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Bremen-Coach Florian Kohfeldt : „Klarer Elfmeter, das sieht ganz Deutschland!“

Erst verärgert, dann versöhnlich: Bremens Trainer Florian Kohfeldt in Mönchengladbach Bild: AP

Mit dem Geist der Kutte: Werder findet gegen Borussia Mönchengladbach seine Intensität wieder. Am Ende beruhigt sich auch Trainer Florian Kohfeldt, der für den Schiedsrichter sogar ein Kompliment übrig hat.

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          Zur neuen Normalität des Fußballs gehört es, dass man ein Spiel zwar nicht unbedingt besser sehen, dafür aber in jedem Fall besser hören kann. So auch am Dienstagabend im Weserstadion, als sich Florian Kohfeldt an der Seitenlinie über einen nicht gegebenen Strafstoß echauffierte. „Klarer Elfmeter, das sieht ganz Deutschland!“, rief der Bremer Trainer noch eine ganze Weile nach der Szene in Richtung des Vierten Offiziellen, was natürlich auch bedeutete: alle, nur ihr nicht.

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          Kohfeldt ist einer, wie die Schiedsrichter längst registriert haben, der ihnen schon mal recht forsch und schnippisch kommt. Später jedoch verteilte derselbe Kohfeldt freigiebig Komplimente an Manuel Gräfe und sein Team. Klar, es habe einen Kontakt gegeben zwischen Christoph Kramer und Davy Klaassen, aber er könne das absolut akzeptieren. Weil Gräfe eine Linie gelassen habe, die dieses packende Spiel erst möglich gemacht habe. Und weil ihm das so allemal lieber sei als eine, wie er sagte, „forensische“ Analyse eines Handspiels nahe am Körper – eine kleine Anspielung an das verlorene Pokal-Viertelfinale in Frankfurt.

          Eine Erkenntnis für Kohfeldt

          Vielleicht war es aber noch etwas anderes. Wäre Werder nach knapp 20 Minuten gegen Mönchengladbach in Führung gegangen, hätte sich mehr oder weniger zwangsläufig etwas an der Statik des Spiels geändert. Dann hätte Werder, wie in der vergangenen Woche nach dem 1:0 in Freiburg, wieder etwas zu verlieren gehabt und wäre womöglich wieder in alte, passive Muster zurückgefallen. Kohfeldt und die Bremer standen am Ende zwar ohne Treffer da, 0:0, aber mit dem Reichtum der Erkenntnis, es mit einer Mannschaft dieser Kragenweite aufnehmen zu können – und zwar über 90 Minuten, und Tendenz gegen Ende sogar steigend. So oft so nahe waren die Bremer dem gegnerischen Tor lange nicht gekommen. Als Davie Selke in der 89. Minute frei vor Yann Sommer zum Schuss kam, war im leeren Weserstadion etwas von der Intensität zu spüren, wie man sie dort aus besseren Zeiten abgespeichert hat.

          Es dürfte außer Kohfeldt selbst zuletzt nicht mehr viele Menschen gegeben haben, die das für möglich gehalten hätten. Aber in der Verfassung vom Dienstag scheint wieder eine ganze Menge machbar. Kohfeldt führte das vor allem auf eine neue Körperlichkeit zurück, die das Team sich in der Pause erarbeitet habe. Seine Spieler, sagte er, seien jetzt wieder in der Lage, den Gegner aggressiv zu bearbeiten, ohne dass sie, „wenn der Ball dann an den Fuß kommt, schon tot sind“.

          Werder wehrt sich: hier Maximilian Eggestein (links) im Zweikampf mit Ramy Bensebaini

          Warum das lange Zeit so war, wird gewiss noch einmal ein Thema für die Aufarbeitung dieser Schreckenssaison. Jetzt aber zählt bei Werder nur noch der Tunnelblick. Möglich, dass der neue Mentalcoach Jörg Löhr dafür ein paar sportpsychologische Basics an die Hand gegeben hat. Die Formel von den „101 Prozent“ etwa, die schon in Freiburg zu hören war, die lautstarke Unterstützung von den Ersatzspielern, bei der Kohfeldt Wert darauf legte, dass sie „von innen heraus“ komme – „alle ,ne Kutte um und auf die Ersatzbank“, das würde nicht funktionieren. Oder das „interne“ Motto, das Kohfeldt am Dienstag nach außen preisgab: „Vier Wochen – alles nur hier drauf.“

          Die Zuspitzung und Verdichtung ohne Unterbrechung durch Länderspielpausen, gehört zu den Charakteristika des Corona-Sonderspielbetriebs, und die Teams haben es in der Hand, ob darin eher Chance oder Risiko liegt. Das war zugleich der größte Unterschied zwischen Bremern und Borussen am Dienstag. Die spielten, als hätten sie alle Zeit der Welt, um sich dank ihrer Qualität durchzusetzen – dabei müssen sie nach dem 1:3 gegen Leverkusen und diesem 0:0 aufpassen, dass sie dem Rhythmus nicht zu lange hinterherlaufen und so die Chance auf Platz vier vertun.

          Zwar nahm das Team den Kampf am Ende an, aber alles in allem hatte es auch etwas von Laissez-faire, wie die Borussen in Bremen auftraten. Bei den auf der Tribüne verteilten Ersatzspielern jedenfalls schien eher Couch- als Kuttenmentalität zu herrschen. So eine Phase komme in einer Saison immer mal vor, sagte Trainer Marco Rose mit einer gewissen Nachsicht. Sein Kollege Kohfeldt hingegen schien mit jeder Faser die Sinne schärfen zu wollen. „Wir haben keine Zeit, wieder eine Formdelle zu bekommen“, sagte er. Sie wäre im Bremer Fall auch nicht mehr zu reparieren.

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