https://www.faz.net/-gtm-a0ppa

Widerstand gegen Clemens Tönnies : „Schalke ist kein Schlachthof!“

  • -Aktualisiert am

Im Fokus: Schalkes Aufsichtsratschef Clemens Tönnies Bild: dpa

Clemens Tönnies gerät wegen des massenhaften Ausbruchs von Corona-Infektionen in seinem Fleisch-Unternehmen immer stärker unter Druck. Nun gehen Schalke-Fans auf die Barrikaden.

          2 Min.

          Ins Stadion dürfen die Anhänger des FC Schalke weiterhin nicht, doch der Leidensdruck ist mittlerweile so groß, dass sie sich trotzdem am kommenden Samstag versammeln wollen, um ihren Zorn zu proklamieren. „Schalke ist kein Schlachthof! Gegen die Zerlegung unseres Vereins“ lautet das Motto, unter dem mehrere Fanorganisationen zum Protest aufgerufen haben, der sich nur am Rande gegen den Trainer, die Sportliche Leitung oder die Geschäftsführung richtet.

          Bundesliga

          Im Mittelpunkt der Kritik steht der Aufsichtsratsvorsitzende Clemens Tönnies, der mit seinen Methoden als Fleischfabrikant zum Milliardär wurde. In diesen Tagen sieht nun erstmals eine breite Öffentlichkeit zu welchem Preis: Die Billigfleischindustrie ist nicht nur grausam für Mitarbeiter und Tiere, sie bietet auch ein Umfeld, in dem das Coronavirus besonders günstige Bedingungen zur Weiterverbreitung vorfindet.

          Damit spüren offenbar immer mehr Menschen, die sich dem FC Schalke verbunden fühlen, wie die schweren Schäden am Ruf von Clemens Tönnies mehr und mehr auch auf den Verein ihres Herzens abfärben. Schon zu Beginn der Saison hatte der Schalker Fanblock im DFB-Pokal in Drochtersen nach rassistischen Aussagen des Aufsichtsrats klar Stellung gegen den Patriarchen bezogen. Inzwischen ist Tönnies das Gesicht der Corona-Krise im Kreis Gütersloh. Am Montagabend hatte ein Pfarrer, der Tönnies-Mitarbeiter betreut, in der TV-Sendung „Hart aber fair“ Vergleiche zur „Mafia“ gezogen und von „Kriminellen“ gesprochen, als es um die Methoden des Unternehmens ging. All das trifft auch viele Schalker, die Tönnies seit 2001 immer wieder zum Chef des Aufsichtsrats gewählt haben. Jetzt wächst der Widerstand.

          Trennung gefordert

          Am Dienstagmorgen hingen an verschiedenen Stellen in Gelsenkirchen Banner mit Botschaften, auf denen eine Trennung von dem mächtigen Klubchef gefordert wird: „Keine Ausbeutung bei S04 – Tönnies raus“ oder „Leitbild leben, statt Werte schlachten“. Am Montag erschien überdies ein klug formuliertes Pamphlet aus der Ultra-Szene, in dem den Verantwortlichen der „Ausverkauf der Schalker Werte“ vorgeworfen wird. Für die Peinlichkeiten und die Rekordserie von 15 Spielen ohne Sieg sei nicht der Trainer David Wagner verantwortlich, sondern „vor allem die Gremien und Vereinsverantwortlichen, die unseren Verein Woche für Woche der Lächerlichkeit preisgeben und jeglichen Kontakt zur Gelsenkirchener Realität verloren zu haben scheinen“. Die ganze Saison sei „eine moralische Bankrotterklärung“.

          Die Liste der Fehltritte ist spektakulär. Nach Tönnies’ rassistischer Entgleisung im vergangenen Sommer forderte der FC Schalke Inhaber von Tickets für die Geisterspiele auf, einen „Härtefallantrag“ zu stellen, wenn sie die ihnen zustehende Rückzahlung erhalten wollten. Sie sollten „genaue Informationen“ über ihre „persönlichen Lebensumstände“ übermitteln und „entsprechende Belege“ einreichen. Es folgte die Entlassung von 24 Minijobbern aus dem Fahrdienst. In diese Entscheidungen war Tönnies zwar nicht eingebunden, deshalb richtet sich die Skepsis auch gegen die Vorstände Alexander Jobst und Jochen Schneider. Kritiker erkennen in solchen Vorgängen aber den Geist des Unternehmers.

          Kenner der Strukturen des Revierklubs sehen die Hauptursache für den Schalker Niedergang, der eine wirtschaftliche, eine sportliche und eine moralische Dimension hat, schon länger in dem 64 Jahre alten Tönnies. Es gibt etliche ehemalige Funktionäre, die bestätigen, dass Tönnies, der in seiner Funktion eigentlich nur ein Kontrolleur sein sollte, die prägende Instanz für die Strategie und die Unternehmenskultur auf Schalke ist. Seit 2001 ist er im Amt, alle Geschäfte, die ein Volumen von 500.000 Euro übersteigen, müssen vom Aufsichtsrat freigegeben werden. Kein Spieler werde ohne Tönnies verpflichtet, kein Profivertrag werde ohne seine Zustimmung verlängert, kein Trainer entlassen, kein Sportchef eingestellt, heißt es. Neben Peter Peters, der sein Amt als Finanzvorstand nach der Saison niederlegt, ist Tönnies die einzige große Konstante auf Schalke. In fast zwei Jahrzehnten, in denen die Mannschaft immer sehr teuer war, die Sehnsucht nach dem Meistertitel aber unerfüllt blieb.

          Weitere Themen

          Klopps erster Sieg als englischer Meister

          2:0 gegen Aston Villa : Klopps erster Sieg als englischer Meister

          Nach dem Gewinn des Meistertitels auf der Couch musste Liverpool zehn Tage bis zum ersten Erfolgserlebnis auf dem Platz warten. Gegen Aston Villa löst Sadio Mané den Knoten. In Spanien kommt derweil Real dem Titel näher.

          Topmeldungen

          Truppen der Libyschen Nationalen Armee, die von General Haftar kommandiert wird

          Nach Vorstoß von Röttgen : SPD sieht Blauhelm-Mission in Libyen skeptisch

          Eine Debatte über eine UN-Truppe gehe gegenwärtig „an den Realitäten“ vorbei, sagt SPD-Außenexperte Schmid. Derweil herrscht Unklarheit über den Angriff einer „ausländischen Luftwaffe“ auf eine wichtige Militärbasis der libyschen Einheitsregierung.
          Ein provisorisches Krankenhaus für die Corona-Infizierten in der Stadt Lleida.

          Corona- und Wirtschaftskrise : Spaniens Kampf ums Überleben

          Das südeuropäische Land muss wegen des heftigsten Corona-Ausbruchs seit der Öffnung neue Ausgangssperren verhängen. Und auch wirtschaftlich sieht es düster aus: Ministerpräsident Sánchez kämpft um die Kredite und Zuschüsse der EU.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.