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Werder Bremen : Fünf vor zwölf

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Headhunter: Werder-Willi wird das Kind schaukeln, aber welches? Bild: picture alliance / Pressefoto UL

An diesem Sonntag (15.30 Uhr) spielt der SV Werder gegen Fortuna Düsseldorf - ohne Sportchef Allofs auf der Bank, der zwei Stunden später seinen ersten Auftritt für Wolfsburg gibt. Werder braucht dringend einen Sportchef. Willi Lemke ist gefordert.

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          Mit der runden Brille auf der Nase und der grünen Werder-Kappe auf dem Kopf wirkt Willi Lemke in diesen Tagen, als sei er nie weg gewesen. Irgendwie immergrün dieser 66 Jahre alte Marathonläufer - derzeit wieder dort zu beobachten, wo er zwischen 1981 und 1999 schon war: an der Spitze seines Lieblingsklubs. Lemke ist Werder Bremen in diesen unruhigen Tagen an der Weser. Er bildet die Spitze der Sportchef-Findungskommission nach dem Abschied von Klaus Allofs in Richtung Wolfsburg. An diesem Sonntag (15.30 Uhr im FAZ.NET-Liveticker) tritt Werder ohne Sportdirektor an - augerechnet gegen Fortuna Düsseldorf, den Verein, in dem Klaus Allofs als Spieler seine größten Erfolge in der Bundesliga feierte.

          Lemke kennt die Brisanz seiner Aufgabe, er liebt solche öffentlichkeitswirksamen Auftritte wie am Mittwoch. Lemke ist ein gewiefter Taktiker, als Politiker mit allen Wassern gewaschen, er weiß, dass Werder einen Volltreffer braucht - seinen Volltreffer. Lemke will nachweisen, dass der Klub auch ohne seinen internen Gegenspieler Klaus Allofs voll handlungsfähig ist. Dass das grünweiße Leben ohne den smarten, geschätzten, moderaten Allofs weitergeht. Dass er, Willi Lemke, immer noch am besten weiß, was für Werder gut ist.

          Seit Lemke 1999 nach 18 Jahren bei Werder auf den Posten des Bremer SPD-Bildungssenators wechselte, lenkten Klaus Allofs und Thomas Schaaf die Geschicke des SVW. Doch Werder-Willi war immer in Rufweite, auch als er 2007 auf den Posten des Sonderberaters Sport des UN-Generalsekretärs Ban Ki-moon rückte. Allerdings fand sein Wort wenig Gehör: Allofs absorbierte die Aufmerksamkeit, und auf Lemkes Hilfestellung konnte er verzichten. Das ging lange Jahre gut. Doch zuletzt bremste das mächtige Duo Lemke und Klaus-Dieter Fischer, der 71 Jahre alte Geschäftsführer und Präsident des Stammvereins, Allofs immer öfter aus. Fischer und Lemke können den perfekten Doppelpass spielen, wenn es ihnen dient. Bei den letzten Vertragsverlängerungen haben sie Allofs zappeln lassen. Der „Kicker“ beschrieb es so: „Die Chemie in der Führungsebene stimmte nicht mehr.“ Auch das verursachte Allofs’ Demission.

          In der Führung gibt es eine Pattsituation. Während Lemke Dietmar Beiersdorfer zuneigte, soll sich Fischer für die interne Lösung Frank Baumann ausgesprochen haben. Beiersdorfer wäre der große Wurf gewesen. Doch er schwimmt bei Zenit St. Petersburg im Geld, während Werder Bremen im abgelaufenen Geschäftsjahr einen Verlust von knapp 14 Millionen Euro erwirtschaftet hat. Folgerichtig sagte Beiersdorfer Werder am Samstag ab. Der ehemalige Profi Baumann ist zwei Jahre bei Allofs in die Lehre gegangen und wäre die kleine, schnelle, günstige Lösung. Ihm würde man einen zweiten Mann zur Seite stellen.

