkörpert die Rückkehr des Klubs zu seinen Wurzeln, glaubt Simon Rolfes. „Einen offensiven Ansatz zu haben, den Ball haben zu wollen, kreativ zu agieren, den Gegner unter Druck zu setzen, dafür steht Bayer 04 ja in fast all den Jahren, das ist auch der Reiz, den unser Verein ausmacht“, sagt der Sportdirektor in einem Interview mit dem „Kicker“.

          Hoffnungsträger zu Felde: Kai Havertz soll Boszs Ideen bei Bayer Leverkusen umsetzen.

          Offenbar hat der neue Trainer eine Art Rückbesinnung angestoßen, die Selbstfindung eines irgendwie wie auf der Erfolgssuche verirrten Klubs. Denn die Sache mit dem Druck auf den Gegner war zwar auch unter Boszs Vorgängern Roger Schmidt und Heiko Herrlich wichtig, doch wenn die Leverkusener zuletzt „erfolgreich waren, dann eher aus der Kontersituation heraus“, sagt Rolfes. Schmidt trat bei Bayer 04 als einer der überzeugtesten Anhänger der Ralf-Rangnick-Schule an, in deren Weltbild Ballbesitz eher stört, weil sich die größte Wahrscheinlichkeit auf eigene Treffer in den ersten Sekunden nach Balleroberungen ergibt. Bei Rasenballsport Leipzig hat sich aber auch Rangnick weiter entwickelt, ist flexibler geworden. Die Erkenntnis, dass Spitzenteams gerade in Partien gegen schwächere Gegner gestalterische Lösungen nach langen eigenen Ballbesitzphasen finden müssen, ist auch bei den Balleroberungs-Dogmatikern angekommen. Unter Bosz sollen die Leverkusener wieder Dominanz durch die eigenen fußballerischen Fähigkeiten und nicht mehr so sehr durch die Provokation von Fehlern beim Gegner erzeugen. Besonders die Angreifer scheinen davon zu profitieren, „wir haben viele Spieler, die mit seiner Art Fußball sehr gut zurechtkommen“, glaubt Rolfes.

          Die große Frage wird aber sein, ob der 55 Jahre alte Trainer und seine Spieler gemeinsam eine funktionierende Balance zwischen offensiver Risikobereitschaft und defensiven Absicherungsmechanismen finden. In den ersten drei Pflichtspielen des neuen Jahres trifft Bayer Leverkusen gleich auf drei Teams aus dem oberen Tabellendrittel: Mönchengladbach (am Samstag um 15.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-Bundesliga und auf Sky), Wolfsburg und München. Nach diesen Duellen wird vielleicht erkennbar werden, ob Peter Bosz in Leverkusen findet, was er in Dortmund vergeblich suchte: ein Konzept, das sowohl zu seinem Team als auch zu dieser Liga passt.

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