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Werder Bremen : Neuanfang an der Weser

  • -Aktualisiert am

Polarisiert - trifft aber auch: Bremens Neuzugang Eljero Elia (im Foto links) Bild: dpa

Am liebsten würden sie den Saisonauftakt einfach ausradieren: Doch trotz der Pokal-Pleite in Münster startet Werder Bremen optimistisch in die neue Bundesliga-Spielzeit. Selbst Trainer Thomas Schaaf ist guter Laune.

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          Das Ausscheiden im Pokalwettbewerb kam Werder Bremen so richtig ungelegen. Natürlich ist dieser Satz eine Floskel. Doch auf den Werder-Jahrgang 2012/2013 passt diese einführende Einschätzung perfekt. Denn nach einer gelungenen Vorbereitung der auf entscheidenden Positionen veränderten Bremer schien eine Pleite im ersten Pflichtspiel kaum denkbar. Stattdessen lieferte die Niederlage in der Münsteraner Hitze am Sonntag Erkenntnisse, die niemand braucht, der den SV Werder der vergangenen Jahre kennt: Es haperte hinten an Stabilität und vorne an der Chancenauswertung.

          Am liebsten würden Trainer Thomas Schaaf und Sportdirektor Klaus Allofs diesen Saisonauftakt ausradieren, so tun, als habe es die Blamage bei den Preußen nicht gegeben. Die beiden sind so überzeugt von der Zusammenstellung ihrer neuen Mannschaft, dass eine Niederlage bei einem unterklassigen Klub die neue Rezeptur einfach nicht verderben darf. Da wäre ein gutes Spiel an diesem Freitag bei Borussia Dortmund (20.30 Uhr / Live im FAZ.NET-Ticker), verbunden mit einem guten Ergebnis, Balsam für die Werder-Seele.

          Wiese, Naldo und Pizarro - alle kehrten Bremen den Rücken

          Den 51 Jahre alten Schaaf hat man seit Jahren nicht mehr so gutgelaunt an der Weser erlebt. Seit 1999 formt er den Bremer Fußball - zuletzt mit Verschleißerscheinungen. Nun aber, mit neuen, jungen, spannenden Typen im Kader, blüht Schaaf auf. An seiner Sprache merkt man das nicht; auch nach dem Umbruch in allen Mannschaftsteilen bleibt er ein Meister der Lakonik: „Wir haben gesehen, dass wir Dinge verändern mussten. Ich denke, wir haben gute Ideen entwickelt.“ Die Dinge, die verändert wurden, sind keine Dinge, sondern Personen, die fortan nicht mehr zur grünweißen Entourage gehören. Claudio Pizarro, Tim Wiese, Naldo, Marko Marin und Marcus Rosenberg; sie alle haben Bremen den Rücken gekehrt. Nur Pizarro wollte Werder als Korsettstange des Neuaufbaus behalten. Aber die Bayern erschienen dem Peruaner im Schlussbogen der Laufbahn attraktiver.

          Was alles neu an der Weser ist, benötigte eigentlich ein eigenes Mannschaftsposter, zumal am Donnerstag als letzter Transfer noch der nigerianische Stürmer Joseph Akpala vom FC Brügge hinzukam, der einen Vertrag für vier Jahre erhielt. Klaus Allofs, der 55 Jahre alte Manager und Vereinsboss, begann schon während der Europameisterschaft mit der Renovierung und holte den Tschechen Theodor Gebre Selassie für die rechte Abwehrseite.

          Es folgten Düsseldorfs Assani Lukimya, der ehemalige Bayern-Stürmer Nils Petersen als Leihgabe, in Kevin de Bruyne ein großes Offensivtalent vom FC Chelsea und dann der Mann, der die Lager spaltet: 5,5 Millionen Euro überwies Werder an Juventus Turin, um in Eljero Elia den mutigsten Sturm zu komplettieren, den die Bundesliga in ihrer Jubiläumsspielzeit aufzubieten hat - links Elia, rechts Arnautovic, in der Mitte Petersen, wobei der neben den beiden Exzentrikern auf den Flügeln wie ein Konfirmand wirkt. Allofs nimmt den Hinweis auf den schlechten Ruf, den sich Elia zu seiner Hamburger Zeit erarbeitet hat, mit Humor: „Wenn man nie etwas riskiert, kommt man auch nicht voran. Wir sind im Fußball doch alle auch als Sozialarbeiter unterwegs.“

          Die Raute wurde eingemottet

          Es ist natürlich ein Wagnis, die Offensive auf die Schultern der beiden Außen zu setzen, die erst noch zeigen müssen, ob sie auch mal ein ganzes Jahr lang Spitzenleistungen bringen können. Oder nur ein paar Wochen wie Elia beim HSV. Oder nur ein paar Minuten wie Arnautovic bei Werder. Auch Petersen fehlt noch der Nachweis von Durchschlagskraft auf höchstem Niveau. Dass Schaaf Alternativen zu seiner offensiven Dreierkette hat, sah man in der Vorbereitung. Niclas Füllkrug und Kevin de Bruyne machten ihre Sache nicht schlecht; Aaron Hunt und Kapitän Clemens Fritz deuteten an, dass sie das Bremer Spiel auf Touren bringen können. Und Mehmet Ekici ist ja auch noch da. Zu den spannenden Umbesetzungen auf dem Feld (zu denen Sebastian Mielitz im Tor eigentlich nicht gehört, ihm ist die geräuschlose Nachfolge Wieses zuzutrauen) gehört auch eine taktische Neuausrichtung.

          Ihn hätten sie gerne behalten, doch Claudio Pizarro wollte zurück zu den Bayern

          Die Raute wurde eingemottet, angedacht ist ein variables 4-3-3, bei dem immer einer aus dem Mittelfeld dem defensiv orientierten Fritz helfen soll. Das könnte Junuzovic sein oder Ignjovski. Aus Bremer Sicht ist es absolut wünschenswert, dass das Team die Absicherung nicht vergisst. Zu durchlässig war das grünweiße Mittelfeld in den vergangenen beiden Spielzeiten. Allerdings darf niemand erwarten, dass Trainer Schaaf mit den Begleitern seiner Elf nun gar zu tief ins Thema Taktik einsteigt: Er habe nie behauptet, dass er mit drei Stürmern spielen lassen wolle, sondern lediglich, dass Werder gute Außenstürmer habe.

          Neue Profis und vielleicht auch ein neues System - Nils Petersen traf es ziemlich gut, als er bei der ersten Pressekonferenz der neuen Saison sagte: „Ich glaube, Werder ist dieses Jahr eine Wundertüte.“ Für Schaaf und Allofs ist diese explosive Mischung aber auch so etwas wie die letzte Chance: Jetzt haben sie wirklich an allen Stellschrauben gedreht, um ein neues, altes Werder zu erfinden.

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