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Werder und Kohfeldt : Zeichen eines leisen Abschieds

Geht noch was? Die Bremer Verantwortlichen glauben weiter an die Qualitäten von Florian Kohfeldt. Bild: dpa

Werder Bremen will keinen Retter von außen und setzt daher weiter auf die Erklärungsmuster von Trainer Florian Kohfeldt. Doch der Trainer hat fußballerisch keinen allumfassenden Plan mehr, überzeugt nur noch als Rhetoriker.

  • -Aktualisiert am
          3 Min.

          Die Abläufe ähneln sich seit Monaten verblüffend. Erst erzählt Geschäftsführer Frank Baumann, wie Werder Bremen den Klassenverbleib mit dem Trainer Florian Kohfeldt schaffen will. Meist kriegen dann die Spieler ihr Fett weg. Dann, nach der Pressekonferenz, legt Kohfeldt ruhig, sachlich und nachvollziehbar dar, warum er weiterhin an seine Mannschaft glaube. In leichten Schattierungen war das so nach dem 0:1 gegen Paderborn Ende 2019 zu erleben, später auch nach den Niederlagen gegen Mainz oder vor zwei Wochen gegen Union Berlin – und nun auch nach dem 0:2 gegen Borussia Dortmund.

          Werder hat in dieser verflixten Saison erst einmal zu Hause gewonnen; Kohfeldts Team hat nur zwei Siege aus den vergangenen 14 Partien errungen. Heimstärke kann nicht der Strohhalm sein, an den sich der SV Werder klammert, Torgefahr auch nicht und Abwehrstärke erst recht nicht – die Bremer haben die meisten Gegentore. Nein, es ist weiterhin der Glaube an Kohfeldts Qualitäten, der bei den Bremer Verantwortlichen vorherrscht. Den Trainer nach dieser schwarzen Serie weiterarbeiten zu lassen ist auf Basis der Gesetzmäßigkeiten der Bundesliga ein mittelschweres Wunder, und es gibt wohl keinen Fan der Grünweißen, der sich in erhitzten Diskussionen mit Gleichgesinnten nicht schon einmal mit dem Namen Bruno Labbadia beschäftigt hätte. Aber Werder will keinen Retter von außen; Werder, zumindest Baumann und Chefkontrolleur Marco Bode, wollen Kohfeldt. Zur Not auch in der zweiten Liga.

          Bundesliga

          Florian Kohfeldt saß auch nach dem 0:2 gegen Dortmund am Samstagabend ruhig da und sezierte das Spiel – ein Spiel, in dem ihm die Defensivleistung 50 Minuten lang gut gefallen hatte. Ja, es war mutig, mit einer aus Leo Bittencourt und Davy Klaassen bestehenden Doppelsechs aufzulaufen. Sperren und Verletzungen ermöglichten nichts anderes. Und ja, Werder hatte das Dortmunder Spiel eine knappe Stunde lang erstickt. Allerdings zu Lasten der eigenen Offensive: Da kam gar nichts. Stürmer Davie Selke sagte: „Wir hatten einen defensiven Plan. Wir wollten offensive Nadelstiche setzen, aber das hat nicht so geklappt. Das Positive ist, wie wir viele unangenehme defensive Meter gemacht haben.“

          Wie ein niederklassiges Pokalteam

          Werder Bremen spielt in Partien gegen überlegene Teams in der Grundordnung und Ausrichtung eines niederklassigen Pokalteams; auch die Wortwahl zeigt, dass man sich mit Leipzig oder Dortmund nicht mehr auf gleicher Höhe wähnt, sondern auf „Nadelstiche“ setzt. In der Rückrunde der Serie 2018/19 hatte Werder unter Kohfeldt noch aufgetrumpft, wenn es gegen die nominell Großen ging. Davon ist ein Jahr später nichts geblieben, und auch die Wechselwirkung mit den Fans fehlt. So wurde es wieder ein Heimspiel, das wie zuvor gegen Mainz und Union nicht mit einem begeisternden Schlussspurt endete, sondern stumpf auslief. Wo ist die Stimmung im Weserstadion geblieben? Das Team selbst hat sie nach schwachen bis desolaten Auftritten zu Hause vernichtet. Immerhin buht das Publikum die Mannschaft nicht in die Kabine. Alles wirkt wie ein leiser Abschied Werders aus der Bundesliga.

          50 gute Minuten gegen Dortmund, aber chancenlos, nachdem das 0:1 durch Zagadou in der 52. Minute gefallen war, dem Haaland das 0:2 in der 66. Minute folgen ließ. So blieb Florian Kohfeldt wieder nichts anderes übrig, als auf die wenigen Hoffnungen in dieser Spielzeit hinzuweisen. „Gegen Frankfurt und Hertha müssen wir punkten, um Chancen zu behalten“, sagte er. Es wird eine lange Woche für Werder, diese nächste: am Sonntag die Eintracht, dann wieder Frankfurt am Mittwoch im DFB-Pokal-Viertelfinale, drei Tage später die Partie bei Hertha BSC Berlin. Kohfeldt will weiter positiv denken: „Es ist nicht vorbei. Es ist definitiv nicht vorbei. Aber es ist dramatisch. Wir dürfen dabei nicht verkrampfen. Ich selbst bin voller Energie, diese Situation zu bewältigen, das strahle ich aus. Unser erster Schritt muss jetzt sein, das in Rationalität umzusetzen.“ Rational betrachtet will Kohfeldt in der langen Trainingswoche bis zum Eintracht-Spiel am offensiven Plan seiner Mannschaft arbeiten.

          Seit drei Wochen hat er eine „bessere Qualität“ im Training bemerkt. Verletzte sind zurück, andere Verletzte kommen in Form. Auf der Bank sitzen wieder Spieler, die tatsächlich eine Alternative sein können, keine Notlösungen. Maximilian Eggesteins Sperre läuft gegen Frankfurt ab. Es hatte Gründe, warum Kohfeldt all das aufzählte. Er nannte sogar Namen, ungewöhnlich genug, die er für stressresistent genug hält, um den nun endgültig zur Nervenprobe werdenden Abstiegskampf zu bewältigen: Eggestein, Klaassen, Kevin Vogt. Es ist schon kurios, aber in 20 Minuten schafft es Kohfeldt, seinen Zuhörern zu suggerieren: Die schaffen das. Mit diesem Trainer.

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