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Werder und Trainer Kohfeldt : Gefährliches Spiel auf Zeit

  • -Aktualisiert am

Immer noch da: Werder Trainer Florian Kohfeldt Bild: dpa

Wieder ist Werder Bremen standhaft geblieben und hat Trainer Florian Kohfeldt nicht ausgewechselt. Aber zu welchem Preis? Der Verein hat sich damit vor dem DFB-Pokal-Halbfinale keinen Gefallen getan.

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          Das letzte große Pokalspiel mit Bremer Beteiligung wirkt heute wie aus einer fernen Vergangenheit. Das Tosen im vollen Weserstadion, das Toben und das Treiben auf dem Rasen, die Wechselwirkung von Spielfeld und Rängen: Ist das wirklich erst ein gutes Jahr her? Werder Bremen ging es damals sportlich nicht viel besser als heute, finanziell aber schon, denn die Pandemie war eine chinesische Angelegenheit – weit weg. Wie entfesselt besiegte das Team von Trainer Florian Kohfeldt Borussia Dortmund in diesem Achtelfinale am 4. Februar 2020 mit 3:2 Toren. Aus dem Sieg sollte die Schubumkehr in Richtung gesichertes Mittelfeld der Bundesliga folgen. Daraus wurde nichts. Die Pandemie begann, hinterließ überall und auch in Bremen ihre Spuren. Ohne die elektrisierende Energie des Publikums im Weserstadion landete Werder in der Relegation.

          DFB-Pokal

          Dass eine Spielzeit am Rande des Abstiegs eine nächste und nächste nach sich ziehen kann, haben vor Werder schon die Nordrivalen aus Hamburg und Wolfsburg erfahren. Mit unterschiedlichem Ausgang. Auch die Bremer machen diese Erfahrung jetzt. Eine Krise, die wie im Mai und Juni 2020 den ganzen Verein durchschüttelt. Wieder sind Aufsichtsrat Marco Bode und Sportchef Frank Baumann standhaft geblieben und haben den Trainer nicht ausgewechselt.

          Längste Hängepartie in der Geschichte

          Aber zu welchem Preis? Die Zeit nach dem 1:3 beim 1. FC Union Berlin am Samstag bis zur Entscheidung pro Kohfeldt am Montagabend wird als längste Hängepartie in die Geschichte der Bundesliga eingehen. Das Ergebnis der stundenlangen Diskussionen als eines der unbefriedigendsten: Florian Kohfeldt, 38, bekommt das DFB-Pokal-Halbfinalspiel gegen RB Leipzig an diesem Freitag (20.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zum DFB-Pokal sowie in der ARD) um zu zeigen, dass er noch der richtige ist.

          Was das bedeutet, blieb im Ungefähren: Wird er nach einem 0:4 entlassen? Darf er nach einem Sieg im Elfmeterschießen weitermachen? Oder auch bei einer ehrenvollen Niederlage? In jedem Fall führt Werder seinen Trainer durch die Manege, was einen schlechten Eindruck hinterlässt. Kohfeldt selbst verhält sich wie am Ende der Saison 2019/20. Unverbogen verweist er auf seine Verweildauer im Klub; im Sommer werden es 20 Jahre sein. Wenn nun jemand glaube, er sei nicht mehr der richtige, werde er das akzeptieren. Die Werder-Führung wirkte hingegen kleinmütig, als warte sie auf Kohfeldts Rücktritt, um nichts selbst entscheiden zu müssen. Den Gefallen wiederum tat der Trainer ihnen nicht. Es gab viele Gründe, Kohfeldt nach sieben Niederlagen in sieben Spielen zu entlassen. Und es gibt auch genügend Anlass, die Zusammenarbeit mit Baumann zu beenden. Er steht für diesen phantasielosen Kader; zusammen mit Kohfeldt für einen grünweißen Fußball, der zu keinen Gedankenflügen mehr einlädt. Nun machen beide weiter – erst einmal.

          So gar nicht Werder-like

          Doch das Problem ist nur aufgeschoben. Ein gefährliches Spiel auf Zeit. Eingeklemmt zwischen Finanznot und fehlender Perspektive muss sich Werder für die kommende Saison ausrichten. Schon vor einem Jahr erschien es wagemutig, mit Kohfeldt weiterzumachen – er selbst hatte nach der Relegation ja um Bedenkzeit gebeten, ob es mit ihm und Werder weitergehen würde. Das scheint für die Spielzeit 2021/22 unmöglich. Zu geschwächt ist Kohfeldts Position. Tatsächlich braucht Werder einen frischen Impuls auf der Trainerbank. Und vielleicht auch in der Sportlichen Leitung. Das Spiel mit dem Feuer beginnt aber sofort.

          Denn sollte Kohfeldt die nicht formulierten Erwartungen gegen Leipzig unterlaufen, müsste doch wohl eine Trainerentlassung folgen und ein neuer Coach für das Spiel der 32. Runde gegen Bayer 04 Leverkusen am 8. Mai gefunden werden. Natürlich liegt der Gedanke nahe, dass der SVW die Angel längst ausgeworfen hat, dem Neuen aber eine Pokalpleite zum Debüt ersparen will. Dieser Umgang mit dem geschätzten Florian Kohfeldt wäre so gar nicht Werder-like. Für einen sofortigen Trainerwechsel hätte gesprochen, dass Kohfeldts Nachfolger mehr Zeit zum Kennenlernen und für die Vorbereitung des Leverkusen-Spiels bekommen hätte.

          So verfahren wie die Lage ist, kann nur ein Entfesselungskünstler sie lösen. Mit anderen Worten: Es braucht wieder ein Wunder von der Weser. Die Historie hält einige bereit. Doch es müsste ein Wunder mit Langfristwirkung sein, und wer mag daran in diesen Zeiten schon glauben?

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