          „Willi hat keine Ahnung vom Fußball“

          Nicht alle im und um den Klub finden Lemkes Machtgewinn gut. Der ehemalige Vorsitzende der Geschäftsführung, Jürgen L. Born, vor knapp vier Jahren über eine undurchsichtige Finanzgeschichte gestolpert, war nie Lemkes Freund. Von Allofs hält er viel, er sagt: „Allofs Weggang birgt erhebliche Risiken. Werder braucht jetzt einen globalen Rundumschlag. Man muss sich den ganzen Verein ansehen, strukturell alles durchleuchten, das Verhalten der Verantwortlichen prüfen.“ Er meint Fischer und Lemke. Der 37 Jahre alte Baumann wäre keiner, der ihnen auf die Finger schaut. Für die Bühne Bundesliga ist es ein Verlust, dass Lemke sie nicht wieder betreten will. Zumindest eine Hauptrolle schließt er aus. „Ins Reich der Fabel“ verwies Lemke am Samstag noch einmal alle Spekulationen, die seine Rückkehr ins operative Geschäft beschrieben.

          Unterhaltsam wäre es mit dem kämpferischen Aufsichtsratsvorsitzenden im Tagesgeschäft allemal, denn auf eine Replik seines Lieblingsfeindes beim FC Bayern München müsste Lemke nicht lange warten. Als Lemke Manager war und eine Erfolgsstory mit drei Pokalsiegen, zwei Meisterschaften und einem Europapokalsieg mitschrieb, waren seine hitzigen Duelle mit dem südlichen Antipoden legendär. Es trieb damals Lemke und einen ganzen Verein an, den Großkopfeten Paroli zu bieten. Die Abneigung wird bis heute gepflegt - mit allen Feinden von einst habe er sich vertragen, sagte Hoeneß jüngst. Außer mit Lemke. Der konterte: „Ich mag Uli Hoeneß nicht wirklich und sehe keinen Grund, mich zu versöhnen.“

          Wird es Baumann? Oder Bratseth?

          Es ist ein Glück, dass Lemke nicht Bremer Sportchef wird und werden will. Denn nach wie vor gilt das Diktum des Trainers Otto Rehhagel: „Willi hat keine Ahnung vom Fußball“, sagte Rehhagel einmal. Mitgestaltet hat Lemke die Mannschaft nie. Er reagierte auf die Signale des Trainers. Seine Rolle war die des Verkäufers der Marke Werder Bremen. Besser hat das nur sein Nachfolger gemacht. Vom bissigen Underdog der Lemke-Ära war Werder auch durch Allofs’ einnehmendes Auftreten in den Jahren nach 2004 zum ernsthaften, aber sympathischen Bayern-Rivalen geworden.

          Eigene Ambitionen? Ins Reich der Fabel verwiesen
          Eigene Ambitionen? Ins Reich der Fabel verwiesen : Bild: dapd

          Doch seit 2010 vollzieht sich ein erneuter Imagewechsel. Werder ist in Not: die Finanzen, die Führung, die Mannschaft - Arbeit über Arbeit für Lemke und Fischer. Seit zweieinhalb Jahren geht es mit Werder tendenziell bergab, und derjenige, dem man am ehesten Impulse zutraute, dank Vernetzung und Fähigkeit die alte Stärke wieder herauszuarbeiten, ist nun weg.

          In der Stellenbeschreibung hat Lemke die erforderlichen Fähigkeiten des Neuen schon formuliert: „Er braucht fußballerischen Sachverstand und kaufmännisches Geschick im Umgang mit Beratern.“ Bei der Fahndung nach dem Mann der Zukunft vertraut Lemke dabei dem Wort seines liebsten Werderaners: Thomas Schaaf. Der Trainer darf Wünsche äußern. Hat er auch schon. „Baumi hat sich hervorragend eingearbeitet“, lobte Schaaf seinen früheren Kapitän Baumann. Doch ob der stille Musterprofi an der Seite der Alphatiere Lemke und Fischer überleben könnte? Eine organische Lösung im Sinne der „Werder-Familie“ wäre Baumann. Doch die Lösung, mit der Willi Lemke allgemeine Bewunderung als schlauer Headhunter hervorriefe, hieße Rune Bratseth.

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