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Werder Bremen : Unkontrollierte Offensive

  • -Aktualisiert am

Dynamik im Werder-Sturm: Max Kruse Bild: Reuters

Mit Max Kruse als Anführer: Nach Jahren des Zauderns und Zögerns trauen sich die Bremer wieder was zu vor dem Saisonstart gegen Hannover 96.

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          Max Kruse hängt jetzt überlebensgroß an einer Ecke des Weserstadions, 20 Meter vom Fan-Shop entfernt. „Wir trauen uns zu gewinnen“ steht auf dem Werbe-Plakat des neuen Ausrüsters. Und: „Wir trauen uns zu glauben.“ Beide Sprüche sind auf Englisch formuliert – und das klingt auch etwas schmissiger. Aber gemeint haben die Bremer genau das: Werder will sich wieder trauen. Nach fünf Jahren Abstiegskampf wird die Europa League angepeilt, in einigen Kreisen gilt Werder sogar als Kandidat für die Champions League.

          Der neue Mut nach Jahren des Zauderns und Zögerns hängt auch mit Max Kruse zusammen. Als im Juli der Holländer Davy Klaassen für 15 Millionen Euro aus Everton geholt wurde, wäre das nach der herkömmlichen Werder-Logik das Aus für Kruse gewesen. Es gab nun mehr als genug Offensivspieler, und Kruses Vertrag endet am 30. Juni 2019, so dass nur noch in dieser Ablöseperiode die Möglichkeit bestand, Geld zu verdienen. Doch Werder Bremen überraschte Anhänger und Liga – und hat nun Klaassen und Kruse. Im Kader stehen auch noch Milot Rashica, Martin Harnik, Yuya Osako und Claudio Pizarro als Fan-Bonbon. Das verspricht geballte Offensive. Irgendwann kommt zudem der verletzte Fin Bartels zurück.

          Abwechslungsreicher Kombinationsfußball

          Werder steht dank Trainer Florian Kohfeldt wieder für abwechslungsreichen Kombinationsfußball. Um das erfolgreich spielen zu können, braucht der 35 Jahre alte Cheftrainer Individualisten mit Drang zum Tor. Typen wie Kruse also. Der 30 Jahre alte Profi ließ seinen Arbeitgeber im Sommer schon ein wenig zappeln. Kruse, der Freund des Pokerns und Liebhaber schneller Autos, wird immer ein spezieller Kerl sein. Dann aber bekannte er sich zum Klub und wischte Wechselgerüchte vom Tisch.

          In Bremen und bei Kohfeldt kann er gedeihen. Als Star akzeptiert, als Vorbereiter und Torschütze unverzichtbar, hat der Trainer ihn nun zum Kapitän gemacht. Mehr Verantwortung – das ist ja auch immer der Versuch, den Tiger zu zähmen. Seine Freiheiten auf dem Platz und daneben wird Max Kruse behalten, aber seine Energieströme auf dem Feld sollen noch mehr nutzbar gemacht werden in einem Team, das eher still ist. Dabei hat Kruse selbst gemerkt, dass er mit positiver Kritik mehr erreicht als mit destruktiven Gesten: „Im Spiel werde ich schnell ungeduldig, wenn etwas nicht funktioniert“, verriet er dem Magazin „11 Freunde“, „und dieser Unmut ist deutlich ablesbar. Das ist nicht gut.“ Kruses Klasse und sein Ehrgeiz sollen die Bremer anleiten und wieder in die obere Tabellenhälfte führen, beginnend mit dem ersten Spiel an diesem Samstag gegen Hannover 96 (15.30 Uhr/ F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-Bundesliga und Sky).

          Mehr als nur Maskottchen: Claudio Pizarro soll Werder helfen
          Mehr als nur Maskottchen: Claudio Pizarro soll Werder helfen : Bild: dpa

          Dabei verbindet den Trainer und seinen wichtigsten Spieler eine enge Beziehung, die so zunächst gar nicht abzusehen war. Kruse gibt zu, dass er Ende Oktober 2017 stutzte, als nach Skripnik und Nouri nun der dritte Nachwuchscoach zum Cheftrainer aufstieg. In der Folge blieb Werder in allen zwölf Heimspielen unter Kohfeldt unbesiegt und zeigte auch auswärts einige begeisternde Auftritte. „Florian steht für eine Spielidee, mit der sich wirklich jeder im Verein und auf dem Platz identifizieren kann“, sagte Kruse dem „Kicker“: „Er hat die Mannschaft komplett erreicht.“ Nicht mehr die Vermeidung von Fehlern, sondern die Freude am Gestalten steht bei Werder im Vordergrund. Und das gefällt einem Risikospieler wie Kruse natürlich besonders gut. Er erwartet eine „sehr, sehr gute Saison“, und das wäre nach neuer Bremer Lesart einer der ersten sieben Ränge.

          Natürlich gibt es Fragezeichen hinter der Leistungsfähigkeit dieser Mannschaft. Keiner steckt ohne Grund jahrelang im Abstiegskampf, und auch die Vorsaison endete nur auf Platz elf, obwohl Kohfeldts Wirken erste Früchte trug. Es ist mutig, auf den klassischen Sechser Thomas Delaney zu verzichten (er ging nach Dortmund) und dafür den offensiv ausgerichteten Davy Klaassen auf der Position „Acht“ zu installieren. Trotz der doppelten Absicherung durch Philipp Bargfrede und Maximilian Eggestein dürfte Werder anfällig für Konter bleiben.

          Ein Risiko, das Kohfeldt in Kauf nimmt. Spiele im Weserstadion sollen aufregende Erlebnisse sein, die im Gedächtnis haften bleiben, ganz wie es Mitte der nuller Jahre dieses Jahrtausends war, als Werder unter Thomas Schaaf den schönsten Fußball der Liga aufführte. Dieser Schaaf ist nun als Technischer Direktor zurückgekehrt, aber nicht, um den Anfänger Kohfeldt zu überwachen oder zu coachen, sondern um die Durchlässigkeit von unten nach oben beim traditionell nachwuchsstarken SVW zu garantieren. Es spricht für Kohfeldt, dass er sich mit starken Charakteren wie Kruse, Pizarro und Schaaf umgibt. An seiner Autorität kratzt das nicht.

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