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Wettbetrug im Fußball : Die letzte Chance?

„Keine greifbaren Merkmale”: DFB-Präsident Theo Zwanziger Bild: dpa

Im Bochumer Wettskandal-Prozess deutet sich ein zügiges Ende an. Für die Zeit nach Sapina und Co. denkt der Fußball mal wieder darüber nach, wie sich Betrug vermeiden lässt. Schon jetzt steht fest: Auf den Staat allein sollte sich keiner verlassen.

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          Und plötzlich ist Zug im Spiel. „Noch fünf bis sechs Verhandlungstage“, sagte Staatsanwalt Andreas Bachmann am vergangenen Montag in Bochum, würde es wohl dauern, bis Urteile gesprochen werden im Wettskandalprozess gegen Ante Sapina, Marijo Cvrtak und weitere Angeklagte. Cvrtak ist in 46 Fällen angeklagt, Sapina werden 43 Manipulationen vorgeworfen, und trotzdem steht, was Mitte März noch nach einem Mammutprozess ausgesehen hat, nun vor einem raschen Ende. Geben die Angeklagten zu, dass der Betrug auf dem Fußballplatz zu ihrem Alltag gehört hat, profitieren sie vom Alltag im Gerichtssaal: Es dürfte einen Deal zwischen Staatsanwaltschaft und Verteidigern geben, zumal daran auch die Richter ein gesteigertes Interesse haben. „Ökonomische Prozessführung“ ist das Stichwort angesichts der Aktenflut im deutschen Justizapparat — der Wettskandal allein hat bislang Zehntausende Seiten produziert. Und selbst wenn es doch noch ein bisschen länger dauert, bis sich die Beteiligten darüber einig sind, welche Strafe es für welches Geständnis gibt: Der Fußball steht vor der Post-Sapina-Zeit und ist offenkundig in keiner angenehmen Lage.

          Sepp Blatter, Präsident des Fußball-Weltverbands Fifa, sprach am vergangenen Wochenende auf einem Kongress zur Sportfinanzierung und Sportwetten von einer „Geiselhaft“, in die der Fußball von der Wettmafia genommen worden sei — und rief im nächsten Satz nach staatlicher Hilfe. Wie die aussieht, dafür liefert das Bochumer Verfahren das beste Beispiel. Fahndern und Ermittlern kann es gelingen, Betrügern auf die Schliche zu kommen, im besten Fall gelingt es ihnen sogar – wie bei Sapina und Co. – Netzwerke aufzudecken. Vor dem Gesetz aber sind Spielmanipulateure nur gemeine Verbrecher — eine Branche unter vielen. Drängt die Prozessökonomie, bleibt das Interesse der Verbände an „lückenloser Aufklärung“ zwangsläufig auf der Strecke. Dann wird manche Zeugenaussage überflüssig, bleibt im Zweifel unklar, welche Rolle mancher Spieler tatsächlich gespielt hat.

          Und selbst Akteneinsicht in die Ermittlungsergebnisse der Staatsanwaltschaft führt offenbar auch nicht immer zu nachhaltigem Erkenntnisgewinn – sagte DFB-Präsident Theo Zwanziger doch Ende Februar dem Sportausschuss des Bundestages, es gebe „keine greifbaren Merkmale“, dass hierzulande Partien wirklich illegal beeinflusst worden seien. Um der mindestens fahrlässig naiven Aussage zu widersprechen, brauchte Staatsanwalt Bachmann keine 24 Stunden. Ohnehin ändern verbale Fehlpässe nichts an der Tatsache, dass die Fußball-Verbände, verlassen sie sich auf staatliche Hilfe allein, den Wettbetrügern weiterhin verlassen gegenüber stehen werden. Denn Staatsanwälte pflegen gemeinhin, erst dann aktiv zu werden, wenn sie Erkenntnisse über bereits geschehene oder zumindest unmittelbar bevorstehende Straftaten haben. Insoweit arbeiten sie analog zu sogenannten „Früh-Warn-Systemen“, die auf manipulierte Spiele hinweisen sollen.

          „Geiselhaft”: Fifa-Präsident Blatter

          In Zeiten, in denen bis zu achtzig Prozent der Wetten online plaziert werden, während die Spiele schon laufen, können sie vor verdächtigen Quotenverschiebungen erst warnen, wenn es schon zu spät ist. Ohne Betrugsprävention in den eigenen Reihen wird es für die Verbände also kaum gehen, zumal nicht nur Sapinas Anwalt Stephan Conen festgestellt hat, dass tatsächliche Aufklärung bislang „nahezu ausschließlich“ von Zockern kam – kaum ein Spieler aber bislang seine Manipulationen zugegeben hat.

          Einen Anfang will in diesen Tagen die Deutsche Fußball-Liga (DFL) machen. Geschäftsführer Christian Seifert sagte auf derselben Veranstaltung wie Blatter, für saubere Spiele der 36 deutschen Bundesligavereine lege er „seine Hände ins Feuer“, vergaß aber wohlweislich nicht, dabei das Wort „weitgehend“ betont deutlich einzufügen. Seit dem vergangenen Jahr kooperiert die DFL mit Transparency International, in Kürze soll ein Ombudsmann präsentiert werden, der anonyme Hinweise auf krumme Touren entgegen nehmen soll. Sylvia Schenk, Leiterin der Arbeitsgruppe Sport bei der Anti-Korruptions-Organisation, spricht von einem Projekt, mit dem die Welt „nicht nach drei Jahren in Ordnung“ sei: „Ich habe gedacht: Wow, was für eine Herausforderung. Ich kann nicht davon ausgehen, dass alles, was wir machen, gleich erfolgreich sein wird. Aber wir kriegen das hin.“

          Entscheidend für die präventiven Erfolge eines Ombudsmanns sei seine Qualifikation. „Er muss zum Beispiel der professionellen Schweigepflicht eines Anwalts unterliegen. Wenn ich eine solche Anlaufstelle unprofessionell organisiere, verheize ich das Instrument. Das zeigt der Versuch des Deutschen Olympischen Sportbundes mit seinen Anti-Doping-Vertrauensleuten.“ Der olympische Sport hatte auf Sportler gesetzt, die Hinweise auf unlautere Methoden von Kollegen entgegennehmen sollten — sie blieben weitgehend beschäftigungslos. Ein Ombudsmann aber kann erst erfolgreich arbeiten, wenn er Hinweise bekommt. Der Fußball hat nun eine Chance, es besser zu machen. Er muss sie nutzen, denn viele weitere wird er nicht bekommen.

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