https://www.faz.net/-gtm-9pjmn

Widerstand gegen 50+1 : Die Kursänderung des Martin Kind

  • -Aktualisiert am

Mit seiner Kritik wurde Martin Kind, Geschäftsführer der Profiabteilung bei Hannover 96, eine Reizfigur bei der Debatte um die 50+1-Regel. Bild: dpa

Mit seiner Kritik an der 50+1-Regel wurde Martin Kind zur Reizfigur. Jetzt zieht der langjährige Boss von Hannover 96 seinen Antrag auf eine Ausnahmeregelung zurück. Für die erste und zweite Bundesliga ist das keine gute Nachricht.

          Seit Jahren ist sein Name fest mit der 50+1-Regel verbunden. Martin Kind hatte sich als Chefkritiker einer umstrittenen Regelung im Fußball etabliert, die Deutschlands Profivereine vor einem zu starken Einfluss von Investoren schützen soll. Jetzt ist bekanntgeworden, dass der langjährige Boss von Hannover 96 seinen Kurs ändert. Seinen Antrag auf eine Ausnahmegenehmigung hat der sonst eher streitbare Kind zurückgezogen. Auf Rückfragen, was dieser Sinneswandel zu bedeuten hat, bittet der Verein zu verzichten. Kind werde sich in Kürze dazu erklären, warum sich das Schiedsgericht der Deutschen Fußball Liga (DFL) nicht mehr mit seinem vermeintlichen Lieblingsthema befassen soll.

          An der 50+1-Regel reiben sich die Traditionalisten und Modernisierer im deutschen Profifußball. Kind ist weiterhin der Grundüberzeugung, dass er und weitere Geldgeber des Wirtschaftsunternehmens Hannover 96 bei allen wichtigen Entscheidungen das letzte Wort haben sollten – und nicht der Stammverein mit seinen Mitgliedern. Nach mehr als 20 Jahren in der Verantwortung und aktiven Finanzförderung wollte er zu seinen Gunsten eine entsprechende Sonderregelung erstreiten. 2018 hatte ihn die DFL damit ins Leere laufen lassen. Seitdem liegt der Streitfall in der Obhut eines Schiedsgerichtes mit erstaunlich langen Bearbeitungszeiten.

          Kind mit seiner Beharrlichkeit und die 50+1-Regel mit ihren Ungereimtheiten bleiben in ihrem Zusammenwirken ein Kuriosum. Warum darf die Kapitalseite beim VfL Wolfsburg, bei Bayer Leverkusen und der TSG Hoffenheim das Sagen haben? Warum bleibt das bei allen anderen Vereinen der ersten und zweiten Liga verboten? Und warum ist das Thema für Kind plötzlich nicht mehr so wichtig? Die Antworten auf diese Fragen bleiben aus. Tatsache ist: Kind wurde mit seinem Ansinnen in eigener Sache und im Auftrag von Hannover 96 über Monate vertröstet. Das grundlegende Interesse auf Seiten der DFL, eine in die Jahre gekommene Regel endlich einmal zu überarbeiten, ist allem Anschein nach überschaubar.

          Es bleibt fraglich, ob Kind komplett zurückrudert oder ob für ihn zunächst regionale Belange im Vordergrund stehen. Seit März 2019 führt er nicht mehr den Stammverein Hannover 96 an, sondern konzentriert sich auf seine Rolle an der Spitze der für das Profigeschäft maßgeblichen Gesellschaft. Mit seinem Nachfolger Sebastian Kramer, der vom engagierten Fan zum nebenberuflichen Vereinspräsidenten aufgestiegen ist, gibt es diverse Annäherungsversuche und Hintergrundgespräche. Beide haben grundlegend verschiedene Meinungen darüber, was den bezahlten Fußball und dessen Wurzeln angeht. Sie eint die Sorge, ob Hannover 96 auf lange Sicht wettbewerbsfähig bleiben kann. Die Profiabteilung schreibt nach zwei Abstiegen aus der ersten Liga innerhalb von drei Jahren rote Zahlen. Der Stammverein nähert sich parallel dazu der Gefahr einer Insolvenz an. Für Kind und Kramer dürfte es vorerst wichtiger sein, Lösungen im Sinne von Hannover 96 zu erarbeiten, anstatt gegenüber der DFL die Säbel rasseln zu lassen. Sonst endet das langjährige Bemühen darum, aus einem niedersächsischen Traditionsverein eine bundesweit erfolgreiche Marke zu machen, als folgenschwerer Pyrrhussieg.

          Die Tatsache, dass Kind nicht mehr auf eine Ausnahmeregel für sich und das in die Zweite Bundesliga abgerutschte Hannover 96 drängt, ist mit Blick auf die Zukunft der beiden Bundesligen im Fußball keine gute Nachricht. Die Solidargemeinschaft aus 36 Klubs konnte sich bisher gewissermaßen hinter einem 75 Jahre alten „Querulanten“ verstecken. Alle wissen, dass es rund um die 50+1-Regel gärt und ihre Reglementierungen nur bedingt im Einklang mit EU-Recht stehen. Aber alle haben Kind erst einmal machen lassen, der es in Kauf genommen hat, mit seiner Sicht der Dinge zur Reizfigur an diversen Fronten aufzusteigen. Kind ist sich weiterhin sicher: Außerhalb der DFL-Zuständigkeit würde es ihm vor einem ordentlichen Gericht problemlos gelingen, die 50+1-Regel ganz zu kippen.

          Weitere Themen

          Das sind die Gewinner Video-Seite öffnen

          Wettkampf auf Surf Ranch : Das sind die Gewinner

          Zum zweiten Mal fand eine Etappe der World Surf League auf Kelly Slaters künstlicher Welle statt. Der Brasilianer Gabriel Medina gewann zum zweiten Mal.

          Topmeldungen

          Länger leben : Kerle, macht’s wie die Frauen

          Von der Gleichstellung der Geschlechter profitieren auch Männer – sie sind gesünder und leben länger. Die regionalen Unterschiede, die in einer Studie sichtbar werden, überraschen.
          Viele Fragen an den Präsidenten in der Whistleblower-Affäre: Donald Trump beantwortet Reporterfragen vor dem Weißen Haus.

          Telefonat mit Selenskyj : Trumps Erpressung

          Für Donald Trump ist das Telefonat mit dem ukrainischen Präsidenten nicht verwerflich. Er sieht nichts Schlimmes darin, seine Macht zu nutzen, um politischen Konkurrenten wie Joe Biden zu schaden. Dabei beginnt der Skandal schon an anderer Stelle.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.